Aktualisiert 31.10.2011 18:35

Aufregung hat sich gelegtDie Angst vor dem Google-Auto verfliegt

Mit den Strassenansichten «Streetside» und «Street View» wollen Microsoft und Google künftig Kasse machen. Was vor einem Jahr die Volksseele erhitzte, stört heute nur noch wenige Deutsche.

von
Jennifer Fraczek, ap
«Das Google-Auto war für viele Menschen Sinnbild einer digitalen Welt, die dabei war, sich die analoge Welt umfassend anzueignen», sagt der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar.

«Das Google-Auto war für viele Menschen Sinnbild einer digitalen Welt, die dabei war, sich die analoge Welt umfassend anzueignen», sagt der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar.

Seit Ende Mai fotografiert Microsoft für seinen Dienst «Streetside» Strassen und Gebäude in mehr als 50 Städten in Deutschland. Einige Bewohner wollen ihre Häuser und Wohnungen aber nicht im Netz sehen und legten Widerspruch ein - doch die Ablehnung war bei weitem nicht so gross wie im vergangenen Jahr, als Googles «Street View» die ersten Bilder aus Deutschland ins Netz stellte.

Eine Chance für den Tourismus?

Am 2. November 2010 gingen Panorama-Bilder vom Kanzleramt online, von Fussballstadien - und einigen Strassen der Ortschaft Oberstaufen im Allgäu. Von den Bildern der Hotels und Gasthöfe, der Wiesen und Wälder drum herum haben sich offenbar durchaus einige Menschen anlocken lassen. «Unsere Gästezahlen konnten wir seit unserer Freischaltung in 'Street View' um rund 13 000 oder sechs Prozent erhöhen», sagt die Geschäftsführerin der Oberstaufen Tourismus Marketing GmbH, Bianca Keybach.

Natürlich könne nicht sicher gesagt werden, ob dieser Zuwachs komplett oder zu welchem Teil er auf das Konto von «Street View» geht. Einige Urlauber hätten aber durchaus davon berichtet, dass sie dadurch zum ersten Mal von dem Ort gehört haben.

Unmittelbar nach der Freischaltung seien zudem die Besucherzahlen von oberstaufen.de um 135 Prozent angestiegen. «Auch im langfristigen Vergleich sind die Zugriffe natürlich angestiegen - wobei das wohl sicher auch ohne Google der Fall gewesen wäre», sagt Keybach. Interessant sei jedoch, dass seit dem 2. November 2010 fast jeder zehnte Besucher der Website zum ersten Mal dort war.

244 000 Beschwerden

Die Gemeinde hatte von Anfang an keine grossen Vorbehalte gegen das Projekt. Andere hatten aber sehr wohl Angst vor einer Verletzung ihrer Privatsphäre. Mehr als 244 000 Menschen legten vorab Widerspruch dagegen ein, dass ihr Wohn- oder Einfamilienhaus bei «Street View» gezeigt wird. Mittlerweile gingen nur noch wenige Widersprüche ein, sagte der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar auf Anfrage.

Allerdings gebe es inzwischen Beschwerden, dass in dem ebenfalls zu Google gehörenden Bilderdienst «Panoramio» Häuser unverpixelt gezeigt werden, die bei «Street View» verpixelt wurden. Dagegen könne die Behörde aber nicht vorgehen.

Auch wenn sich die Aufregung um «Street View» weitgehend gelegt hat, werde das Thema für diejenigen, die Widerspruch eingelegt haben, «erst dann ganz durch sein, wenn auch die Widerspruchsdaten gelöscht wurden, die zur Zeit noch - aus Revisionsgründen - gespeichert bleiben müssen», sagt Caspar. Den teils hitzigen Streit um «Street View» im vergangenen Jahr erklärt sich der Datenschützer unter anderem damit, dass niemand genau wusste, wie der Dienst aussieht und inwiefern die Privatsphäre betroffen sein könnte.

Google hat Pionierarbeit für Microsoft geleistet

«Das Google-Auto war für viele Menschen Sinnbild einer digitalen Welt, die dabei war, sich die analoge Welt umfassend anzueignen», sagt Caspar. Erst die Möglichkeit, dass auf Wunsch Häuserfronten verpixelt werden, habe für Akzeptanz gesorgt. «Street View» habe gewissermassen Pionierarbeit für Microsofts «Bing Streetside» geleistet.

Sowohl Google als auch Microsoft wollen mit ihren unter riesigem Aufwand zusammengestellten Strassenansichten auf lange Sicht natürlich vor allem eines: Geld verdienen. Die Bilder sollen ihre Kartendienste attraktiver machen und für steigende Nutzerzahlen sorgen, die dann auch höhere Einnahmen beim Verkauf von Anzeigen versprechen. Eine weitere Einnahmequelle ergibt sich, wenn die Unternehmen anderen Plattformen, wie etwa Bewertungsportalen, erlauben, ihren Dienst auf deren Seiten einzubinden.

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