«Time-out»: Die bösen Bären gegen die Kuh-Franzosen
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«Time-out»Die bösen Bären gegen die Kuh-Franzosen

Das Playoff-Finale zwischen dem SC Bern und dem HC Fribourg-Gottéron ist weit mehr als ein Eishockey-Derby: Es ist der Kampf zwischen zwei alten Kulturen mit gemeinsamen Wurzeln.

von
Klaus Zaugg

Was haben so unterschiedliche Städte wie Bern, Burgdorf, Freiburg im Breisgau, Freiburg im Üechtland, Offenburg, Murten, Rheinfelden und Thun gemeinsam? Nun, sie sind alle von den Zähringern im 11. Jahrhundert gegründet worden. Die Zähringer hatten den Erlös aus ihren Silberminen im Schwarzwald in die Gründung von Städten investiert.

Deshalb ist das Playoff-Finale SC Bern gegen den HC Fribourg-Gottéron ein Zähringer-Derby. Der sportliche Wettstreit zwischen zwei Städten mit gleichen geschichtlichen Wurzeln. Gerade weil Bern und Freiburg im Üechtland (französisch: Fribourg) so ähnlich sind, ist die Rivalität so hitzig. Bern zählt rund 130'000, Freiburg 35'000 Einwohner.

Berner Übermacht

Ein Blick in die Geschichte erklärt diese Rivalität. Die Berner waren schon immer grösser, mächtiger, reicher und als Protestanten geschäftstüchtiger. Aber die Freiburger waren schon immer kultivierter als die kriegerischen Berner. Eleganter, leichtlebiger, aber auch sozial gerechter und als Katholiken irgendwie gottesfürchtiger als die protestantischen Berner. Freiburgs Elite ist im Laufe der Jahrhunderte unter dem verlockenden französischen Einfluss ein bisschen welsch geworden und Freiburg galt zeitweise als das Paris der Schweiz.

Nirgendwo hat sich die deutsche Kultur so dem welschen Wesen geöffnet wie in dieser heute zweisprachigen Stadt, die ihre Gründung, Macht und Pracht ja deutschem Geld, Eifer und Fleiss verdankt. «Et pourtant», sagt Freiburgs streitbarer Historiker Gonzague de Reynold (1880-1970): Trotz teutonischen Wesens liegt ein feiner welscher Hauch über der Stadt. Vom Süden und vom Westen her hat sich allmählich französische Grazie ins schwere Wesen jener rauen Alemannen gemischt, die gegen Karl den Kühnen fochten, Europas grimmigste Krieger waren und 1481 in die Eidgenossenschaft aufgenommen worden sind.

Die gnädigen Herren von Freiburg waren nie so arrogant wie jene in Bern, einst einer der mächtigsten Stadtstaaten Europas und heute Bundesstadt einer seltsamen Alpenrepublik. Wohl wohnte in alten Zeiten in dieser gestuften Stadt am Steilufer der Saane jeder auf seiner ganz bestimmten Höhe, je nach Würde und Stand. Aber einmal in der Woche läuteten die Glocken und riefen alle zusammen, von oben und unten, von hüben und drüben. Sauber und sonntäglich gekleidet strömten sie herbei – Niedrige und Noble, Einfache und Gelehrte, Gute und Böse. Sie traten ein in die Kathedrale, die unter dem Schutz des heiligen Sankt Nikolaus steht, Schirmherr der Stadt. Ein tröstlicher Spruch verkündet, dass Freiburg im Üechtland nicht nur auf seine Mauern, sondern auch auf Gottes Schutz vertraut: «Schutz und Heil will ich dieser Stadt gewähren um meinetwillen und um Deines Dieners Nikolaus willen.»

Das Eishockey verbindet

Die Glocken der Kathedrale – sie ist 138 Jahre älter als das Berner Münster – läuten immer noch. Aber heute ist eher der Hockeyclub Fribourg-Gottéron die Klammer, die alle sozialen Schichten der Stadt zusammenhält. Wenn der Herbst ins Land zieht, laufen sie einmal in der Woche herbei. Von oben und unten, hüben und drüben. In bunten Gewändern, trommelnd und pfeifend, strömen sie zum Hockey-Tempel. Niedrige und Noble. Einfache und Gelehrte, Gute und Böse. Weil das so ist, hat das Hockeyunternehmen Gottéron alle Stürme überlebt. In diesem Kanton wird Gottéron in allen Amtsstuben und Richterbüros, von allen Kanzeln herab und in jeder Bankfiliale geholfen. Kein Konkurs kann Gottéron ruinieren, keine sportliche Krise in die Knie zwingen. Ein welscher Furor hat die Spieler schon immer dann beseelt, wenn alles verloren schien.

