Fitnesscenter in Not: «Die Ansteckungsgefahr wird so eher noch erhöht»
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Fitnesscenter in Not«Die Ansteckungsgefahr wird so eher noch erhöht»

Durch die neuen Corona-Massnahmen droht vielen Fitnesscentern ein Bankrott. Die Einschränkungen seien kontraproduktiv und die Unterstützung gleich null, kritisieren Betroffene – und fordern eine Neuauflage der Kredite.

von
Nathan Keusch

Darum gehts

  • Fitnesscenter leiden unter Schliessungen und verkürzten Öffnungszeiten.

  • Verband und Studiobetreiber fürchten um die Zukunft der Branche.

  • Der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenter-Verband (SFGV) fordert eine Erneuerung der Covid-19-Kredite.

  • Betreiber versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Die Fitnesscenter zittern um ihre Existenz: Seit dieser Woche müssen sie ab 19 Uhr schliessen und sonntags geschlossen bleiben, in einigen Kantonen sind sie zurzeit sogar ganz zu.

Einer der Leidtragenden ist Fabio Villani, der die Fitness-Kette Old School Gym 24 betreibt. Normalerweise würden sich die Besucher auf 24 Stunden verteilen. «Wegen der Massnahmen hatten wir am Montag wie auch am Dienstag einen Besucherrekord.» Im Gym in Allschwil BL waren laut Massnahme-Kritiker Villani statt 10 bis 15 Leute zeitgleich rund 40 Besucher am Trainieren. Auf der Strasse vor dem Fitnesscenter habe sich gar eine Schlange mit 15 Personen gebildet, da die Limite der Räumlichkeiten erreicht gewesen sei. Villani hält die beschlossenen Massnahmen für kontraproduktiv: «So werden die Fallzahlen explodieren.»

Auch Mike Ruhlands Just-Fit-Fitnesscenter in Lenzburg AG ist derzeit zwischen 16 und 19 Uhr vollgepackt. Er verstehe nicht, wieso sein Betrieb nun früher schliessen müsse: «Die Ansteckungsgefahr wird durch diese Massnahmen eher noch erhöht statt gesenkt.» Er habe Tausende Franken in die Schutzkonzepte investiert – und müsse nun trotzdem seinen Betrieb einschränken.

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Ab 19 Uhr und sonntags geschlossen sind auch die Fitnesscenter. In manchen Kantonen bleiben sie gleich ganz zu.

Ab 19 Uhr und sonntags geschlossen sind auch die Fitnesscenter. In manchen Kantonen bleiben sie gleich ganz zu.

Foto: plan-c-fitness.ch
Mike Ruhland betreibt das Just-Fit-Fitnesscenter in Lenzburg AG seit acht Jahren. Er beschäftigt vier Angestellte und eine Lehrtochter. Er sieht nicht ein, wieso sein Fitnesscenter nun früher schliessen muss.

Mike Ruhland betreibt das Just-Fit-Fitnesscenter in Lenzburg AG seit acht Jahren. Er beschäftigt vier Angestellte und eine Lehrtochter. Er sieht nicht ein, wieso sein Fitnesscenter nun früher schliessen muss.

Foto: justfit.ch
Leute, die tagsüber arbeiten, würden sich nun in die Zeit zwischen 17 und 19 Uhr quetschen. So sei die Zahl der Leute, die sich gleichzeitig im Fitnesscenter aufhalten würden, höher als vorher. «Absurderweise wird die Ansteckungsgefahr durch diese Massnahmen eher noch erhöht statt gesenkt», sagt Ruhland.

Leute, die tagsüber arbeiten, würden sich nun in die Zeit zwischen 17 und 19 Uhr quetschen. So sei die Zahl der Leute, die sich gleichzeitig im Fitnesscenter aufhalten würden, höher als vorher. «Absurderweise wird die Ansteckungsgefahr durch diese Massnahmen eher noch erhöht statt gesenkt», sagt Ruhland.

Foto: justfit.ch

«Wir erhalten null Unterstützung vom Bund»

«Mit den neuen zeitlichen Einschränkungen werden sich wohl kaum noch irgendwelche Neukunden anmelden, und bestehende Mitglieder werden ihr Abo unter diesen Umständen ebenfalls kaum verlängern.» Gleichzeitig müssten die Fixkosten für Miete und das fünfköpfige Team weiterhin beglichen werden.

«Wir als KMU müssen ohne Unterstützung durch die Krise, während die grossen Firmen gerettet werden», sagt Ruhland. Von den Rücklagen und den Corona-Krediten vom Frühling sei nicht mehr viel übrig. «Es ist nicht unsere Schuld, dass wir schliessen müssen, und trotzdem erhalten wir null Unterstützung vom Bund», sagt der Fitnesscenter-Besitzer.

«Auch für uns geht es um die Existenz», sagt Patricia Leuenberger, Geschäftsführerin von Plan C Fitness in Kriens LU. Ihr Luzerner Unternehmen ist seit Sonntag aufgrund der kantonalen Massnahmen komplett geschlossen. Deshalb hat Plan C sein Material nun kostenlos an die Mitglieder ausgeliehen.

Denn: Die temporäre Zwangsschliessung möchte Leuenberger als Chance nutzen. «Wir werden die Zeit zum Umbau und zur Neupositionierung des Fitnesscenters einsetzen», sagt Leuenberger. Statt zuzuschauen, wie lange die finanziellen Mittel noch reichen, möchte sie diese lieber in die Zukunft investieren. «Es kommt noch viel auf uns zu, und wir wollen das Beste daraus machen.»

Fitnesscenter seien keine Hotspots

Beim Verband sorgen die Massnahmen für Unverständnis. Die Organisation erkenne den Ernst der Lage – aber die Fitnesscenter seien keine Corona-Hotspots, sagt Claude Ammann, der Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter-Verbands (SFGV). «Bei Stichproben im Oktober wurde kein einziges Virus in einem Schweizer Fitnesscenter nachgewiesen.»

Er sieht ein schweizweites Problem auf die Branche zukommen: «Wir rechnen im Jahr 2020 mit einem Umsatzrückgang von 40 Prozent.» Ohne finanzielle Unterstützung sehe die Lage der kleinen Fitnesscenter düster aus. «Es müssen jetzt Zahlungen kommen, um die Unternehmen zu retten. Sonst droht ein Massenkonkurs.»

Deshalb fordert er in einem Brief an den Bundesrat eine Neuauflage der Covid-19-Kredite. Weiter hofft Ammann, dass es nicht zu einer flächendeckenden Schliessung der Fitnesscenter kommen wird: «Der SFGV fordert den Bundesrat auf, seine geplanten Absichten zu überdenken und weitere Entscheidungen mit Augenmass zu treffen.»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rechtfertigt die Massnahmen: «Leider verschlechtert sich momentan die Situation in der Schweiz, was zusätzliche Massnahmen bedingt», sagt Sprecher Yann Hulmann. Da die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung aktuell sehr hoch ist, gelte es, möglichst viele Kontakte in Innenräumen zu verhindern. «Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion an einem Ort, wo sportliche Aktivitäten stattfinden, ist erhöht.» Konkrete Statistiken zu den Ansteckungsorten hat das BAG allerdings nicht.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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