Nach Gaddafi: Die Angst vor einem zweiten Irak
Aktualisiert

Nach GaddafiDie Angst vor einem zweiten Irak

Muammar Gaddafi droht das Schicksal von Saddam Hussein. Seinem Land soll dies erspart bleiben. Ob es gelingen wird, ist keineswegs sicher.

von
Peter Blunschi

Sie waren ruchlose Diktatoren und bevorzugte Feindbilder des Westens. Beide haben ihr Land jahrzehntelang als «Familienunternehmen» regiert. Nun scheint es, als ob das Schicksal von Saddam Hussein und Muammar Gaddafi auch in Zeiten des Untergangs in parallelen Bahnen verläuft. Wie der irakische Diktator dürfte sich der Libyer in den weitläufigen Bunkeranlagen seiner Hauptstadt verstecken. Es ist nicht auszuschliessen, dass auch Gaddafi in einigen Monaten aus irgendeinem Loch gezogen und schliesslich am Galgen enden wird.

Doch damit sollen die Parallelen enden, so die Hoffnung und das Ziel des Westens. Denn mit dem trotz Rückschlägen absehbaren Ende der Gaddafi-Herrschaft lautet die Frage: Wie kann Libyen das Schicksal des Irak vermeiden? Nach dem US-Einmarsch 2003 versank das Zweistromland in einer Gewaltspirale, aus der es sich auch acht Jahre später nur mit viel Mühe zu befreien versucht. Der britische Premierminister David Cameron sagte am Montag, er sei sich bewusst, dass man die im Irak gemachten Fehler nicht wiederholen dürfe.

Das Versagen der Amerikaner

Dort hatten sich die Amerikaner als Besatzer gebärdet und die Macht erst nach rund einem Jahr an eine provisorische irakische Regierung übergeben. Sie hatten die Armee aufgelöst und die Mitglieder von Saddam Husseins Baath-Partei aus der Regierung entfernt. Damit trieben sie diese in den Untergrund, und mit ihnen grosse Teile der sunnitischen Minderheit, die das Land beherrscht hatte. Auf diese Weise begann nicht nur die Gewalt, auch das Terrornetz Al Kaida konnte sich im Irak etablieren, wo es zuvor keine Rolle gespielt hatte.

Ein ähnliches Szenario ist in Libyen nicht ausgeschlossen, auch dort gibt es grosse Gegensätze zwischen den Stämmen und den Landesteilen. Gaddafi hatte seine Basis im Westen, die Führer der Rebellen dagegen stammen vorwiegend aus der Cyrenaika im Osten. Die Gegensätze könnten rasch aufbrechen. Bereits haben sich die Rebellen in Misrata vom Nationalen Übergangsrat in Bengasi distanziert. Sie fühlten sich von ihm während ihres wochenlangen heroischen Abwehrkampfs gegen die Gaddafi-Truppen zu wenig unterstützt.

Aufruf zur Versöhnung

Premierminister Cameron betonte vor den Medien die Notwendigkeit, dass «alle Teile Libyens an der Zukunft des Landes teilhaben können» – eine kaum verschlüsselte Aufforderung an die Aufständischen, sich nicht an den Gaddafi-treuen Stämmen zu rächen. Mustafa Dschalil, der Chef des Übergangsrats, rief am Montag zur Versöhnung auf und drohte andernfalls mit seinem Rücktritt. Dabei hinterlässt die Rebellenführung derzeit selber keinen geeinten Eindruck, wie etwa die ungeklärte Tötung von Militärchef Abdul Fattah Junis Ende Juli zeigte.

Der Westen will deshalb zu einem reibungslosen Übergang in Tripolis beitragen. «Stabilisierungs-Experten» würden gemäss Cameron seit Monaten mit den Rebellen zusammenarbeiten. Dazu gehört der Einbezug von jenen Teilen des Gaddafi-Regimes, die sich die Hände nicht schmutzig gemacht haben. Dies betrifft auch Polizei und Armee. Ausserdem wird über die rasche Bildung eines provisorischen Parlaments spekuliert, das einer Übergangsregierung die nötige Legitimität verschaffen soll.

Problem Infrastruktur

In mancher Hinsicht müssen die Institutionen ohnehin erst aufgebaut werden, da sie in Gaddafis bizarrem Konzept der «Volks-Dschamahirija» nur rudimentär existiert hatten. Auch die zerstörte Infrastruktur muss möglichst rasch wieder funktionieren – ein oft übersehenes Problem im Irak, das die Bevölkerung jedoch sehr direkt betrifft. «Stromausfälle gehören weiterhin zum Leben im Irak», hielt ein Bericht des US-Generalinspektors für den Wiederaufbau erst kürzlich fest. Die Stromproduktion erreiche gerade die Hälfte des Bedarfs.

Trotz allen Bedenken scheinen die Voraussetzungen vorhanden, dass Libyen ein «irakisches Schicksal» erspart werden kann. Es ist mit rund 6,5 Millionen Einwohnern ein kleines, aber auch sehr reiches Land. Die ethnischen und konfessionellen Gräben wirken weit weniger tief als im Irak, wo die Gegensätze zwischen Schiiten und Sunniten sowie Kurden und Arabern immens sind. Der britische «Guardian» zeigt sich in seinem Kommentar verhalten zuversichtlich: «In Libyen wird sicher einiges schieflaufen, aber es ist keineswegs sicher, dass alles schieflaufen wird.»

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