70 Jahre Kriegsbeginn: Die Bitterkeit will nicht vergehen
Aktualisiert

70 Jahre KriegsbeginnDie Bitterkeit will nicht vergehen

Ein Menschenalter ist vergangen seit dem deutschen Überfall, doch 70 Jahre haben in Polen die Erinnerung und die Verbitterung nicht auszulöschen vermocht.

von
Vanessa Gera
AP

Im Gegenteil: Viele Polen befürchten, dass es die Deutschen sind, die vergessen und vergessen machen wollen. Der Argwohn treibt sie um, dass die Zeit das Gedächtnis trübt und künftige Generationen womöglich nicht mehr wissen, wer Täter und wer Opfer war.

Das Vergessen fällt in Polen wie anderswo in Osteuropa schwerer als im Westen. Die Spuren des Krieges sind noch deutlicher auszumachen; Einschusslöcher in Gebäuden machen die Verwüstung sichtbar, Gedenktafeln auf der Strasse zeigen Stätten der Hinrichtung an, die meisten Familien haben in den Jahren des Schreckens Angehörige verloren. An den Denkmälern für die Kriegsopfer liegen frische Blumen und flackern Kerzen.

Zudem hat Polen immer noch zu tun, die Hinterlassenschaften jahrzehntelanger Existenz als Satellitenstaat der Sowjetunion zu überwinden - auch dies eine Folge des Krieges. Als Europa nach dem Inferno von Krieg und Holocaust neu sortiert wurde, waren von 35 Millionen Einwohnern Polens vor dem Krieg sechs Millionen tot.

Ein Kniefall ist nicht genug

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am 1. September in Danzig (Gdansk) an der Seite polnischer Politiker an der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns teilnimmt, wird das im Geiste der Freundschaft geschehen und Merkel wird erneut die Verantwortung Deutschlands betonen. Doch alle Reuebekenntnisse bis hin zum berühmten Kniefall Willy Brandts in Warschau 1970 reichen vielen Polen nicht aus.

Voller Entrüstung meinen sie in jüngster Zeit Anzeichen dafür zu erkennen, dass manche Deutsche die Verbrechen der Vergangenheit herunterzuspielen versuchen und dafür den Widerstand gegen Hitler und das Leid vieler Deutscher herausstreichen. «Es wird wahrscheinlich so weit kommen - und wir hören das schon -, dass die Deutschen genauso gelitten haben, weil sie jemand von irgendwo vertrieben hat, und dass sie auch umgebracht wurden», sagt Jacek Patoka, ein 42-jähriger Geschäftsmann, verbittert.

Angesichts solcher Sorgen plant die Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk in Danzig ein Museum zum Zweiten Weltkrieg. Es soll das 2004 in Warschau eröffnete Museum ergänzen, das den Warschauer Aufstand 1944 dokumentiert und die Erinnerung an den Widerstand lebendig erhält.

«Die neue Generation will Helden, nicht Verbrecher»

Für Irritationen sorgt vor allem der Bund der Vertriebenen mit dem Vorhaben eines «Zentrums gegen Vertreibung» und seiner Präsidentin Erika Steinbach. Nicht wenige Polen betrachten das geplante Zentrum als Versuch der Geschichtsklitterung mit dem Ziel, die Deutschen als Opfer darzustellen. «Diese Aktivitäten gefallen uns nicht», erklärt die 82-jährige Romualda Tudrej, eine frühere Widerstandskämpferin. «Die Deutschen sind leider dabei, die Geschichte ein wenig abzuändern. Da ist jetzt eine neue Generation, und diese Generation will Helden und nicht die Verbrecher, die sie in Wirklichkeit zu Vorfahren hatte.»

Die CDU-Politikerin Steinbach ist in Polen wohl bekannter als in Deutschland und zählt tatsächlich zu den meistgehassten Personen. Man kreidet ihr besonders an, dass sie sich als Vertreibungsopfer geriere, obwohl ihre Familie gar nicht aus dem heutigen Polen stamme, sondern erst nach dem Einmarsch hingezogen sei, weil ihr Vater als Wehrmachtsangehöriger dorthin versetzt wurde. Der Deutschlandbeauftragte Wladyslaw Bartoszewski, ein ehemaliger Auschwitz-Häftling, warf ihr vor, einer «falschen Geschichtsauslegung» Vorschub zu leisten. Auf polnischen Druck hin verzichtete Steinbach vorerst auf einen Sitz im Stiftungsrat des Zentrums.

Empörung über «Hitlers Helfer»

Der «Spiegel»-Artikel «Die Komplizen: Hitlers europäische Helfer beim Judenmord» vom Mai, in dem auch Polen als Kollaborateure genannt wurden, fachte die Empörung noch an - wenn auch manche einräumten, dass sich auch Polen dem eigenen Antisemitismus stellen müsse. Der ehemalige Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski bezeichnete den Artikel als Beweis dafür, dass «die Deutschen sich von der Schuld ungeheurer Verbrechen zu befreien suchen». Wenn sie so weitermachen dürften, «dann stellt sich eines Tages heraus, dass Polen eine Entschädigung zahlen muss für die deutschen Soldaten, die beim Warschauer Aufstand gefallen sind!», zürnte er.

Jüngere Polen lösen sich von der Last der Vergangenheit. «Ich habe nichts gegen Deutsche», erklärt Piotr Roguski, ein 39 Jahre alter Immobilienmakler aus Warschau. «Die Deutschen von heute sind etwas anderes als die Deutschen des Zweiten Weltkriegs.»

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