Nahostexperte über Libyen: «Die arabische Revolte ist nicht mehr zu stoppen»
Aktualisiert

Nahostexperte über Libyen«Die arabische Revolte ist nicht mehr zu stoppen»

Ein Sieg der Rebellen in Libyen würde dem arabischen Frühling neuen Schub verleihen, sagt Nahostexperte Udo Steinbach – und warnt vor Verwerfungen in der politischen Neuordnung.

von
Kian Ramezani

Nachdem die libyschen Rebellen grosse Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle gebracht haben, scheint der endgültige Fall des Gaddafi-Regimes nur noch eine Frage der Zeit. 20 Minuten Online fragte den deutschen Nahostexperten Udo Steinbach, was Libyen nach der Ära Gaddafi bevorsteht.

Sehen wir gerade das Ende des Gaddafi-Regimes?

Udo Steinbach: Gaddafi ist definitiv am Ende. Auf diesen Ausgang hatte sich die Rebellen und der Westen geeinigt. Jetzt ist der Moment da.

Nach monatelangem Hin und Her ging es plötzlich sehr schnell. Warum?

Ich sehe hauptsächlich zwei Gründe: Die Rebellen haben zuletzt militärisch mit wachsender Effizienz operiert, unterstützt von der Nato und westlichen Militärberatern. Hinzu kam eine hektische Absetzbewegung der Getreuen Gaddafis. Insbesondere die Flucht seines langjährigen Weggefährten Abdessalam Jalloud dürfte die Nervosität innerhalb des Regimes entscheidend erhöht haben.

Was passiert jetzt mit Gaddafi?

Es gibt einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs, dem er sich auch in Algerien oder Südafrika nicht wird entziehen können. Wenn er die Revolution überlebt, dürfte ihn dasselbe Schicksal ereilen wie zuvor Slobodan Miloševi und Ratko Mladic.

Wächst jetzt die Gefahr von Terroranschlägen?

Al Kaida hatte zuletzt in Nordafrika enorm an Boden verloren und könnte versuchen, das Machtvakuum in Libyen für eine Rückkehr zu nutzen. Ich persönlich sehe eher die Gefahr von Verwerfungen zwischen den Rebellen und Regimeanhängern. Der Nationale Übergangsrat muss jetzt alle Parteien an einen Tisch holen und sie in die politische Neuordnung Libyens einbinden. Nur so lassen sich die absehbaren Verwerfungen zwischen den Konfliktparteien verhindern.

Wie war Ihr bisheriger Eindruck des Nationalen Übergangsrats?

Ehrlich gesagt habe ich gar keinen Eindruck. Der Nationale Übergangsrat ist bisher kaum mit konkreten Ideen über die politische Zukunft Libyens in Erscheinung getreten. Er hat Kontakte im Ausland geknüpft und gepflegt und sich so Nachschub für die Rebellen gesichert. Gleichzeitig bestanden und bestehen Zweifel an seiner Fähigkeit, das Land nach Ende des Bürgerkriegs zu einen.

Momentan scheint es aber keine Alternative zum Nationalen Übergangsrat zu geben.

Das stimmt, trotzdem dürfte seine Halbwertszeit kurz sein – vor allem für jene, die versucht haben, sich von der alten in die neue Ordnung zu retten. Irgendwann wird der öffentliche Druck zu gross sein.

In Ägypten und Tunesien scheinen sich die Islamisten nach der Revolution in eine aussichtsreiche Position gebracht zu haben. Sehen Sie hierfür auch Anzeichen in Libyen?

Auf jeden Fall weniger als in Ägypten, wo die Muslimbrüder seit Jahrzehnten über eine starke Präsenz in der Gesellschaft verfügen. In Libyen standen sie stets am Rand der Gesellschaft.

Der Westen hat sich über die Nato aktiv in den Konflikt eingebracht. Was würde ein Sieg der Rebellen für die EU und die USA bedeuten?

Der Erfolg der Rebellen ist natürlich an die Nato geknüpft, aber das Militärbündnis muss ab jetzt zurückstehen. Der Westen und insbesondere die EU sollten das tun, was sie am besten können, nämlich den Dialog zwischen den verschiedenen Parteien fördern und sie bei einer politischen Neuordnung unterstützen. Auf keinen Fall sollte der Westen ein neokoloniales Gebaren wie im Irak oder in Afghanistan an den Tag legen.

Welche Bedeutung hätte ein Sieg der Rebellen für den Arabischen Frühling?

Die arabische Revolte hat damit einen gewaltigen, sichtbaren Schritt nach vorne gemacht. Wenn auch die Zukuinft im einzelnen noch unklar ist, so hat sie doch eine Kraft entfaltet, die mit den alten Mitteln der Repression nicht mehr aufzuhalten ist.

Auch nicht in Syrien?

Wie zuvor in Libyen kommt der Aufstand auch dort quälend langsam voran. Aber Baschar al Assads Tage dürften ebenso gezählt sein.

Udo Steinbach, 68, lehrt am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien an der Philipps-Universität Marburg. Zuvor leitete er von 1976 bis 2006 das Deutsche Orient-Institut in Hamburg.

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