Bluttat von Beringen: «Die Beurteilung war ein fataler Fehler»

Aktualisiert

Bluttat von Beringen«Die Beurteilung war ein fataler Fehler»

Ein Psychiater hielt Andrina S. für ungefährlich. Eine völlig falsche Beurteilung, findet Notfallpsychologe Herbert Wyss. Die junge Frau hätte eine tiefgreifende Therapie benötigt.

von
A. Hirschberg
In der Nacht auf Dienstag erstach Andrina S. ihren schlafenden Vater in seiner Wohnung.

In der Nacht auf Dienstag erstach Andrina S. ihren schlafenden Vater in seiner Wohnung.

Andrina S. fiel auf. Mit einer Todesliste, die sie führte. Mit einem verschlüsselten Schulaufsatz, in dem sie Drohungen aussprach. Am Montag machte sie ihre Tötungsdrohung wahr, die sie seit Jahren kundtat. Wieso aber hat sie niemand gestoppt?

Versagt haben hier wohl mehrere involvierte Personen. In Frage gestellt werden muss unter anderem die Qualität der Beurteilung eines Psychiaters, der im Auftrag der Kantonsschule Büelrain die junge Frau beurteilt hat.

Statt Therapie ein paar Gespräche

Dieser kam nach mehreren Gesprächen zum Schluss, dass Andrina keine Bedrohung für die Schule darstelle. Ein fataler Fehler, findet Notfallpsychologe Herbert Wyss.

Aus seiner Sicht hätte Andrina S. zu diesem Zeitpunkt eine umfassende Therapie gebraucht – ambulant oder in einer Klinik. «Ein paar verständnisvolle Gespräche reichen hier bei Weitem nicht aus.» Denn: Die schwarze Kleidung, die Todesliste und die Morddrohung lassen bei ihm sofort die Alarmglocken schrillen. «Das sind klassische Anzeichen eines möglichen Amoklaufs.» Dass in der Schule nichts passiert sei, sei nicht der Verdienst des Psychiaters. «Es ist einfach noch mal alles gut gegangen.»

Doch die Probleme der jungen Frau seien geblieben, wie ihre Tat zwei Jahre später zeige. «Amokgefährdete Personen fühlen sich immer zutiefst verletzt, können ihre Verletzungen aber nicht verarbeiten.» Ob diese Verletzungen tatsächlich stattgefunden haben oder mehr einer verschobenen Wahrnehmung entspringen, spiele dabei keine Rolle. «Für den amoklaufenden Menschen sind sie real, und nur das zählt für ihn.»

Potentielle Amokläufer sind gute Schauspieler

Die Gefährlichkeit solcher Personen einzuschätzen, sei enorm schwierig, betont Herbert Wyss. «Sie spielen Psychiatern, Lehrern oder Eltern meist gekonnt vor, dass alles in Ordnung ist.» Der Notfallpsychologe betreute zum Beispiel einen Jugendlichen, der ihm sehr überzeugend versicherte, dass er keiner Fliege etwas antun werde. «Dabei lagen die geladenen Waffen schon bei ihm zu Hause bereit.» Verfügen Fachpersonen nicht über die richtigen Instrumente, um das Gefahrenpotential zu messen, hätten sie keine Chance.

Wyss rät darum bei den kleinsten Anzeichen auf einen möglichen Amoklauf immer externe Fachleute einzuschalten, die auf Notfallpsychologie spezialisiert seien und über Erfahrung im Umgang mit Amokgefährdungen verfügen. «Sie dürfen nicht zur Schulaufsicht, zur Schule oder zum Kanton gehören und müssen über spezialisiertes Fachwissen verfügen.»

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