Aktualisiert 17.06.2011 11:50

Spionage erlaubt

Die aufwändige Jagd nach den jungen Talenten

Die U21-Europameisterschaft ist ein Eldorado für Scouts, Manager und Spielerberater. Leverkusen-Manager Michael Reschke erklärt, wie das Geschäft funktioniert.

von
Eva Tedesco, Aalborg
Wie eine riesige Castingshow: Auch die Schweizer U21-Nati ist in Dänemark im Visier der zahlreich anwesenden Scouts. (Keystone/AP)

Wie eine riesige Castingshow: Auch die Schweizer U21-Nati ist in Dänemark im Visier der zahlreich anwesenden Scouts. (Keystone/AP)

Über 100 Späher (englisch: Scouts) sichten an der EM-Endrunde in Dänemark künftige Stars. Vertreten sind Klubvertreter von Bayern München, Leverkusen, Manchester United, Liverpool, Chelsea und Valencia. Aber auch Franzosen (Lille, Lyon), Italiener (Palermo, Udinese), Holländer und «Spione» aus fast allen europäischen Ligen sind vertreten. Darunter bekannte Namen wie der einstige Dänen-Star Jörn Andersen, Frank Arnesen (ex Chelsea-Manager, heute HSV), Trainer Dieter Hecking (Nürnberg), Michael Skibbe (ex Leverkusen und Frankfurt) und Leverkusen-Manager Michael Reschke.

«Diese Endrunden sind wichtig für Scouts und Klubvertreter, aber ein Muss für jede Spieleragentur», sagt Reschke, während er die Tribüne auf bekannte Gesichter checkt. Tatsächlich wird der Bayer-Manager fündig. Man kennt sich untereinander. «Man tauscht einige Worte miteinander, macht Termine aus, knüpft Kontakte und führt vielleicht auch einige Gespräche», so Reschke, «aber man legt nie alle Karten auf den Tisch.»

Die Klubs führen Datenbanken über Talente

Genau kann Reschke es nicht beziffern, wie viele Spieler er pro Jahr scoutet. «Einige hundert werden es schon sein», sagt der 53-Jährige, der seit 1979 beim Pillenklub angestellt und seit 2003 Manager ist. Die Talente werden über Jahre beobachtet, erfasst und die Daten permanent aufdatiert. Die Entwicklung des Talents mitzuverfolgen, ist fundamental, zumal die Erfassung immer früher beginnt. Deshalb besuchen die Scouts auch Junioren-Turniere und Nachwuchs-Meisterschaften. «Leverkusen ist ein Kauf- und Verkauf-Klub und deshalb ist es zudem entscheidend, dass wir vorbereitet sind.» Sollte aktuell Vidal zum Beispiel im Sommer doch abgegeben werden, hat der Manager bereits diverse Möglichkeiten bereit, die Position neu zu besetzen.

Dabei heisst es abzuwägen, was der Spieler aktuell leistet, die Perspektiven, die sich mit dem Spieler für den Klub eröffnen und natürlich die wirtschaftliche Realisierbarkeit. An einem Spiel nimmt ein Scout in der Regel maximal fünf Spieler raus, die er bezüglich Schnelligkeit, auch Handlungsschnelligkeit, technischer und taktischer Fähigkeiten genau beurteilt. Reschke erklärt den langen Weg bis zum Transfer an Schweizer Beispielen. «Ganz junge Spieler sieht man meist in den Auswahl-Mannschaften, erfährt über Empfehlung von ihnen oder manchmal stolpert man auch zufällig über ein Talent bei einem der vielen Spiele, die man sich während eines Jahres anschaut.»

Shaqiri und Xhaka stehen im Fokus

So führt Reschke unter anderen Schweizern auch Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri in der Bayer-Datenbank. Und das nicht explizit, weil Leverkusen gute Erfahrung mit Schweizern gemacht hat. «Ich habe über Jahre immer wieder Spiele beobachtet und konnte so Buch über die Entwicklung der beiden führen.» Zusätzlich erkundigen sich die Scouts ebenso über Persönlichkeit, Probleme und Umgangsformen des Spielers wie über den Ausbildungsstand. Nur wenn das Gesamtpaket (Investment – Perspektiven – Realisierbarkeit – Ist-Zustand) stimmt, geht es in die nächste Phase. «Da ist in der Regel der Berater der Schlüssel», so Reschke, der erst spät den direkten Kontakt mit dem Spieler sucht. «Ich hole mir Informationen über Charakter, familiäre Verhältnisse, Freunde und dergleichen. Am besten holt man die über einen Berater, aber klar ist das eine Frage des Vertrauens.»

Ist einem der Berater suspekt, kommt es vor, dass der Klub auf den Spieler verzichtet. Aber diese Kröte muss man schlucken, wenn man einen Spieler unbedingt haben will. «Je früher man entscheidet, desto grösser ist das Risiko.» Manchmal muss man auch Mumm haben, früh zu entscheiden. Denn der «Handel» mit den Top-Talenten geht immer früher los und man steht mit leeren Händen da, wenn man zu lange wartet. Wie bei Shaqiri und Xhaka, die für Reschke unerwartet schnell aus dem Budgetrahmen der Leverkusener katapultiert wurden. «Angebot und Nachfrage beherrschen halt den Markt.»

Trotz Datenbank bleibt es beim Bauchentscheid

Trotz der akribischen Erfassung der Spielerdaten - oft entscheiden die Verantwortlichen aus dem Bauch heraus. «Fussball ist und bleibt nun mal eine emotionale Sache», sagt er. Garantien dafür, dass ein Rohdiamant tatsächlich zum Juwel wird, gibt es im Fussball keine. In den Grossklubs mit zehn und mehr Scouts läuft der regelmässige Austausch über einen Chefscout, der auch den Kontakt zum Trainer und Management hält. Reschke scoutet nicht nur, er gehört auch zu den Entscheidungsträgern. Aber es kann schon vorkommen, dass er einen Spieler scouten muss, den ein Trainer irgendwo ausgemacht hat.

Aber nicht alle Manager sind von der Jagd nach den Talenten begeistert. So wehrte sich Volker Finke einst im Magazin «Der Spiegel» gegen diese «perverse Jagd». Zitat Finke: «Da zerren alle an denselben Talenten und reissen sie aus der häuslichen Umgebung. Ich behaupte, dass die Erfolgserlebnisse im normalen Leben die Persönlichkeit entscheidender prägen.» Nur war Finke damals noch Trainer bei Bundesligist Freiburg. Ob er heute als Sportdirektor des 1. FC Köln immer noch so denkt...? Auf jeden Fall beschäftigt er neun vollamtliche Späher bei den «Geissböcken» und einer spioniert auch an der EM in Dänemark.

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