Phänomen Zeitsoldat: Die Armee kämpft an Olympia mit

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Phänomen ZeitsoldatDie Armee kämpft an Olympia mit

Bald rangeln Ueli Maurers Mannen um Edelmetall: Vier unserer Olympioniken stehen im Sold des Militärs. Deutschland und Österreich schicken sogar ganze Heere. Dem Sportkrieger auf der Spur.

von
S. Hehli

Auf der Suche nach militärischen Feinden tut sich die Schweizer Armee derzeit schwer. Zum Glück gibt es da noch die Möglichkeit, ausländische Kontrahenten in sportlichen Wettkämpfen in die Knie zu zwingen. Zum Beispiel ab dem 27. Juli an den Olympischen Spielen in London. Was einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist: In den Reihen der Schweizer Olympioniken kämpfen auch vier Sportsoldaten um Medaillen. Neben den beiden Ruderern Florian Stofer und André Vonarburg sowie dem Fechter Max Heinzer steht mit dem Mountainbiker Nino Schurter auch eine der grössten Schweizer Hoffnungen auf Edelmetall im Armee-Sold.

Das Quartett ist Teil des 18-köpfigen Zeitmilitärteams. Diese Athleten – sowohl aus Sommer-, als auch Wintersportarten – sind mit einem 50-Prozent-Pensum bei der Armee angestellt. Reich werden sie dabei nicht, wie Stephan Zehr, der Chef Spitzensport der Armee, betont: Der Lohn beträgt, variierend nach Alter, rund 2000 Franken. Das Geld sei aber für die meisten ein wichtiger Zustupf zur Existenzsicherung, der garantiert, dass sie den Kopf frei hätten für Training und Wettkampf, sagt Zehr. Zudem dürfen die Spitzensportler die Infrastruktur im Sportzentrum des Bundes in Magglingen benutzen und erhalten dort Kost und Logis.

Cologna als perfekter Botschafter

Für die Aufnahme in den elitären Kreis gibt es hauptsächlich zwei Bedingungen. Erstens müssen die Sportler mindestens das Potenzial für ein olympisches Diplom, also eine Klassierung unter den ersten acht, aufweisen. Für London konnte sich jedoch nur die Hälfte der acht Sommersportler im Programm qualifizieren. Und zweitens müssen die Teilnehmer die Spitzensportler-Rekrutenschule absolviert haben. Das gilt auch für die derzeit vier Frauen: Sie sind freiwillig in die RS gegangen und haben eine kurze militärische Grundausbildung über sich ergehen lassen, um danach von der Sportförderung zu profitieren. Die Spitzensportler dürfen sich für zwei olympische Zyklen von der Armee mitfinanzieren lassen – also maximal acht Jahre lang.

Ihre grössten Stars schickt die Armee nicht nach London – sie sind Wintersportler: die beiden Olympiasieger von Vancouver 2010, Mike Schmid (Skicross) und Dario Cologna. Dank Preisgeldern, Sponsoring- und Werbeeinnahmen ist Langlauf-Dominator Cologna ein gemachter Mann. Nötig hätte er die Unterstützung durch die Armee längst nicht mehr. Doch für Ueli Maurer ist das Geld bestens investiert. Denn wie der Chef des Verteidigungs- und Sportministeriums VBS an einem Empfang für Cologna im Mai herausstrich, ist der Bündner ein hervorragender Botschafter für die Spitzensportförderung. Der Armee-Batzen ermöglichte es 2007 dem damals 21-jährigen Cologna, als Profi voll auf die Karte Langlauf zu setzen.

Nichts im Vergleich zum Ausland

Auch Armeespitzensport-Chef Stephan Zehr kommt es sehr gelegen, Cologna in seinen Reihen zu wissen. Er ist um eine stärkere Aussenwirkung bemüht – ganz nach dem Motto «Tue Gutes und sprich darüber». Rekrutenschulen und Wiederholungskurse für Spitzensportler gibt es seit 2004 – als Folge der mittelmässigen Spiele von Salt Lake City 2002 mit nur drei Goldmedaillen. Die Jobs für Zeitsoldaten kamen 2006 dazu. In den Anfängen habe die Armee sehr defensiv kommuniziert, um sich nicht dem Vorwurf des «Staatssports» auszusetzen, sagt Zehr. Seit er 2008 zum Kommandanten aufstieg, hat sich das geändert. Deshalb wünscht sich der Oberstleutnant auch, dass künftig auf den Trikots seiner Athleten der Schriftzug «Schweizer Armee» prangt.

Geht es nach Bundesrat Maurer, wird die Zahl der Soldaten mit VBS-Lohn in den nächsten Jahren verdoppelt. Doch auch dann hätte der Schweizer Sport noch bei weitem nicht gleich lange Spiesse wie die Nachbarländer. Deutschlands Armee betreibt 15 Stützpunkte für Spitzensportler und Trainer und hat fast 800 von ihnen zu hundert Prozent angestellt. 17 der 30 deutschen Medaillen in Vancouver wurden von Soldaten errungen. Von der 400-köpfigen deutschen Delegation für London hat ungefähr jeder Dritte zuhause eine Uniform hängen.

Maurers Liebe zum Velo

Auch Österreich unterhält ein kleines Heer von 200 Sportkriegern. Ähnliche Fördersysteme gibt es in den Armeen und Polizeikorps Frankreichs und Italiens – mit dem früheren Carabiniere und Ski-Star Alberto Tomba als bekanntestem Vertreter.

«Im Vergleich dazu haben wir nur ein kleines, wenn auch feines Nischenprodukt», sagt Zehr. Er und Ueli Maurer werden am 12. August ihrem Mountainbike-Soldaten Nino Schurter besonders den Daumen drücken – in der Hoffnung, bald einen weiteren vergoldeten Imageträger für die Armee zu haben. Besonders süss wäre ein Triumph eines Velo-Olympioniken für den VBS-Chef: Der frühere Radfahrer-Major Maurer trauert noch immer seiner 2003 ausrangierten Truppe nach.

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