Demonstration der Stärke: Die Atombomben waren nicht kriegsentscheidend

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Demonstration der StärkeDie Atombomben waren nicht kriegsentscheidend

Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seien notwendig gewesen, um Japans Kapitulation zu erzwingen. Doch es gibt Zweifel an der Version.

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Der Pilz der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945.

Der Pilz der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945.

Keystone/AP
Die vier Tonnen schwere Bombe «Little Boy» explodierte Punkt 8.15 Uhr ...

Die vier Tonnen schwere Bombe «Little Boy» explodierte Punkt 8.15 Uhr ...

PD
... etwa 580 Meter über dem Stadtzentrum und legte die Stadt in Schutt und Asche.

... etwa 580 Meter über dem Stadtzentrum und legte die Stadt in Schutt und Asche.

PD

Offiziell heisst es, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki hätten eine Invasion Japans überflüssig gemacht und so Hunderttausenden von US-Soldaten und Zehntausenden von japanischen Zivilisten das Leben gerettet haben. Doch stimmt das? Tatsache ist, dass Japan bereits am Boden lag, als die Bomben fielen.

Laut namhaften Historikern wie Tsuyoshi Hasegawa von der University of California ist es nicht Hiroshima gewesen, das Japan am 15. August 1945 kapitulieren liess, sondern die Kriegserklärung der Sowjetunion an Japan am 8. August 1945.

Nicht sonderlich beeindruckt

Tatsächlich scheint die japanische Führung von den Zerstörungen in Hiroshima nicht sonderlich beeindruckt gewesen sein. «Es gab keine Krisensitzung (des Obersten Kriegsrats in Japan) nach Hiroshima», erklärt US-Friedensforscher Ward Wilson der Nachrichtenagentur dpa. Für Japans Führung sei es bloss eine weitere Zerstörung einer Stadt mit Brandbomben gewesen. Schon in den Wochen vor Hiroshima hatte das US-Militär mehr als 60 Städte, darunter Tokio, mit den heftigsten Bombardements der Kriegsgeschichte überzogen.

Japan war klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Es galt nur noch, ihn zu den bestmöglichen Bedingungen zu beenden. «Für die japanische Regierung war das Beharren auf bedingungsloser Kapitulation das grösste Problem, da der Erhalt der mit der japanischen Nation gleichgesetzten Monarchie dadurch infrage gestellt war», schreibt der Japan-Experte Florian Coulmas.

Tatsächlich habe es auf japanischer Seite Bemühungen um einen Verhandlungsfrieden gegeben. Seit Mai führte Tokio Gespräche mit der neutralen Sowjetunion. Man hoffte auf Moskau als Vermittler.

Bis zum letzten Blutstropfen

Eine weitere Option war, den Krieg gegen die Alliierten bis zum letzten Blutstropfen weiterzuführen. Auch als die Bombe auf Hiroshima fiel, standen Japan weiter beide Optionen offen. Erst als sowjetische Truppen in die Mandschurei einmarschierten, wurde der japanischen Führung die Aussichtslosigkeit der Lage klar. Erst jetzt, am Morgen des 9. August, begann Japans Oberster Kriegsrat, die bedingungslose Kapitulation zu diskutieren.

Am selben Tag warfen die Amerikaner eine zweite Atombombe, diesmal auf Nagasaki. Doch zu dem Zeitpunkt tagte der Kriegsrat bereits. «Der Eintritt der Sowjets in den Krieg spielte in der Tat eine grössere Rolle als die Atombomben dabei, Japan zur Kapitulation zu veranlassen», schlussfolgert auch Hasegawa.

Krieg so schnell wie möglich beenden

Für US-Präsident Harry Truman dürfte es die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen sein. Denn es gab genügend Gründe, die gegen einen Abwurf der Atombombe sprachen: Bereits Mitte des Jahres 1944 wurde in den USA deutlich, dass die Kapitulation der Japaner nur noch eine Frage der Zeit war.

