Pascale Bruderer: «Die Batterien reichen nur für ein Jahr»
Aktualisiert

Pascale Bruderer«Die Batterien reichen nur für ein Jahr»

Pascale Bruderer war bis gestern die höchste Schweizerin. Warum sie sich über laute Parlamentarier geärgert hat und wie sie den Staatsvertrag mit den USA rettete.

von
Ronny Nicolussi
Der letzte Tag im Büro der Nationalratspräsidentin. Ab heute ist SP-Politikerin Pascale Bruderer wieder eine «normale» Nationalrätin, wie sie sagt.

Der letzte Tag im Büro der Nationalratspräsidentin. Ab heute ist SP-Politikerin Pascale Bruderer wieder eine «normale» Nationalrätin, wie sie sagt.

Frau Bruderer, seit heute sitzen Sie wieder unter den Parlamentariern und nicht mehr auf dem Stuhl der höchsten Schweizerin. Mit welchen Gefühlen haben Sie Ihr Amt Jean-René Germanier (FDP/VS) weitergegeben?

Pascale Bruderer*: Mit einem sehr guten Gefühl. Ich kann zurücktreten mit Befriedigung und vielen bereichernden Erfahrungen. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrungen sammeln durfte und habe viel Wertschätzung gespürt hier im Saal, aber auch von den Schweizerinnen und Schweizern. Für mich war es eine rundum positive Erfahrung. Da fällt es einem auch leichter, einen Schritt zurück zu machen und Platz zu nehmen, unter den «normalen» Ratsmitgliedern.

Eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung?

Nein. Man weiss ja, dass es nach einem Jahr fertig ist und stellt sich darauf ein. Und in dieser Intensität reichen wohl die Batterien auch nur für ein Jahr.

Welches Erlebnis blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Als Nationalratspräsidentin ist man unter anderem für die Vorbereitung und Durchführung der Session im Nationalrat verantwortlich. Da war der Höhepunkt bestimmt die Bundesratswahl im September. Als Nationalratspräsidentin inmitten der Legislatur kann man nicht erwarten, dass man dazu kommt, Ersatzwahlen durchführen zu können. Ich durfte gleich zwei neue Mitglieder (Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann) vereidigen. Zudem war es eine historische Wahl, die zu einer Frauenmehrheit im Bundesrat geführt hat.

Sie vertraten als höchste Schweizerin auch das Parlament nach aussen – gegenüber dem Ausland und der Schweizer Bevölkerung.

Der zweite Bereich war mir am wichtigsten: der Brückenschlag aus dem Bundeshaus hinaus zur Bevölkerung. In Gesprächen mit unterschiedlichsten Leuten versuchte ich herauszufinden, was die Menschen beschäftigt, was sie interessiert. Diese vielen alltäglichen Begegnungen haben mich genauso geprägt wie die ganz grossen Ereignisse. In der internationalen Politik hatten wir an einer Konferenz sämtliche Parlamentspräsidenten aus der ganzen Welt zu Gast in der Schweiz. Das war für mich ideal. Ich konnte viele wichtige bilaterale Gespräche führen, ohne weit reisen zu müssen.

Sie haben für Ihr Amtsjahr viel Lob erhalten. Ist Ihnen trotzdem auch einmal ein grosser, von der Öffentlichkeit unbemerkter Patzer passiert?

Nein, einen grossen Patzer gab es nicht. Darüber bin ich natürlich auch froh. Ich habe auch sehr viel Zeit in die Vorbereitungen investiert. Für mich ist es wichtig, dass die Parlamentspräsidentin nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sondern die Vorbereitungen so gut trifft und den Rat effizient und klar strukturiert leitet, dass das Parlament seine Arbeit gut machen kann.

Für viele ist dieses Amt die Krönung einer langen Politkarriere. Sie sind hingegen erst 33 Jahre alt. Was kann da noch kommen?

Ich bin im Verlauf der vergangenen 14 Jahre, in denen ich politisch tätig bin, gut damit gefahren, nicht ständig auf den nächsten Schritt zu schielen, sondern die volle Konzentration den aktuellen Aufgaben zu schenken. Daran will ich festhalten. Als Nationalratspräsidentin hatte ich zwar Einblick in die ganze Breite an Dossiers, konnte aber kaum in die Tiefe gehen. Jetzt will ich mich wieder mehr in Dossiers vertiefen und ich kann auch wieder Stellung beziehen. Darauf freue ich mich.

