Aktualisiert 19.05.2020 14:53

Tessin-Reisen

«Sorge ist gross, dass sich Deutschschweizer nicht an Regeln halten»

Noch über Ostern flehte das Tessin Deutschschweizer an, zu Hause zu bleiben. Nun geht der Tessiner Tourismusverband in die Offensive. Die Angst vor undisziplinierten Touristen sei im Tessin aber gross, sagt der Infektiologe Andreas Cerny.

von
Daniel Krähenbühl
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Der Tessiner Tourismusverband wirbt um Deutsch- und Westschweizer Gäste.

Der Tessiner Tourismusverband wirbt um Deutsch- und Westschweizer Gäste.

Foto: Ticino Turismo
Nachdem die Deutschschweizer über Ostern dazu aufgefordert wurden, zu Hause zu bleiben, sollen sie jetzt wieder zurückkommen.

Nachdem die Deutschschweizer über Ostern dazu aufgefordert wurden, zu Hause zu bleiben, sollen sie jetzt wieder zurückkommen.

Foto: Keystone
«Die Situation ist nicht mehr so dramatisch wie an Ostern – da müssen wir ehrlich sein. Die Leute sollen das schöne Wetter geniessen», sagte Daniel Koch.

«Die Situation ist nicht mehr so dramatisch wie an Ostern – da müssen wir ehrlich sein. Die Leute sollen das schöne Wetter geniessen», sagte Daniel Koch.

Foto: Keystone

Darum gehts

  • Noch über Ostern wurde von einer Reise ins Tessin dringend abgeraten.
  • Nun sieht die Situation anders aus: Daniel Koch vom BAG sagt, dass die Leute das schöne Wetter geniessen sollen.
  • Der Tessiner Tourismusverband will nun aktiv um Touristen werben.
  • Laut dem Tessiner Infektiologen befürchten die Tessiner, dass sich die Deutschschweizer Touristen um die BAG-Massnahmen foutieren.

Anfang April flehten Tessiner Kantons- und Gemeindevertreter die Deutschschweizer noch an, zu Hause zu bleiben. Auch Bundesrat Alain Berset appellierte an die Bürger, doch bitte nicht ins Tessin zu fahren. Nur einen Monat später rät das Bundesamt für Gesundheit nicht mehr davon ab, über Auffahrt und Pfingsten ins Tessin zu reisen.

«Die Situation ist nicht mehr so dramatisch wie an Ostern – da müssen wir ehrlich sein. Die Leute sollen das schöne Wetter geniessen», sagte Daniel Koch an der gestrigen Medienkonferenz. Damit die Feiertage nicht zum Bumerang werden, sollten sich die Leute aber weiter streng an die BAG-Empfehlungen halten.

«Tourismus im Tessin erwacht wieder zum Leben»

Die Corona-Krise traf die Tessiner Tourismusbranche besonders hart. Die Buchungen sind um rund 90 Prozent eingebrochen, trotz Kurzarbeitsentschädigung und Überbrückungskrediten droht vielen Betrieben das Aus. Nun geht der Tessiner Tourismusverband in die Offensive und verkündet in einer Mitteilung: «Das Tessin ist bereit, wieder Gäste zu empfangen.»

Mit dem Aufruf «See you soon – das Tessin freut sich auf euch» richte man sich vor allem an die Gäste aus der Deutsch- und Westschweiz, schreibt Ticino Turismo. Nachdem das Tessin seine Gäste schweren Herzens bitten musste, an Ostern zu Hause zu bleiben, sei nun der Moment gekommen, wieder aktiv um sie zu werben. Die Botschaft ist klar: «Unsere Schweizer Gäste sollen wissen, dass der Tourismus im Tessin wieder zum Leben erwacht», erläutert Marketingdirektorin Manuela Nicoletti.

Zudem hofft Ticino Turismo, dass ab dem 15. Juni auch viele deutsche Touristen ins Tessin strömen. «Mit der Grenzöffnung vor der Sommerferienzeit könnte die italienische Schweiz somit auch für Deutsche eine attraktive Alternative zu den üblichen Badeferien am Mittelmeer sein», erklärt Direktor Angelo Trotta.

Disziplinierte Touristen erwünscht

Die Zuversicht im Tessin ist aufgrund der positiven Zahlen momentan gross, sagt Andreas Cerny, Tessiner Arzt für Infektiologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bern. «Immerhin ist der Kanton abhängig vom Tourismus.» Für viele Tessiner seien die Bilder, die man momentan aus der Deutschschweiz – wie etwa in Basel die feiernden Mengen – zu sehen kriege, unvorstellbar.

Das Tessin sei durch die Corona-Epidemie viel stärker getroffen worden. Fast jede Person kennt persönlich jemanden, der sich angesteckt hat. «Die Leute wissen also, wie schwer die Krankheit verlaufen kann», sagt Cerny. Viele Deutschschweizer hätten noch immer das Gefühl, das Virus könne ihnen nichts anhaben. «Die Befürchtung ist daher gross, dass sich die Deutschschweizer im Tessin nicht an die Regeln halten, feiern wollen und dann das Gesundheitswesen belasten.»

Auch der Tessiner CVP-Nationalrat Fabio Regazzi sagt, Touristen seien wieder herzlich willkommen. «Wichtig ist, dass sie die Hygieneregeln ernst nehmen und sich benehmen– also Abstand halten, die Hände waschen und im ÖV eine Maske tragen.» Im Tessin sei die Wahrnehmung eine andere, weil man von der Epidemie viel stärker betroffen gewesen sei. «Beispielsweise sieht man hier viel mehr Leute mit Masken als auf der anderen Seite des Gotthards.»

Tipps für die Tessin-Reise

Wo könnte es im Tessin zu Hotspots kommen, die man meiden sollte?

Laut Andreas Cerny sind das generell die beliebten Ausflugsziele und die Hotspots entlang den Flüssen und die beliebten Grotti, Restaurants und Bars. «Insbesondere zu später Stunde kann die Disziplin dort aus dem Ruder laufen.»

Wie kann man sich als Deutschschweizer Tourist dagegen wappnen?

«Wichtig ist die gute Planung der Reise, bei der man das Hotel oder den Campingplatz reserviert und bei Ausflügen und Restaurantbesuchen die Stosszeiten meidet», sagt Cerny.

Soll man mit dem Zug oder mit dem Auto anreisen?

Sowohl die Zug- als auch die Autofahrt seien unbedenklich, so Cerny. Wichtig sei, die Reisezeit gut zu planen, um Stau oder überfüllte Züge zu meiden und sich an die üblichen Regeln zu halten. «Ich reise etwa im Zug nur mit Maske, halte die Distanz und wasche mir oft gut die Hände.»

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