Aktualisiert 06.06.2011 21:35

Jemen nach SalehDie Angst vor einem zweiten Somalia

Nach dem wahrscheinlichen Abgang von Präsident Saleh wollen Saudi-Arabien und die USA ein Chaos im Jemen verhindern. Dabei gilt: Stabilität kommt vor Demokratie.

von
Peter Blunschi

Präsident Ali Abdullah Saleh ist in Saudi-Arabien operiert worden. Nach wie vor ist nicht klar, wie schwer er verletzt ist. Allerdings hat der Langzeit-Machthaber bereits erklärt, er wolle bald in seine Heimat zurückkehren. Diplomaten und Analysten glauben jedoch nicht, dass die Saudis dies zulassen werden. Für sie ist der einstige Stabilitäts-Garant Saleh längst zur Hypothek geworden, vor allem seit der Jemen zunehmend Richtung Bürgerkrieg abgleitet.

Der arabische Frühling hätte damit «seinen dritten Despoten erledigt», wie der britische «Independent» schreibt. Vor der Frage «Wie weiter im Jemen?» müssen aber selbst vermeintliche Experten kapitulieren. Zu verworren sind die Verhältnisse im ärmsten arabischen Land, das von archaischen Stammesstrukturen geprägt ist. Nur dank einer ausgeklügelten Günstlingswirtschaft konnte sich Saleh Land 33 Jahre an der Macht halten.

Abspaltungsgelüste

Nun droht im schlimmsten Fall ein Chaos wie im benachbarten Somalia, das seit 20 Jahren faktisch keine Regierung mehr hat. Im Jemen gibt es Abspaltungsgelüste sowohl im Norden – durch die schiitischen Huthi-Rebellen – wie im Süden, der im Kalten Krieg ein eigenständiger sozialistischer Staat war. Ausserdem ist der Jemen das Rückzugsgebiet von Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel, dem wohl gefährlichsten Ableger des Terrornetzwerks.

Eine Schlüsselrolle dürfte der Haschid-Stammesverband spielen. Sein Anführer Sadek al Ahmar war zuletzt inoffizieller «Oppositionsführer», seine Anhänger lieferten sich in den letzten Wochen heftige Kämpfe mit Regierungstruppen. Zu den Haschid gehört aber auch der Clan von Ali Abdullah Saleh. Sein Sohn Ahmed Saleh, lange als «Thronfolger» gehandelt, kommandiert eine Eliteeinheit der Armee, ebenso sein Neffe Yahya.

Umstrittener General

Zum «Schiedsrichter» in diesem Machtspiel könnte General Ali Mohsen al Ahmar werden, der laut CNN derzeit «vermutlich mächtigste Mann Jemens». Der Halbbruder des Präsidenten war bereits im März mit seiner Ersten Panzerdivision zur Opposition übergelaufen. Saleh machte ihn für den Raketenangriff vom letzten Freitag auf sein Anwesen verantwortlich, bei dem der Präsident verwundet wurde.

Der Westen dürfte einen möglichen Machtzuwachs von Ali Mohsen al Ahmar mit Besorgnis verfolgen, denn ihm werden Verbindungen zu radikalen sunnitischen Islamisten nachgesagt. Eine US-Diplomatendepesche verwies bereits 2005 auf «Ali Mohsens fragwürdige Geschäfte mit Terroristen und Extremisten». Sein Aufstieg wäre für den Westen und die internationale Gemeinschaft «nicht willkommen», so das von Wikileaks veröffentlichte Papier.

Allerdings soll der General auch gute Kontakte zum saudischen Königshaus pflegen. Dieses wird bei der Gestaltung der Zukunft Jemens ein entscheidendes Wort mitreden. Zwar soll schon König Abdul Asis Ibn Saud, der Gründer der Dynastie, seine Söhne laut dem «Guardian» aufgefordert haben, den Jemen «schwach zu halten». Doch Chaos und Anarchie in ihrem «weichen Unterleib» wäre für die Saudis eine Horrorvision.

Drohnenangriffe gegen Al Kaida

Gleiches gilt für die USA mit Blick auf die Terrorbekämpfung. Ihre Sorge gilt der Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel, die sich auf westliche Anschlagsziele konzentriert. Pentagon und CIA haben deshalb «ständig mehr Männer und Ausrüstung in den Jemen verlegt», schreibt die «Washington Post». Dazu gehören bewaffnete Drohnen. Erst letzte Woche sollen bei einem Angriff im Süden Jemens mehrere Kaida-Kämpfer getötet worden sein.

Erwartet wird deshalb, dass Saudi-Arabien und die USA die verfeindeten Parteien im Jemen zu einem Deal zu bewegen versuchen. Erstes Ziel ist die Stabilität. Auf der Strecke bleiben könnte die studentische Jugend, die nach dem Vorbild von Tunesien und Ägypten Anfang Jahr die Protestwelle gegen Saleh losgetreten hatte. Und mit ihr die Forderung nach Demokratie. Doch die junge, gut ausgebildete Mittelklasse spiele in der konservativen und hierarchischen Gesellschaft Jemens «nur eine marginale Rolle», stellt CNN fest.

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