Mit der für Oktober 1945 geplanten Operation «Downfall» hofften die Amerikaner, Japan zu überwältigen und letztlich in die Knie zu zwingen. Die Invasion, die mit einem Angriff auf die Insel Kyushu beginnen sollte, blieb bis wenige Wochen vor dem Abwurf über Hiroshima der amerikanische Plan der Wahl.

Doch letztlich hatte für den erst im April 1945 angetretenen Truman vor allem eines Priorität: dem Krieg so schnell wie möglich, mit so wenigen US-Opfern und so geringen Kosten wie möglich ein Ende zu bereiten. Dies sei «allumfassender» Zweck gewesen, als die Atombombe fertiggestellt war, schreibt Nathan Donohue beim Center for Strategic and International Studies (CSIS). Zudem musste Truman die immensen Kosten des Nuklearwaffen-Programms rechtfertigen: Bis Ende 1945 hatte es satte 1,9 Milliarden Dollar verschlungen – was heute knapp 25 Milliarden Dollar entsprechen würde.

Bombardierung von Zivilisten gängige Praxis

Nach Einschätzung von Historiker Samuel Walker entschieden die USA sich auch für den Abwurf, um den Sowjets ihre Stärke zu demonstrieren. Hiroshima wurde angesichts der sowjetischen Kontrolle Osteuropas und des nahenden Kriegsendes eine wichtige Kampfansage an Moskau.

Zudem hatte sich die Bombardierung von Zivilisten 1945 tragischerweise als gängige Praxis durchgesetzt. Und nicht zuletzt suchte Washington nach einer passenden Antwort auf die japanische Attacke auf Pearl Harbor von 1941.

Als ein General den Einsatz der Atombombe infrage stellte, antwortete ihm Truman: «Wenn du mit einer Bestie fertig werden musst, musst du sie wie eine Bestie behandeln.»

Kaiser massgeblich beteiligt

In Japan ist die Geschichte der Atombomben unvermeidlich durch die Opferperspektive bestimmt. Dass Hiroshima eine «gerechte Strafe» für Japans Aggressionskrieg gewesen sei, akzeptieren nur wenige. Japan habe zwar Unrecht begangen. Trotzdem seien die Atombomben Verbrechen an unschuldigen Zivilisten gewesen. Hätte Japan sie vermeiden können?

Historiker werfen der von den Militärs dominierten Regierung vor, dass sie der eigenen Bevölkerung den Krieg mit ihrer unnachgiebigen Position, eine bedingungslose Kapitulation nicht zu akzeptieren, so lange zugemutet habe. Herbert Blix zufolge war Kaiser Hirohito, den die Japaner als Gott verehrten, daran massgeblich beteiligt. «Gemeinsam mit den militaristischen Falken in seiner Regierung ist er für die Toten von Hiroshima und Nagasaki mitverantwortlich», schlussfolgert denn auch Coulmas.

Die Gewalt der Bomben ist auch Tage und Wochen nach der Detonation noch sichtbar. (Video: Youtube/Wini500) (fee/sda)

Der Weg zur Atombombe

Unter dem Decknamen «Manhattan Project» forcierten die USA in den 1940er-Jahren die geheime Entwicklung einer eigenen Atombombe. Damit wollten sie Nazi-Deutschland zuvorkommen und den Zweiten Weltkrieg so rasch wie möglich siegreich beenden.

Den Beschluss zum Bau der Bombe fasste Präsident Franklin D. Roosevelt im Dezember 1941. Wichtige Vorleistungen waren bereits an der Columbia University im New Yorker Stadtteil Manhattan und anderswo erbracht worden. 1942 wurde das Zentrum der Forschungen nach Los Alamos in New Mexico verlegt. Militärischer Chef war General Leslie R. Groves. Als «Vater der Atombombe» gilt der Physiker J. Robert Oppenheimer.

Am 16. Juli 1945 detonierte die erste Testbombe in der Wüste. Drei Wochen danach warfen US-Flugzeuge Bomben auf japanische Städte – «Little Boy» auf Hiroshima und «Fat Man» auf Nagasaki. Unter dem Eindruck der Zerstörungen distanzierte Oppenheimer sich von Atomwaffen.

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