Gaddafis Gefängnishölle: Die Befreiung aus Libyens «Abu Ghraib»
Aktualisiert

Gaddafis GefängnishölleDie Befreiung aus Libyens «Abu Ghraib»

Folter, Willkür, Erniedrigungen: Ex-Häftlinge schildern, wie sie die Hölle von Abu Salim erlebt haben. Das gefürchtetste Gefängnis von Tripolis ist am 24. August von den Rebellen befreit worden.

von
kub

Als im Februar in Bengasi die Revolution begann, hatte Said Abdullah noch Kabelfernsehen in seiner Zelle. Bis ihm die Wächter das Kabel wegrissen – es wurde ihnen wohl zu gefährlich. Auch die Häftlinge hätten vom Revolutionsvirus angesteckt werden können.

Als Said im Juli vor den Gefängnismauern Schüsse hörte, sprachen die Wächter von Feuerwerk. Dann, am 24. August, endlich die Befreiung durch Nachbarn und Rebellen. Die letzten Wächter flüchteten. Die Befreier fanden Wände voll Graffiti. Auf einer war zu lesen: «Das Ende des dunklen Zeitalters». Es war wohl erst kurz vor der Befreiung hingekritzelt worden.

Als am vergangenen Mittwoch die Gefangenen des berüchtigtsten Gefängnisses befreit wurden, war es für sie ein Freudentag. Für die Häftlinge wie Said Abduhllah, der seit 1996 in Abu Salim inhaftiert war, war der 24. August der Tag, der die schlimmste Zeit ihres Lebens beendete.

Kaum Tageslicht

Said wurde die Mitgliedschaft in einer islamistischen Gruppe zum Verhängnis, wie er gegenüber einem AP-Reporter erzählte. Mit zehn bis zwölf anderen hielt man ihn in einer winzigen Zelle zusammengepfercht gefangen. 2006 wurde er zum Tode verurteilt, weil er angeblich an einem Attentat auf Muammar Gaddafi beteiligt gewesen war. Während seiner eineinhalb Jahre in Einzelhaft sah er das Tageslicht kaum. Zu essen hatte er Brot, sonst nichts. Manche Gefangene drehten durch, viele wurden gefoltert. Manchmal verschwanden sie einfach spurlos.

Für die Gefangenen war Abu Salim die Hölle – sofern sie den Horrorknast Libyens überhaupt überlebt haben. Abu Salim war, was Abu Ghraib für den Irak war: ein Synonym für Folter, Willkür und Demütigungen. Das Gaddafi-Regime hielt dort vorwiegend politische Gefangene fest, meist ohne Anklage, auf unbestimmte Zeit.

Als Gaddafis Soldaten 1996 über 1200 Gefangene wegen einer Gefängnisrevolte massakrierten, erfuhr die Welt erst viel später davon. Die aufmüpfigen Häftlinge wurden am 29. Juni 1996 im Gefängnishof wie Tiere niedergemetzelt. Bis 2004 leugnete Gaddafi die Greueltat. Gefängnisbesuche waren nicht erlaubt, Anwälte, die im Namen der Opferfamilien gegen das Regime vorgingen, wurden inhaftiert.

Video: CNN-Reportage mit einem ehemaligen Gefangenen (YouTube)

Verlorene Jahre in Abu Salim

Ashraf Sueden, der sieben Jahre in Abu Salim war, zeigte einem Reporter, wie er im Keller, wo Verletzte und Kranke gehalten wurden, gequält wurde: Hände über dem Kopf, auf Zehenspitzen stehend, stundenlang. Die Befreiung empfand er als eine Art Racheakt. Er sei jetzt frei, Gaddafi auf der Flucht. «Ich bin 43, ich habe hier meine jungen Jahre verloren», erzählte er einer Reporterin der Sydney Morning Herald, währenddem andere Ex-Gefangene in den vollgestopften Büros die Akten nach bekannten Namen durchwühlten.

Video: Befreiung von Abu-Salim-Gefangenen (YouTube)

Das Gefängnis habe Terror in Libyen geschaffen, der Ort sei eine Tragödie für alle Libyer, sagen jene, die Familienmitglieder im Massaker von 1996 verloren haben. Menschenrechtsorganisationen sehen in Abu Salim ein Symbol für Gaddafis harsches Regime. Die Befreiung sei ein Test für Libyen, sagte eine Vertreterin. Die wahre Herausforderung sei jetzt aber, alles zu beenden, wofür Abu Salim stand.

Video: Befreite Abu Salim-Häftlinge treffen in Bengasi auf ihre Familien (YouTube)

Video: Führung durch Abu Salim von Al Jazeera (YouTube, auf Arabisch)

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