Flüchtlingsdrama vor Rhodos : Die berührende Geschichte hinter diesem Foto
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Flüchtlingsdrama vor Rhodos Die berührende Geschichte hinter diesem Foto

Wegasi Nebiat flüchtete aus Afrika, um in Europa ein besseres Leben zu haben. Sie erzählt von der lebensgefährlichen Reise.

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cfr
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Am Montag, 20. April zerschellte das Flüchtlingsboot mit Wegasi Nebiat und ihrem Freund vor der griechischen Insel Rhodos. Ein Helfer rettete die junge Eritreerin aus den Fluten.

Am Montag, 20. April zerschellte das Flüchtlingsboot mit Wegasi Nebiat und ihrem Freund vor der griechischen Insel Rhodos. Ein Helfer rettete die junge Eritreerin aus den Fluten.

Keystone/AP/Argiris Mantikos
Das Bild ging um die Welt.

Das Bild ging um die Welt.

Keystone/AP/Argiris Mantikos
Helfer brachten die junge Frau in ein Spital auf Rhodos. Dort behandelten Ärzte sie wegen einer verschleppten Lungenentzündung.

Helfer brachten die junge Frau in ein Spital auf Rhodos. Dort behandelten Ärzte sie wegen einer verschleppten Lungenentzündung.

Keystone/AP/Argiris Mantikos

«Das Holz auf dem Schiff knackte plötzlich, dann brach es auseinander und sank. Ich habe angefangen zu beten, weil ich meinen Freund nicht mehr sehen konnte. Dann fiel ich kopfüber ins Wasser ...» Wegasi Nebiat (sie ist 23 oder 24 Jahre alt) ist aus Eritrea geflüchtet. Zusammen mit rund 90 Menschen setzt sie mit einem Schlepperboot von der Türkei nach Griechenland über. Dann kentert dieses vor Rhodos, drei Menschen sterben in den Fluten.

Wegasi wird in ein Spital auf Rhodos eingeliefert. Dort erzählt die junge Eritreerin Bild Plus ihre Geschichte.

«Sie drohten, unsere Organe zu verkaufen»

Wegasis Odyssee beginnt im Dezember letzten Jahres. Zusammen mit ihrem Freund Weerdi (34) flüchtet sie aus der Stadt Keren im Inneren von Eritrea. Weerdi diente 15 Jahre lang als Soldat – dann kam er ins Gefängnis, weil er Christ war. «Als ich aus dem Gefängnis flüchten konnte, war klar, dass wir sofort wegmüssen», erzählt er.

Die Flucht führt das Paar durch die Wüste, über Berge, durch Flussbette. «Die Angst verliess uns nie», sagt Wagasi. Um die Reise zu finanzieren, verkaufen die Eltern der beiden alles, was sie haben. 8500 Euro (rund 8800 Franken) zahlen sie für die Flucht nach Europa pro Person.

Die Schlepper zwingen das Paar an abgelegenen Orten wochenlang auszuharren und auf die Weiterfahrt zu warten. Von Eritrea geht es zuerst in den Sudan, dann nach Ägypten. «Als wir einmal kein Geld mehr hatten, drohten sie damit, uns weiterzuverkaufen an Kriminelle, die uns töten und dann unsere Organe verkaufen wollten», so Wagasi. In Kairo erhalten die beiden gefälschte Pässe. Damit fliegen sie in die Türkei.

Grösster Traum: Deutschland

In der türkischen Hafenstadt Fethiye besteigen sie mit rund 90 anderen Migranten ein Schiff. «Das Boot sah so alt aus und ich hatte wahnsinnige Angst. Derjenige, der es steuerte, wirkte völlig überfordert», so Wagasi.

Ihre ungute Vorahnung bestätigt sich. Das überladene Boot zerschellt vor Rhodos, drei Menschen ertrinken. Wagasi hat Glück: Retter ziehen sie aus dem Wasser und bringen sie in ein Spital auf der griechischen Touristeninsel. Dort behandeln Ärzte die erschöpfte Frau wegen einer Lungenentzündung, wie die britische «Daily Mail» schreibt.

Damit hat die Odysee der Eritreerin noch kein Ende: Mittlerweile haben die Ärzte Wagasi aus dem Krankenhaus entlassen – diesen Donnerstag ging es per Fähre weiter in den griechischen Hafen Piräus nahe Athen. Auf dem Schiff traf sie Freunde, andere Flüchtlinge aus Eritrea (siehe Bildstrecke). «Ich bin so glücklich», sagt sie der «Daily Mail». «Ich bin nicht sicher, was wir jetzt machen, aber wir hoffen, durch Europa zu reisen.»

Wovon träumen sie und ihr Freund Weerdi? «Wir haben fast unser ganzes Leben nur Gewalt und Krieg gesehen. Wir wollen endlich in einem Land leben wie Deutschland, in dem Frieden herrscht.»

Eritrea: das «Nordkorea von Afrika»

Eritrea ist ein Land im Nordosten Afrikas. Regiert wird das Land von Isayas Afewerki, der in den letzten 15 Jahren eine Diktatur errichtet hat, die als eine der autoritärsten der Welt gilt. Unter Afewerki entwickelte sich das Land vom einstigen Hoffnungsträger zum «Nordkorea von Afrika», in dem tausende politische Gefangene in Kellerverliesen und fensterlosen Schiffscontainern in der Wüste eingesperrt werden, wie Amnesty International (AI) berichtet.

Im Pressefreiheits-Ranking von «Reporter ohne Grenzen» steht Eritrea auf dem letzten Platz von 180 Ländern, im Welthungerhilfe-Index der deutschen Hungerhilfe belegt die Nation den zweitletzten Platz.

In der Schweiz machen Eritreer die grösste Flüchtlingsgruppe aus.

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