Einsicht in Albanien: «Die Blutrache ist völlig absurd»

Aktualisiert

Einsicht in Albanien«Die Blutrache ist völlig absurd»

In Albanien sind tausende Menschen aus Angst vor tödlicher Vergeltung in ihren Häusern gefangen. Nun will die Regierung der archaischen Tradition einen Riegel vorschieben.

von
Llazar Semini
AP

Marsela ist neun Jahre alt und hat ihr Zuhause bisher keine zehn Mal verlassen. Das kleine albanische Mädchen verbringt sein Leben in den vier Zimmern mit Hof, die es sich mit Geschwistern und Mutter teilt. Besuch kommt nur selten, und in die Schule oder zum Spielen mit anderen Kindern darf das Mädchen nicht – aus Angst, auf der Strasse erschossen zu werden. Denn Marselas Familie lebt in Blutrache. Rund 6000 Menschen, darunter Hunderte Frauen und Kinder, verstecken sich nach Einschätzung von Hilfsorganisationen in dem Balkanland aus Furcht vor Vergeltungsmorden zuhause.

Nach dem Kanun, dem archaischen Gewohnheitsrecht der Albaner, müssen Morde mit Bluttaten vergolten werden. Hinterbliebene sind verpflichtet, den Täter und seine Familie zu verfolgen. Jetzt will Justizminister Eduard Halimi dem zerstörerischen Ritus mit neuen Gesetzen Einhalt gebieten: Blutrache soll nach einem neuen Gesetzesentwurf mit mindestens 40 Jahren Gefängnis geahndet werden.

«Völlig absurd»

«Die Blutrache, dieses europaweit einzigartige Phänomen, ist in einer zivilisierten Gesellschaft völlig absurd», heisst es in einer Facebook-Nachricht Halimis. Die grausame Tradition überdauert Generationen. Ursprünglich zielte die Rache nur auf Männer, doch heute haben sich die Regeln gelockert, so dass das Leben auch für Frauen und Kinder unsicher wurde. Ganze Familien vegetieren jahrelang in völliger Isolation und elender Armut, da niemand das Haus verlassen kann, um den Lebensunterhalt zu verdienen.

Marselas Familie leidet seit 1995 unter der erbarmungslosen Familienfehde. Damals, lange vor ihrer Geburt, tötete ihr Vater im Alkoholrausch einen Freund und löste eine Reihe von Vergeltungsmorden aus, die bisher fünf Menschenleben gekostet haben. Ihre Mutter setzt nun alles daran, die vier Kinder zwischen sieben und 19 Jahren vor der Gewalt zu schützen.

Die Familie lebt von bescheidener Sozialhilfe von umgerechnet 60 Euro monatlich, einem Gemüsegarten und ein paar Stück Vieh. Mit der Zukunft verbinden Marselas Brüder vor allem eins: Vergeltung. In den vergangenen Jahren versuchte die gegnerische Familie mehrfach erfolglos, Vater, Onkel und Cousins zu töten. Marselas Cousins hingegen ermordeten vier Menschen auf der Gegenseite. Nun wollen ihre Brüder den Rächern zuvor kommen.

Renaissance nach der Wende

Nachdem die grausame Tradition während der 46-jährigen Herrschaft der Kommunisten kaum noch eine Rolle gespielt hatte, lebte sie nach dem Fall der Diktatur im Jahr 1990 wieder auf, vor allem im rauen Norden des Landes. Nach Polizeiangaben starben in den vergangenen 14 Jahren 225 Menschen durch Blutrache. Hilfsorganisationen zufolge liegt die wahre Zahl jedoch viel höher, da viele der Verbrechen lediglich als Morde in die Statistik eingehen.

Die Lehrerin Liljana Luani unterrichtet für eine Hilfsorganisation Schulkinder wie Marsela zuhause. Sie schätzt, dass allein im nordalbanischen Shkoder 120 Kinder in den eigenen vier Wänden gefangen sind. «Jeder redet von den Männern, die den Morden zum Opfer fallen können, doch sie vergessen, dass diese Männer Kinder haben, und schauen Sie sich deren Leben an», sagt sie. Mentor Kikia von der Nichtregierungsorganisation Alternative Civile betont: «Sie fühlen sich verpflichtet, Morde zu begehen und Kriminelle zu werden.»

Über Generation gefangen

So wie Alfred Vukaj, der im Alter von zwei Jahren durch Blutrache beide Eltern verlor und danach bei mehreren Verwandten aufwuchs. Mit 16 traf er im Zentrum von Shkoder einen Verdächtigen und wollte Rache nehmen, erschoss dabei aber aus Versehen einen 24-jährigen Unbeteiligten. Nun wartet er auf sein Urteil, das ihn lebenslänglich hinter Gitter bringen könnte.

Auch Shkurte Ndrevataj und ihre sechs Kinder verbringen ihr Leben in Angst, seit ihr Schwager bei einem Abendessen im Jahr 2000 einen Mann tötete, weil er sich von ihm gekränkt fühlte. Er und zwei seiner Brüder wurden daraufhin von der gegnerischen Familie getötet. Nun sorgt sich die Mutter vor allem um ihren 18-jährigen Sohn Pashk. «Er sinnt nur auf Rache», sagt sie mit Tränen in den Augen. «Woran kann er sonst denken, wenn er nur im Haus und Hof lebt?»

Hilfsorganisationen kritisieren die Untätigkeit der Regierung. Ein Wohnprojekt für betroffene Kinder im Zentrum des Landes scheiterte nach zwei Jahren an der Finanzierung. Pläne, wonach sie via Skype zuhause unterrichtet werden sollten, warten noch immer auf die Umsetzung.

Der 16-jährige Eduard, auch er aus einer Blutrache-Familie, wollte nicht länger warten. Der hübsche Junge mit den blonden Locken durchbrach die Isolation und ging zur Schule, wie sich Lehrerin Luani erinnert. Dafür bezahlte er mit dem Leben: Vor zwei Jahren wurde er auf dem Heimweg erschossen.

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