Aktualisiert 10.06.2009 13:19

Bizarre GesetzeDie Brücke, unter der die Sextäter hausen

Die Küste liegt direkt vor der Haustür. Ein weisser Kranich gleitet über das Wasser, am Horizont glitzert die Sonne. Die Aussicht ist spektakulär, die Miete kostenlos - doch die Nachbarn sind Sexualverbrecher. Willkommen unter der berüchtigsten Brücke von Florida.

von
Matt Sedensky
AP

Einer der «Brücken-Bewohner» ist Patrick Wiese. Zusammen mit mehr als 50 anderen Männern lebt er unter einer Brücke nahe Miami Beach, die kein zu Hause ist und bislang trotzdem die einzige Lösung. Bereits vor zwei Jahren wollten die Behörden die Siedlung auflösen, doch passiert ist bislang wenig. Stattdessen wächst die Gemeinschaft aus entlassenen Sexualstraftätern stetig, weil bezahlbare Wohnungen, die im vorgeschriebenen Abstand zu Schulen, Parks und anderen Aufenthaltsorten von Kindern liegen, kaum zu finden sind.

Unter der Brücke haben die Bewohner Hütten und Zelte aufgebaut, es gibt ein Wohnmobil und eine provisorische Küche. Selbst eine Bank fürs Hanteltraining ist vorhanden. «Wir sind keine Monster» steht auf einem Brückenpfeiler, «Selbst Tiere werden besser behandelt!!!» auf einem anderen.

«Sie werfen uns hier unten hin und hoffen einfach, dass wir das alleine schaffen», sagt der 47-jährige Wiese in seiner kleinen Hütte aus gesammelten Holzresten. «Wenn ich ein Mörder wäre, würden sie mir helfen, sie würden für mich ein zu Hause finden, sie würden für mich einen Arbeitsplatz finden.»

«Eine Situation, die derzeit einfach unlösbar ist»

Die Siedlung entstand 2007, zwei Jahre nachdem im Bezirk Miami-Dade die gesetzlichen Bestimmungen für die Ansiedlung von Sexualverbrechern verschärft worden waren. Als ein Jahr später bereits 19 Männer unter der Brücke lebten, versprach die Regierung, ordentliche Unterkünfte zu finden. Geschehen ist bislang nichts und die Bewohner werden immer mehr. «Es gibt so viele Einschränkungen in dieser Gegend von Florida», sagt eine Sprecherin der Gefängnisbehörde. «Es ist eine Situation, die derzeit einfach unlösbar ist.»

Wer in den USA einmal als Sexualstraftäter registriert ist, bleibt meist bis zum Lebensende in der Datenbank. Im besonders streng regulierten Bezirk Miami-Dade müssen diese Täter eine Entfernung von mindestens 760 Metern zu Orten einhalten, an denen Kinder spielen. Dies schränkt die Auswahl bezahlbarer Wohnungen deutlich ein. Und obwohl viele Familienmitglieder oder Freunde haben, die ihnen Unterkunft bieten würden, ist dies wegen nahe gelegener Schulen, Spielplätze oder Bushaltestellen nicht zulässig.

Leben unter der Brücke entspricht gesetzlichen Vorgaben

Die Brücke ist den Behörden zufolge einer der wenigen Orte, die den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Einige Bewohner sagen, ihnen sei ausdrücklich empfohlen worden, dorthin auszuweichen. «Wenn ein Bewährungshelfer jemandem bei der Suche nach einer Unterkunft hilft, aber kein Glück hat und dennoch wissen muss, wo sich die Person jede Nacht aufhält, dann empfehlen sie möglicherweise manchmal einen Ort, den sie leicht überprüfen können», räumt eine Behördensprecherin ein.

Viele der Siedlungsbewohner haben eine Arbeit, andere gehen fischen. Nachts spielen sie Karten, Domino oder schauen fern; ein Generator sorgt für Strom.

In Wieses Hütte stehen zwei Fernseher, ein CD-Spieler, eine Mikrowelle und ein schwarzer Getränkekasten als Nachttisch. Verurteilt wurde der 47-Jährige wegen sexueller Belästigung eines Kindes - ein Verbrechen, das er bestreitet. Vom Staat bekämen weder er noch die anderen Bewohner Hilfe, sagt Wiese. Stattdessen siedelten immer mehr neue Nachbarn unter der Brücke, weil sonst keine Unterkunft zu finden sei. Selbst ein Schlafplatz in einer Lagerhalle sei besser als dieser Ort. «Ich habe eine gute Aussicht», sagt er. «Aber das ist auch alles.»

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