Noch mehr in die Tiefe könnten Sie sich als Regierungsrätin oder gar als Bundesrätin in ein Dossier einarbeiten. Würde Sie das nicht reizen?

In diesem Jahr wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob ich mir eine Bundesratskandidatur vorstellen könnte. Und ich habe die Frage mit gutem Gefühl im Bauch und im Kopf mit Nein beantwortet. Ich freue mich auf die parlamentarische Arbeit.

Besucher im Nationalrat sind immer wieder erstaunt, wie laut es während einer Parlamentsdebatte im Saal zu und her geht. Sie galten als strenge Nationalratspräsidentin, die sich immer wieder bemühte, den Lärmpegel zu senken. Ist Ihnen das gelungen?

Nein, nicht gut genug, obwohl ich es ernsthaft versucht habe. Ich finde nach wie vor, der Respekt vor dieser Institution Parlament und der Respekt vor den Menschen, die das Parlament besuchen, würde es gebieten, dass man ruhig ist oder zumindest ruhiger, als es jetzt der Fall ist. Das ärgerte mich als Präsidentin und das wird mich auch weiterhin ärgern als Ratsmitglied.

Wer ist diesbezüglich der mühsamste Parlamentarier?

Den gibt es nicht. Ich könnte nicht einmal sagen, dass es eine Fraktion gibt, die lauter ist als eine andere. Es gibt in allen Fraktionen von Links bis Rechts Parlamentarier die rücksichtsvoll und solche die weniger rücksichtsvoll sind.

Welches war für Sie der schwierigste Moment im Parlament?

Es gab bei der Debatte zum Staatsvertrag zwischen der Schweiz und den USA wegen der UBS einen Moment, der mir Mühe bereitete. Im Nationalrat wurde der Vertrag abgelehnt, im Ständerat wurde er angenommen. Deshalb mussten wir im Nationalrat ein zweites Mal darüber befinden. Ich wusste, bei einem zweiten Nein wäre die Vorlage definitiv vom Tisch. Die Schweiz wäre damit Risiken eingegangen, die schwierig einschätzbar waren.

Was haben Sie also getan?

Ich habe die Ständeratspräsidentin und sämtliche Fraktionspräsidenten an diesen Tisch hier im Büro der Nationalratspräsidentin geholt und gefragt, ob jemand wirklich ein ernsthaftes Interesse daran habe, den Vertrag abzulehnen. Niemand reagierte. Da wurde mir klar, dass die Ablehnung nicht am Wunsch lag, das Geschäft fallen zu lassen, sondern an einer Blockade unter den Parteien. Es gelang mir allerdings nicht, diesen eckigen in einen runden Tisch zu verwandeln.

Trotzdem wurde der Staatsvertrag im Nationalrat am Ende angenommen.

Ja, aber nur weil ich einen anderen Weg suchte. Ich nahm quasi die Hintertür, indem ich das Geschäft möglichst ans Ende der Session auf die Traktandenliste nahm. Dadurch erhielten die Parteien die Möglichkeit, sich nochmals zu bewegen. Die Taktik ging schliesslich auf.

* Die 33-jährige Aargauerin Pascale Bruderer Wyss sitzt seit 2002 für die SP im Nationalrat. Bei ihrer Vereidigung war sie die bis dahin jüngste Nationalrätin der Schweiz. Die verheiratete Politologin wohnt in Nussbaumen und arbeitet als Geschäftsführerin der Krebsliga Aargau.

Bauern regieren im Nationalrat

Das Amt des höchsten Schweizers ist fest in der Hand der Bauern. Sowohl der neue Nationalratspräsident Jean-René Germanier (FDP/VS) als auch die beiden Vizepräsidenten Hansjörg Walter (SVP/TG) und Maya Graf (Grüne/BL) sind privat im Agrarsektor tätig. Damit wird in den nächsten drei Jahren voraussichtlich immer ein Bauer respektive eine Bäuerin das Nationalratspräsidium innehaben. Auf den Walliser Önologen und Weinkellereibesitzer Germanier sollte plangemäss 2011 der Landwirt und Präsident des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) Walter und 2012 die Mitbewirtschafterin eines Bio-Bauernbetrieb Graf folgen.

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