Massnahmen für Manieren: Die Anti-Spuck-Einheit von Mumbai
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Massnahmen für ManierenDie Anti-Spuck-Einheit von Mumbai

Mumbai ist dreckig - nicht zuletzt wegen der Einstellung seiner Bewohner. Benimm-Detektive sollen die Städter erziehen und verteilen gar Bussen für eine ihrer Lieblingstätigkeiten: das Spucken.

Ein völlig verdrecktes Bahngleis; in Mumbai kein seltener Anblick.

Ein völlig verdrecktes Bahngleis; in Mumbai kein seltener Anblick.

Eine Bushaltestelle in Mumbai: Ein Mann hustet laut und spuckt einen Mund voll braunen Speichels auf die Strasse. Nichts Ungewöhnliches in Indiens grösster Stadt, doch diesmal hat der Mann Pech - eine Manieren-Wächterin hat ihn bei seiner Untat ertappt.

Rajeshree Rajaram Kamble stürzt auf ihn zu und verlangt mit erhobenem Zeigefinger 200 Rupien (3,4 Franken) Strafe. Kamble gehört zu den 25 Benimm-Detektiven, die den Bewohnern Mumbais ihre schlimmsten Unarten auf den Strassen abgewöhnen soll.

Er habe kein Geld bei sich, sagt der Übeltäter, doch so einfach kommt er Kamble nicht davon. Sie zwingt ihn, an einem Saftstand Wasser zu holen und seine Spucke aufzuwischen. «Das reicht noch nicht!», insistiert Kamble und gibt sich erst zufrieden, als alle Spuren beseitigt sind.

Für die Frau in der türkis geblümten Tunika sind solche Auseinandersetzungen Alltag. «Jeden Tag muss ich mit Leuten streiten», sagt Kamble. «Niemand will die Strafe zahlen.»

Wie ihre 24 Leidensgenossen soll die 53-Jährige im Auftrag der Stadtverwaltung Mumbais Einwohnern Manieren beibringen. Viele denken sich einfach nichts dabei, wenn sie auf den Strassen ausspucken, urinieren, Müll abladen oder gar baden.

Verbot ändert wenig

In einer derart verdreckten und überbevölkerten Stadt wie Mumbai scheint Kambles Kampf für mehr Sauberkeit zum Scheitern verurteilt. Doch sie gibt nicht auf. «Jedes Mal, wenn ich jemanden spucken sehe, fängt mein Blut zu kochen an und ich raste aus», sagt Kamble.

Einzige Waffen auf ihrem Feldzug für mehr Ordnung und Sauberkeit sind eine Ausweiskarte, die sie um den Hals trägt, und ein Quittungsblock für die Bussgelder. Eine städtische Verordnung verbietet das Spucken bereits seit sechs Jahren. Doch an den Gewohnheiten der Inder hat das wenig geändert.

Ob an Strassenecken, aus Autofenstern und selbst in Gebäuden - es gibt kaum einen Ort, an dem nicht gespuckt wird. Vor allem die Freunde von Kautabak und Betelnüssen entledigen sich gern öffentlich des braunen Schleims. Auch das Verbot der beliebten Kaumischung Gutka in sieben Bundesstaaten hat daran bislang nichts geändert.

Raja Narasimhan hat eine Kampagne gegen das Spucken in Indien initiiert, doch auch er hat wenig Hoffnung, etwas ändern zu können, da Gutka weiter auf dem Schwarzmarkt verkauft wird. «Es gibt keinen Weg das zu unterbinden», sagt Narasimhan. «Selbst Leute, die im Mercedes unterwegs sind, kurbeln das Fenster herunter und spucken aus.»

Verschiedene Initiativen gescheitert

Die Strafe von 200 Rupien trifft manche Einwohner Mumbais hart - sie entspricht mehr als einem Tageslohn. In den ersten sieben Monaten wurde das Bussgeld nach Angaben der Stadtverwaltung bereits 170 000-mal verhängt.

Neben Wächtern wie Kamble sind seit 2007 Hunderte so genannte «Clean-up Marshals» im Einsatz. Doch diese von privaten Agenturen angeheuerten Ordner sind nach Berichten über eine Reihe von Übergriffen in Verruf geraten.

Auch andere Initiativen scheiterten. Der Umweltaktivist Vijay Sangole zum Beispiel brachte Bilder von Hindugöttern an Stellen an, an denen viel gespuckt wird - in der Hoffnung, dass der Anblick die Menschen innehalten lässt. «Aber sie hielten sich keineswegs zurück», sagt Sangole. «Es gibt absolut keinen Gemeinsinn.»

Ausbreitung von Tuberkulose

Der Medizinerin Soumya Swaminathan geht es beim Kampf gegen das Spucken nicht nur um die Sauberkeit in den Städten. Es sei sehr wahrscheinlich, dass das Spucken zur Ausbreitung von Tuberkulose beitrage, sagt die Leiterin des Nationalen Instituts für Tuberkulose-Forschung.

Täglich sterben in Indien etwa tausend Menschen an der Infektionskrankheit, die durch Tröpfcheninfektion verbreitet wird. Seit März verteilen die Gesundheitsbehörden in Mumbai Poster mit Zeichnungen, die vor den Gefahren des Spuckens warnen.

Verhaltensforscher Ram Prasad aber bezweifelt, dass die Botschaft ankommt. Auch die «Nicht-Spucken»-Schilder verfehlten ihre Wirkung. «Wenn wir auch noch ständig verbreiten, dass viele Leute spucken, dann wird das erst recht zur akzeptierten Norm», warnt er.

(sda)

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