Wenn Gottéron siegt, zelebrieren die Fans «Le Ranz des Vaches», eine schwermütige Melodie, die Schweizer Soldaten in der Fremde einst zum Weinen und Desertieren brachte. 1621 ist den Schweizer Regimentern in Frankreich das Singen dieser «Kuh-Marseillaise» verboten worden. 19 Strophen hat das Lied. Intoniert wird im Stadion nur dieser melancholische, beschwörende Singsang «Lyoba, Lyoba, Lyoba», mit dem einst das Vieh bei der Alpauffahrt und beim Alpabzug auf eine magische Weise auf Trab gehalten, angespornt und gleichzeitig beruhigt worden ist.

In Fribourg wird man sesshaft

Die gnädigen Herren von Bern haben immer ein wenig neidisch nach Freiburg geschaut. Auch deshalb haben Berns Patrizier bis ins 20. Jahrhundert hinein unter sich französisch gesprochen und bis heute eine hohe Affinität fürs Welsche bewahrt. Aber so elegant, so schlau, so leidenschaftlich und so lebenslustig wie die Freiburger sind die schwerblütigen Eliten von Bern nie geworden und werden sie nie – obwohl sie doch die gleichen kulturellen Wurzeln haben.

Manch einer ist nach Fribourg zu Gottéron gekommen, um ein paar Saisons ein wenig Geld zu verdienen. Aber dann vergehen die Jahre, und er ist immer noch da und endlich merkt er, dass sich verwirklicht hat, was ihm bei Eintritt ins Stadion schon als Ahnung bewegte: Er ist sesshaft geworden und lebt glücklich in der kleinen Stadt. Gaston Pelletier, der kanadische Aufstiegsheld von 1980, der einst sogar in Paris spielte, ist geblieben und inzwischen 79 Jahre alt. Selbst Slawa Bykow, der Weltstar aus Russland, kommt nicht mehr los von Freiburg im Üechtland und spricht inzwischen perfekt französisch.

Im Meisterduell stehts 12:0 für die Berner

Aber eben: Der SCB ist mächtiger, reicher, arroganter und erfolgreicher. 1959, 1965, 1974, 1975, 1977, 1979, 1989, 1991, 1992, 1997, 2004 und 2010 ist der SC Bern Meister. Gottéron war noch nie Meister und hat dreimal das Finale verloren. 1992 gegen SCB, 1993 und 1994 gegen Kloten. Aber anders als Bern ist Gottéron seit dem Aufstieg von 1980 noch nie aus der NLA abgestiegen.

Der HC Fribourg-Gottéron ist den umgekehrten Weg der Stadt gegangen. So wie die Kultur der Stadt einst gänzlich deutsch war und dann im Laufe der Jahrhunderte die welsche Kultur übernommen hat, so ist Gottéron ein welsches Team, das inzwischen unter dem charismatischen Bandengeneral Hans Kossmann teutonische Tugenden verinnerlicht hat. Raue Gesellen aus der Deutschschweiz haben sich unter die welschen Künstler gemischt und die welschen Schillerfalter beissen und die offensiven Traumtänzer verteidigen gelernt. Auch der SCB geht den anderen Weg: Die noch in den 1990er-Jahren für ihre Härte, Bösartigkeit und Wasserverdrängung legendäre, gefürchtete Mannschaft («Big, Bad Bears») ist im Laufe des 21. Jahrhunderts immer weicher und welscher geworden.

Die zweite sportliche Schlacht

Ein Meistertitel, errungen ausgerechnet gegen den grossen, arroganten und mächtigen SCB – das wäre mehr als einfach ein sportlicher Triumph. Es wäre für die Freiburger die Revanche für 1339. Damals hatten sie zum ersten und letzten Mal in ihrer Geschichte versucht, die Berner in den Senkel zu stellen. Aber sie verloren die entscheidende Schlacht bei Laupen gegen ein zahlenmässig halb so starkes Berner Heer und fortan sagten sie ehrfürchtig: «Gott selbst ist in Bern Burger geworden.»

Wenn nun aber Gottéron das Playoff-Finale gegen den SCB verlieren sollte – und das könnte sehr wohl passieren –, dann wird es da und dort wohl heissen, es gebe halt eine SCB-Verschwörung in unserem Hockey und dagegen sei man so machtlos wie 1339.

Auch in Bern gibt es eine heimliche Bewunderung für Fribourg-Gottéron. So wie es seit Jahrhunderten eine heimliche Bewunderung für die französische Kultur dieser Stadt gibt. Selbst höchste SCB-Würdenträger geben im kleinen Kreis zu, dass sie Gottéron den Titel gönnen würden.

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