Corona-Mutation in Wengen BE: Quarantäne-Soldaten werfen Armee Nachlässigkeit vor
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Corona-Mutation in Wengen BEQuarantäne-Soldaten werfen Armee Nachlässigkeit vor

Seit einer Woche befindet sich eine ganze Kompanie WK-Soldaten im Berner Oberland in Quarantäne. Nun äussern sie harsche Kritik – und unterstellen der Armee Führungs- und Verantwortungslosigkeit .

von
Daniel Krähenbühl
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Seit Dienstag, 19. Januar 2021, befinden sich 90 Armeeangehörige in Quarantäne. 

Seit Dienstag, 19. Januar 2021, befinden sich 90 Armeeangehörige in Quarantäne.

Privat
Grund dafür ist ein positiver Corona-Test bei einem Armeeangehörigen.

Grund dafür ist ein positiver Corona-Test bei einem Armeeangehörigen.

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Die Kompanie war in Wengen BE zur Unterstützung des dortigen Ski-Weltcups eingesetzt.

Die Kompanie war in Wengen BE zur Unterstützung des dortigen Ski-Weltcups eingesetzt.

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Darum gehts

  • 90 Armeeangehörige sind seit letztem Dienstag in Quarantäne, weil ein Soldat positiv auf die britische Corona-Mutation getestet wurde.

  • Die betroffenen WK-Soldaten kritisieren die Armee nun heftig.

  • So hätten die verantwortlichen Militärs ihre Führungsverantwortung nicht wahrgenommen und die Gesundheit der Soldaten aufs Spiel gesetzt.

  • Die Armee widerspricht: Abstands- und Hygieneregeln werden laut dem Armeesprecher stets streng durchgesetzt.

90 Soldaten, die mindestens zehn Tage in Quarantäne verbringen müssen: Das ist das Fazit nach dem WK-Einsatz beim Ski-Weltcup in Wengen BE. Weil eine Person positiv auf die britische Corona-Mutation getestet worden ist, befindet sich jetzt ein Teil der 2. Kompanie des Schützenbataillons 14 in St. Stephan BE und auf dem Brünigpass BE in Quarantäne. Diese dauert zehn Tage an und kann nach diesen zehn Tagen nur aufgehoben werden, wenn ein am fünften Tag der Quarantäne erfolgter Test negativ ausgefallen ist. Die Quarantäne kann zudem zur Folge haben, dass die Dienstdauer über die ursprünglich geplante Zeitdauer verlängert wird.

Die betroffenen WK-Soldaten üben nun heftige Kritik: «Die Armee hat es grob fahrlässig in Kauf genommen, dass wir uns mit dem Coronavirus anstecken», sagt R.E.* (29). Diese Meinung teilt Soldat M.O.*: «Die Armee hätte die Corona-Ansteckung verhindern können. Sie hat uns alle grundlos in Gefahr gebracht.»

So sei die Kompanie nach dem Einrücken am 4. Januar zwar auf Corona getestet worden. Corona-Massnahmen wie etwa die Einhaltung des Sicherheitsabstands seien von den Verantwortlichen im Anschluss jedoch nicht mehr durchgesetzt worden, sagt R.E. Und das, obwohl bekannt war, dass es sich bei Wengen um einen potenziellen Corona-Hotspot handelt. «Beim Aufbau für den Ski-Weltcup arbeiteten wir Seite an Seite mit zahlreichen Zivilisten, über Mittag assen wir ohne Abstand zu anderen Personen im Restaurant des Skigebiets und in der Unterkunft – einem Bunker ohne Fenster – haben wir zu zwölft in einem 20-Quadratmeter-Zimmer übernachtet.»

Kein Corona-Test bei Rückkehr aus Urlaub

Während die Rekruten wegen Corona die ersten drei RS-Wochenenden in der Kaserne bleiben müssen, sei den WK-Soldaten Urlaub gewährt worden – unter anderem auch E. «Weil meine Frau schwanger ist, bat ich darum, vor meinem Urlaub einen Corona-Test machen zu dürfen. Das wurde jedoch abgelehnt.» Schliesslich habe er auf eigene Kosten selbst einen Test durchführen lassen.

Auch nach seiner Rückkehr habe ihn die Armee keinem Corona-Test unterzogen, sagt E. Hinweise an seine Vorgesetzten, dass die Armee damit ein Risiko eingehe, seien nicht erhört worden. E. ist bewusst vorsichtig: «Ich habe bereits einen Corona-bedingten Todesfall in der Familie verkraften müssen. Ich will so etwas nicht nochmals durchmachen.»

Armee: «Schutzkonzepte vorhanden»

Die Armee weist die Kritik zurück: «Die Abstands- und Hygieneregeln werden streng durchgesetzt», sagt Armeesprecher Stefan Hofer. Zudem verfüge jede zur Unterbringung der Truppen genutzte Infrastruktur über ein eigenes Schutzkonzept, das vor Benutzung überprüft werde. So sei etwa eine mechanische Lüftung für einen ständigen Luftaustausch überall vorhanden. «Die Räumlichkeiten entsprechen den Covid-Gesundheitsvorschriften und werden regelmässig desinfiziert.»

Trotz Corona sei es unter gewissen Umständen und in Ausnahmefällen im WK möglich, persönlichen Urlaub bewilligt zu erhalten, so Hofer: «Bei einer Beurlaubung von wenigen Tagen ist ein Test aufgrund der Inkubationszeit des Virus nicht vorgesehen. Der Soldat wird vor der Abreise jedoch darüber informiert, dass er für sein Verhalten gegenüber anderen verantwortlich ist, und dass er die Abstands- und Hygieneregeln strikt einhalten muss.» Nach der Rückkehr füllt der Armeeangehörige ein Formular aus, in dem er seinen Gesundheitszustand und seine Kontakte im Urlaub protokolliert. «Ohne Symptome darf die Person zu seiner Einheit zurückkehren.»

*Namen der Redaktion bekannt

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

343 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Schneemann

26.01.2021, 23:35

Wir müssen diesen Wahnsinn beenden. Sei es nur für unsere Kinder und die Ü80 sie sind die Leittragenden.

Mutation anstatt Munition

26.01.2021, 22:45

Dem Bund gleitet alles aus der Hand, nun scheinbar auch noch die Armee! Homeoffice RS etc. sind in der Tat innovative Leerläufe!

Zürcher Ex-Pat

26.01.2021, 11:00

Na ja, zu meiner Zeit in den 80er Jahren in der RS und WK's gab es Corona nicht. Aber die Grippe und andere Krankheiten schon, "Kranke" wurden in den Küchendienst verschoben, damit Einer wirklich ins Spital gebracht wurde, musste er zuerst nahe dem Tode sein. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie ein Brigadier General sagte "2-3% Tote im WK sind doch normal". Ich bin mit nicht sicher dass die Armeeführung heute eine andere Sichtweise hat, gegenüber den jungen Soldaten.