Aktualisiert 02.10.2012 08:59

«Time-out»

Die Chancen der «Helvetics» stehen 50:50

Werden die «Helvetics» je Wirklichkeit? Seit René Fasel und Jean Martinet wissen wir: Verrückte Hockey-Schweizer sind mit den Russen schon immer gut gefahren.

von
Klaus Zaugg

Die Russen haben viel zur Entwicklung und Bereicherung unseres Eishockeys beigetragen. Noch immer verdanken wir den Russen die grösste Kulisse eines Länderspiels: Am 16. Februar 1954 verloren wir in Moskau im Dynamo-Fussballstadion bei minus 26 Grad vor 50 000 Zuschauern 1:15. So viele Fans sahen unser Nationalteam vorher und nachher nie mehr. Die erste Sturmreihe mit Jewgeny Babitsch, Victor Schuwalow und Wsewolod Bobrow erzielte 10 der 13 Treffer. Eine Woche später nahmen die Russen in Stockholm zum ersten Mal an einer WM teil und holten gleich den Titel.

Aber ganz entscheidend haben die Russen unsere Neuzeit geprägt. Ich erinnere mich noch, wie es gestern gewesen wäre: Verbandspräsident René Fasel holte die Sowjets im Dezember 1986 zum Länderspiel nach Bern. Damals legte der Zahnarzt aus Fribourg den Grundstein zu seiner Weltkarriere als Funktionär: Bohumil Cervenka, ein Kollege aus Prag, brachte unserem Verbandspräsidenten eine russische Begrüssung fürs Bankett im Bären zu Ostermundigen bei. Es war der Beginn einer Charmeoffensive, die Fasel schliesslich mit Unterstützung der Russen ins IIHF-Präsidium und ins IOC bringen sollte.

«Man sollte Fasel in einer Psychiatrie untersuchen lassen»

Im Rahmen dieses Banketts nach dem Spiel vom 6. Dezember 1986 (wir hatten es 2:10 verloren) sagte er voller Überzeugung: «Ich werde nicht ruhen, bis wir einmal diese Russen schlagen.» Diese Russen besiegen? Bis dahin hatten wir gegen diesen Gegner in 15 Spielen 15 Niederlagen (24:128 Tore) kassiert. Damals haben einflussreiche Kreise geraten, Fasel in einer Psychiatrie untersuchen zu lassen. Ein Sieg gegen die Sowjets schien so ausserhalb jeder Reichweite, wie ein Schweizer Raumfahrtprogramm. Und als er zu Beginn der 1990er Jahre sagte, Arno Del Curto sei der moderne Trainertyp und er möchte ihn als Nationaltrainer, da zweifelten viele Klubgeneräle noch einmal an seinem Verstand.

Dem von Roland von Mentlen inspirierten Querdenker und Rebellen Fasel hat unser Hockey viel zu verdanken. Er dachte als Verbandspräsident schon vor 25 Jahren in den Dimensionen des 21. Jahrhunderts und orchestrierte 1990 mit seinem Freund Jean Martinet (damals Gottéron-Präsident) auch noch den Transfer von Slawa Bykow und Andrej Chomutow in seine Heimatstadt Fribourg. Die Russen haben wir übrigens am 4. Februar 1992 in Fribourg erstmals besiegt (3:0). 1998 in Basel gelang uns im ersten Amtsjahr von Nationaltrainer Ralph Krueger erstmals an einer WM ein Erfolg (4:2) und wir zogen auf Kosten der Russen ins WM-Halbfinale ein.

Der Schlüssel ist ein geeignetes Stadion

Seit der verrückten Forderung von Fasel nach einem Sieg über die Hockeyweltmacht Russland sind mehr als 25 Jahre vergangen. Auf Verbandsebene haben wir leider keine solchen Querdenker und Träumer mehr. Dafür auf einer anderen Ebene: Markus Bösiger arbeitet seit einem Jahr am Projekt «Helvetics». Das Vorhaben, mit einem Schweizer Team in der KHL zu spielen, ist mindestens so verrückt wie die Forderung nach einem Sieg über die Sowjets im Dezember 1986.

Die Chancen stehen 50:50. Der Schlüssel ist ein geeignetes Terrain für den KHL-Stützpunkt (Stadion) zu finden. Dann ist es möglich. Der Wille der KHL-Generäle zur Westexpansion und die dafür zur Verfügung stehenden Gelder werden in der Schweiz nach wie vor unterschätzt. Für die Entwicklung der KHL sind Standorte ausserhalb des ehemaligen Ostblocks von fundamentaler Bedeutung – und nach wie vor hat die KHL keinen solchen Standort. Die Schweiz wäre als Standort perfekt. Aber Bösiger kann bei seinem Abenteuer nicht auf tatkräftige Unterstützung unseres Verbandes und der Liga zählen. Er muss die wirtschaftlichen, administrativen und sportpolitischen Probleme mit seinem Team selber lösen.

Ein Fenster zur Hockey-Weltmacht Russland

Aber selbst wenn sich eines Tages die «Helvetics» im Rauch von Träumen und Illusionen auflösen sollten: Dieses Projekt eröffnet unserem Hockey unbezahlbare Möglichkeiten, zu lernen und dauerhafte Kontakte in die zweitgrösste Hockeyweltmacht und zur zweitwichtigsten Liga der Welt zu knüpfen. Es ist ein Fenster zum Osten, zu einer immer wichtiger werdenden Hockeywelt, das wir öffnen und offen halten sollten. Seit René Fasel und Jean Martinet wissen wir: Verrückte Hockey-Schweizer sind mit den Russen schon immer gut gefahren.

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