Valon Behrami: «Die Belastung war enorm»

Aktualisiert

Valon Behrami«Die Belastung war enorm»

Die Nati ist am Samstagmittag wieder in der Heimat gelandet. Mittelfeldspieler Valon Behrami fühlt sich unsagbar befreit und froh, dass die Albanien-Woche vorbei ist.

von
Eva Tedesco
Tirana

Flug WK 2421 der Swiss war mit der Brasil-Flagge geschmückt. Auf dem Rückflug aus Albanien gab es als Dankeschön für die WM-Qualifikation für alle Fluggäste ein Gläschen Caipirinha. Und am Flughafen Zürich feierten kurz nach 14 Uhr unzählige Fans die Ankunft der Schweizer Nati-Helden aus Tirana, die die fünfte Teilnahme an einem grossen Turnier zwischen 2004 und 2014 mitbrachten. Die Dritte in Folge als Teilnehmer einer Weltmeisterschaft.

Für die albanisch-stämmigen Nationalspieler Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Admir Mehmedi, Pajtim Kasami, Blerim Dzemaili und Valon Behrami endete mit der Heimreise emotionale und vor allem sehr heikle Tage im Spannungsfeld Schweiz/Kosovo. Vor dem Rückflug sprach 20 Minuten mit Valon Behrami.

Valon Behrami, Sie haben die Tage vor dem WM-Qualifikationsspiel in Albanien einen angespannten und sehr fokussierten Eindruck gemacht. Wenn man Sie jetzt sieht, ist das wie Tag und Nacht.

Valon Behrami: Ich bin unendlich erleichtert, dass dieses Spiel vorbei ist. Ich habe das Gefühl, als ob eine riesige Last von mir abgefallen ist. Es waren so viele Emotionen im Spiel in diesen Tagen. Es war – wie soll ich sagen – es war «strano», eigenartig.

In Bezug auf das Spannungsfeld, in dem Sie und Ihre Nati-Kollegen sich befunden haben, oder wegen des finalen sportlichen Schrittes?

Wir waren uns der Ausgangslage bewusst, aber das wir die vorzeitige Qualifikation für die WM ausgerechnet in Albanien schaffen konnten, hat das Ganze wohl noch verschärft. Ich bin sehr glücklich, dass wir die Qualifikation für Brasilien dennoch souverän geschafft haben.

Beim 2:1-Sieg in Tirana wurden vor allem Sie mit heftigen Pfiffen eingedeckt. Können Sie nachvollziehen, warum das so war?

Ich kann mir vorstellen, weil ich der erste Spieler war, der sich für die Schweiz entschieden hat und ich quasi als Vorbild für die Jüngeren, wie Granit und Xherdan gelte. Ich habe diese Verantwortung gespürt und versucht, sie auch wahrzunehmen. Ich denke, das ist uns gut gelungen. Wir haben uns nicht provozieren lassen und haben gut reagiert. Aber glauben Sie mir, die Belastung war enorm.

Auch wir Journalisten sind im Stadion auf dieses Thema angesprochen worden. Die albanischen Fans sehen Ihre Entscheidung als Verrat an und werfen den albanisch-stämmigen Spielern in der Nati fehlenden Nationalstolz vor. Aber Sie zum Beispiel sind ja Kosovare?

Für die Albaner sind wir ein Volk. Ein albanischer Journalist hat mich gefragt, ob ich mich heute anders entscheiden würde? Ich musste ihm sagen, dass ich mich genau gleich wieder für die Schweizer Nationalmannschaft entscheiden würde, denn ich habe das doch nicht aus einer Laune heraus getan.

Genug zum Thema. Im Sommer 2014 werden Sie zum dritten Mal eine WM bestreiten...

... eigentlich ist es die Erste! 2006 war ich ja verletzt und 2010 gab es diese Rote Karte gegen Chile – und die WM war für mich nach wenigen Minuten vorbei. Diese Erinnerungen will ich mit Brasilien ausradieren.

Spricht man von der aktuellen Nati, wird vom riesigen Potenzial der Mannschaft geschwärmt. Vom homogensten und besten Team zumindest der letzten zehn Jahre. Sehen Sie das ähnlich?

Ich sehe das genauso. Diese Mannschaft ist die beste in den letzten Jahren. Es stimmt auf und neben dem Platz. Ich kann guten Gewissens sagen: Diese Homogenität ist nicht nur ein Eindruck, den wir gegen Aussen vermitteln. Es gibt sie wirklich. Die Spieler fühlen sich in der Nati wohl, aber dennoch gibt es einen gesunden Konkurrenzkampf. Ich hoffe, dass alle, die dabei sind, Ihre Form konservieren und vielleicht sogar noch einen Schritt nach vorn machen können.

Und was liegt an der WM 2014 für die Schweiz drin?

Alles ist möglich (lacht). Im Positiven und auch im Negativen. Da spielt sie Island eine Halbzeit lang an die Wand und führt 4:1, und wird in der zweiten Halbzeit selber fast an die Wand gespielt (lacht wieder herzhaft). Mit dieser Mannschaft ist echt alles möglich.

Granit Xhaka: «Die ganze Kampagne war ein Highlight»

Granit Xhaka: «Die ganze Kampagne war ein Highlight»

«Ich war das erste Mal in Albanien, da meine Eltern aus dem Kosovo kommen. Es ist ähnlich wie in Tirana. Es wird einem schon bewusst, wie schön wir es in der Schweiz haben. Klar ist die Erleichterung nach dem Spiel gross gewesen, aber ich hätte auch gerne weiter gespielt. Die Stimmung war nicht ganz so heiss, wie in Luzern. Wir sind froh, dass wir die Qualifikation geschafft haben.

Rückblickend bleibt mir das 0:0 gegen Zypern, worauf in den Medien schon wieder alles hinterfragt wurde und auch die Tage nach dem 4:4 gegen Island, wo von Blamage geschrieben wurde. Wir kennen das ja, aber wir haben eine tolle Reaktion gezeigt. Die ganze Kampagne war ein Highlight – aber Albanien war das emotionalste.

Für die WM bin ich zuversichtlich. Wir haben viel Qualität in der Mannschaft. Wir haben eine gute Mannschaft und auch schon gezeigt, dass wir gegen grosse Nationen bestehen können. Wir werden uns auch an der WM nicht verstecken. Ich packe für vier Wochen – wenn nicht für länger.» (ete)

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