Alvin Zealot: «Die Band ist wie ein wertvolles Geschenk»
Aktualisiert

Alvin Zealot«Die Band ist wie ein wertvolles Geschenk»

Vier Luzerner Maturanden setzen alles auf die Karte Musik. Ein Besuch im Proberaum der Indierock-Newcomer Alvin Zealot.

von
Martin Fischer

33 Stufen führen hinunter in den Schulhauskeller in Luzern. An der Decke kleben Eierkartons, an den Wänden violette Tücher und ein Poster von Lenny Kravitz. Jeremy, Benjamin und Nick hängen sich die Instrumente um, Kim setzt sich hinters Schlagzeug. «Wir sind wirklich laut. Willst du Ohrstöpsel?» Beni spielt den Anfangsakkord des Songs «Sweet Frankie» – Jery ruft: «Stopp! Stimm die Gitarre nochmals.» Dann legen die vier los und füllen den fensterlosen Proberaum mit ihrem energetischen und gefühlvollen Indie-Rock.

Letzten Sommer waren Alvin Zealot (sprich: Älwin Se-lott) drei Wochen im Studio. Dort entstand ihr Debütalbum. Ein Meilenstein für die junge Luzerner Band. «Als die Auf­nahmen schon fast fertig waren, gingen wir im Wald neben dem Studio grillieren. Es war, wie ich es mir immer erträumt hatte, wenn ich mal mit der Band im Studio sein würde», schwärmt Nick. «Ich sah uns plötzlich von aussen und hatte das Gefühl, dass die Band wie ein wertvolles Geschenk ist. Und dann sahen wir am Himmel diese Sternschnuppen. Das war fast schon kitschig.» Die Meteoritenschauer, die im August manchmal über den Nachthimmel ziehen, heissen auf Englisch Tears of St. Lawrence. So haben Alvin Zealot auch ihr Album getauft.

Sänger Beni, Gitarrist Jeremy und Bassist Nick kennen sich seit der Primarschule. Drummer Kim kam später dazu. Alle vier wohnen bei ihren Eltern in Luzerner Vororten. Nick und Jeremy pauken gerade für die Matura, die Prüfungen beginnen diese Woche. Beni und Kim haben das schon vor einem Jahr hinter sich gebracht. Wenn sie nicht gerade mit der Band proben, jobben die beiden: Kim im Service, Beni gibt Nachhilfe «in allem Möglichen, Mathi, Deutsch und so» und moderiert zweimal pro Woche die Morgensendung beim Jugendradio 3fach. Im Juli, wenn alle ihre Matura im Sack haben, gibts endlich wirklich nur noch die Band.

«Wir haben zwei Jahre an unseren Gedankenschlössern gebaut. Jetzt kommt endlich alles in Bewegung, Alvin Zealot werden greifbar», sagt Beni. Zwei Stunden lang erklären die vier Jungs ausführlich ihre Welt, die sie in diesem Keller geschaffen haben. Und was für Träume hier drin wachsen. Kim: «Ich habe mir immer gewünscht, dass ich reisen und die Welt sehen kann. Mit der Band geht das. Das wäre das Schönste: mit den Jungs in einem Bus unterwegs zu sein. Über die Schweizer Grenzen hinaus. Das Benzin wird bezahlt, und die Nachos auch.»

Von der Matura zum Rockstar also? Beni wehrt ab: «Ich finde, Rock­star ist ein lascher Begriff. Ich mag ihn nicht. Was definiert denn einen Rockstar?» Jery liefert die Antwort: «Wenn du Musik machst und die Mädchen auf dich stehen und du ein cooler Typ bist.» «Aber darum geht es uns ja eigentlich gar nicht», schaltet sich Nick ein. «Natürlich haben wir nichts gegen Mädchen und cool sein. Aber ich male mir das nicht so aus. Für mich geht es mehr um einen Zukunftsglauben, eine Art wässeriges Vertrauen, dass das mit der Band gut kommt und wichtig ist.» Beni nickt und sagt: «Ich will später nicht in meinem Einfamilienhäuschen oder im Schrebergarten sitzen, zurückschauen und denken, ich hätte nicht alles versucht. Musik machen ist für uns auch die Lust, ein Leben lang Kinder sein zu können.» Alvin Zealot ist es sehr ernst. Auf einige Fragen weigern sie sich zu antworten. Lieblingsbands? Groupies? Drogen? «Müssen wir darauf antworten? Darüber wollen wir eigentlich nicht reden.» Sie haben sich vor dem Interview abgesprochen. Es ist klar: Die Jungs ziehen das hier richtig durch.

Wer die Band live sieht, spürt ihre Anziehungskraft, die Kreativität, die Freude. Auch beim Friday-Shooting legen sie sich ins Zeug. Beni schlägt vor: «Komm, wir räumen den Kühlschrank aus und zwängen uns alle hier rein! Oder soll ich mir die Tuba überstülpen?» Schliesslich entscheidet er sich für Nacho-Sauce, die er sich in sein hübsches Gesicht streicht.

Nach der Probe und nach dem Interview, weit nach Mitternacht, zwängen wir uns zu fünft in Kims Mini. Wir fahren in die Stadt zu irgend­einer Party. Dort tauchen immer wieder hübsche Girls neben uns auf. Die vier Jungs sind eben wirklich cool. Schon ein bisschen Rockstars. Wenn sie so weitermachen, werden sie die 33 Stufen aus dem Keller schnell hochsteigen. Und noch höher.

Das Artwork erinnert an einen alten Comic. Hauptdarsteller ist Alvin the Zealot, eine Figur, die sich die Band ausgedacht hat: «Ein junger Mann mit Zylinder und Frack, der die Welt entdeckt und Abenteuer erlebt, wie wir.» Er steht auch im ersten Video im Zentrum, das soeben fertig geworden ist. Musikalisch spuckt das Debütalbum der vier Vorstadtjungs grosse Töne: Die dreizehn Songs überzeugen mit Spielfreude und überraschendem Songwriting — mal laut, mal leise, mal ernst, mal verspielt. Ein Indie-Rock-Versprechen für die Zukunft. (Irascible)

> live: 27. Mai, Grabenhalle, St. Gallen, 12. Juni, Imagine Festival, Basel – und jeden Dienstag im Juni im La Catrina in Zürich.

Deine Meinung