Wintersport: Die Angst vor dem Helm-Obligatorium
Aktualisiert

WintersportDie Angst vor dem Helm-Obligatorium

Die Helmtragquote auf Schweizer Pisten steigt seit Jahren. Das freut alle. Von einem Obligatorium will aber niemand etwas wissen. Die Angst ist zu gross – aus verschiedenen Gründen.

von
Marius Egger

Es sind solche Unfälle, die die Quote weiter ansteigen lassen. Solche wie jener des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus, der nach einem tragischen Skiunfall Anfang Jahr vorübergehend im künstlichen Koma lag; zudem kam eine Frau dabei ums Leben. Natürlich freut sich niemand über den tragischen Vorfall, auch nicht die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). «Aber solche Ereignisse wirken sich natürlich auf die Helmtragquote aus», sagt bfu-Beraterin Monique Walter.

Quote auf mindestens 60 Prozent steigern

Tatsächlich ist das Thema Skihelm seit dem Unfall von Althaus überall präsent, täglich, in sämtlichen Medien. Zumal ein Skihelm Althaus vermutlich das Leben rettete. Nur wenige Tage nach dem Unfall bestellten Sporthäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz beim europäischen Marktführer Uvex und seiner Tochter Alpina rund 20 000 Skihelme nach - fünfmal mehr als in der Vorsaison. Bereits tragen in der Schweiz 58 Prozent der Skisportler einen Helm. Die Prognose ist deshalb kaum gewagt: «Diese Saison dürften über 60 Prozent der Wintersportler mit Helm unterwegs sein», so Walter.

Angst vor abschreckender Wirkung

Während in Österreich derzeit über die Forderung nach einer Helmpflicht für Kinder bis 14 Jahre diskutiert wird, will in der Schweiz von einem Helm-Obligatorium aber kaum jemand etwas wissen. «Wir streben kein Obligatorium an», sagt Walter. Sie sehe keine Möglichkeit, ein entsprechendes Gesetz sinnvoll umzusetzen – geschweige denn zu kontrollieren. Zudem befürchtet Walter, dass die Helmtragpflicht auf Wintersportler abschreckende Wirkung haben könnte. «Das könnte einige davon abhalten, Sport zu treiben, und das wäre schade», meint Walter – und ist damit nicht allein.

«Jeder soll selber entscheiden»

Auch der Direktor des Schweizer Skilehrerverbands hält nichts von der Helmtragpflicht auf den Pisten. «Wir raten dringend zum Helmtragen, wir wollen aber kein Obligatorium», sagt Riet R. Campell. Ein entsprechendes Gesetz sei schwer umzusetzen, sagt er. Zudem wollen die Schweizer Skilehrer nicht riskieren, wegen eines Obligatoriums Gäste zu verlieren. «Helm tragen ist absolut wünschenswert, aber jeder soll selber entscheiden dürfen», sagt Campell.

Furcht vor Haftung

Selbst die Schul- und Sportämter verzichten auf ein Obligatorium für ihre Schüler. In Zürich etwa überlässt man den Entscheid den Lagerleitern. «In den rund 20 Schulhauslagern der Stadt Zürich entscheidet jeweils der Hauptleiter über die Helmpflicht», sagt Ursula Homberger, Präsidentin des Vereins SchneeZüri und Verantwortliche für die Organisation der Skilager. SchneeZüri rate «dringend» zu einer Tragepflicht. Wie viele Hauptleiter den Rat tatsächlich umsetzen, weiss Homberger allerdings nicht. Beim Schulamt der Stadt Bern gibt man keine Empfehlung ab. «Die Schulen organisieren die Lager autonom und entscheiden selber über eine allfällige Helmtragpflicht», sagt Irene Hänsenberger auf Anfrage.

Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Schweizerischen Lehrerverbands, glaubt jedoch, dass immer mehr Lehrerinnen und Lehrer das Helmtragen während gemeinsamen Sporttagen oder Skiferien zur Pflicht erklären. Grund ist nicht zuletzt die Frage nach der Haftung. Gerichtsentscheide gegen Lehrer, die nach Unfällen (etwa während Schulreisen) wegen Grobfahrlässigkeit angeklagt wurden, hätten laut Zemp ihre Spuren hinterlassen. Zemp: «Ich habe deshalb grosses Verständnis, wenn Lehrer ihre Schüler zum Helmtragen verpflichten». Ein Muss ist dies allerdings auch für die Lehrer nicht.

10 Prozent Kopfverletzungen

Kluge Köpfe schützen sich: Der langjährige Slogan, der zum Helmtragen animieren soll, gilt mittlerweile auch im Wintersport. Noch in der Saison 2002/2003 lag die Helmtragquote auf Schweizer Pisten bei 16 Prozent. Heute liegt sie bereits bei 58 Prozent - Tendenz steigend. Der Anteil der Kopfverletzungen in Folge Ski- oder Snowboardunfällen liegt bei lediglich 10 Prozent. Weit verbreiteter sind Knieverletzungen oder Knochenbrüche. Die Anzahl Kopfverletzungen ist seit Jahren stabil. Allerdings gibt es keine Statistik über die Schwere der Verletzung. (meg)

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