«Die Anständigen werden lächerlich gemacht»
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«Die Anständigen werden lächerlich gemacht»

Die Schweiz erlebt derzeit ihren härtesten und unfairsten Wahlkampf. Wer profitiert und wer verliert - das erklärt die Politologin Regula Stämpfli im Interview.

20minuten.ch: Frau Stämpfli, wem nützt dieser Brutalo-Wahlkampf, den die Schweiz derzeit erlebt? Den Linken? Oder den Rechten?

Regula Stämpfli: Grundsätzlich profitieren die Plakativen meistens von Medienaufmerksamkeit – sprich: die rechtsbürgerlichen Parteien. Es ist wie überall in den Medien: Die Täter, die Extremen, die Unanständigen kriegen Platz. Während die Opfer namenlos, die Normalen unerwähnt und die Anständigen lächerlich gemacht werden. In dem diesjährigen Wahlkampf ist der Bogen aber schon so weit gespannt, dass viele Wählenden ziemlich Politik verdrossen werden und nicht mehr teilnehmen wollen. Was sehr schade ist.

20minuten.ch: Zahlt sich in der Politik denn «gutes Betragen» überhaupt aus? Oder geht man damit in Schönheit unter, gerade während eines Wahlkampfes?

Stämpfli: Für die Demokratie im Alltag ist gutes Betragen keine Frage des Gewinns, sondern der Notwendigkeit. Während den Wahlen soll und darf es durchaus etwas heftiger zugehen. Zu wünschen wären aber nicht Schlamm- und Negativkampagnen, sondern gut gemachte Themendiskussion. Dass es auch anders geht, zeigt meiner Meinung nach die aktuelle WWF-Werbung mit dem Slogan «Ich bin leider nur ein Plakat...» Da wird mit Humor vereinfacht - und das wirkt mobilisierend. Manchmal sind auch einfach die Werbeheinis der Parteien etwas gar uninnovativ!

20minuten.ch: Aber ist ein braver, nach allen Seiten fairer Wahlkampf tatsächlich wünschenswert? Oder schläft dann das Publikum auf den Rängen ein?

Stämpfli: Wahlen sind keine Unterhaltungsveranstaltung. Es wäre schön, wenn das mehr Journalisten und Politiker merken würden. «Brav» muss nicht automatisch «langweilig» heissen - was ist das für ein Weltbild? Auch ein fairer Wahlkampf kann bissig sein - denken Sie nur an die letzten Frankreichwahlen.

20minuten.ch: Wir haben heute mehr Frauen in der Politik als vor zehn, zwanzig Jahren - weshalb prägen diese Frauen nicht stärker den Stil der politischen Auseinandersetzung?

Stämpfli: Für Politikerinnen ist es viel schwieriger, Öffentlichkeit zu erhalten. In diesem Wahlkampf werden die Frauen nicht einmal gemäss ihres Anteils unter den Kandidierenden erwähnt. Und: Frauen haben achtmal die grössere Chance mit Bild zu erscheinen als mit Titel und Namen erwähnt zu werden. Ich kenne das aus persönlicher Erfahrung: Wenn ich während Fernsehdiskussionen auch nur einen Drittel der Sprechzeit der anwesenden Männer in Anspruch nehme, dann gelte ich schon als dominant. Kurz: Bis Frauen in der Schweiz tonangebend werden, dauert es wohl noch eine Weile. Daran ändert auch ihr statistisches Übergewicht an der Bevölkerung nicht.

Interview:: mma.

Regula Stämpfli

Die Berner Politologin lebt und arbeitet in Brüssel und in der Schweiz. Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin für Politik und politische Philosophie an diversen Bildungsanstalten hat sie zahlreiche Artikel, Kolumnen und Bücher publiziert.

www.regulastaempfli.ch

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