09.04.2020 16:04

Experten-Interview

Die Chinesen reisen bereits wieder in Massen

Der Asien-Reisespezialist Stephan Roemer ist krisenerprobt. Er zieht bisher vier Erkenntnisse aus der aktuellen Corona-Situation.

von
gss
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Innerhalb Chinas ist Reisen seit dem 2. April wieder möglich und dies fast gänzlich unbeschränkt. Die Chinesen nutzen das Recht.

Innerhalb Chinas ist Reisen seit dem 2. April wieder möglich und dies fast gänzlich unbeschränkt. Die Chinesen nutzen das Recht.

Aus Huangshan erreichten uns Bilder mit gigantischen Massen an Touristen. Asiatische Länder sollen zudem bereits miteinander im Gespräch sein, damit ab Mai wieder ein interasiatischer Tourismus stattfinden kann.

Aus Huangshan erreichten uns Bilder mit gigantischen Massen an Touristen. Asiatische Länder sollen zudem bereits miteinander im Gespräch sein, damit ab Mai wieder ein interasiatischer Tourismus stattfinden kann.

Mit über 1,3 Millionen Logiernächten waren Chinesen 2019 die viertwichtigsten ausländischen Touristen in der Schweiz. Doch wegen des Coronavirus hatte die chinesische Regierung den Verkauf von Pauschalreisen unterbunden.

Mit über 1,3 Millionen Logiernächten waren Chinesen 2019 die viertwichtigsten ausländischen Touristen in der Schweiz. Doch wegen des Coronavirus hatte die chinesische Regierung den Verkauf von Pauschalreisen unterbunden.

Keystone/Urs Flüeler

1. Der innerasiatische Tourismus startet wieder

Die Krise dauert an - was ist Ihre aktuelle Prognose, wann werden Schweizer Touristen wieder an den Stränden Thailands liegen?

Das würde ich gerne prognostizieren können. Ich weiss aber sicher schon, dass die ersten Touristen, die an den Stränden von Thailand liegen werden, die asiatischen Touristen sind. Es gibt innerhalb Asiens bereits jetzt schon wieder Öffnungen. Beispielsweise erlaubt Chinas seiner Bevölkerung ab dem 8. Mai wieder aus dem Land zu reisen. Ich weiss auch, dass asiatische Länder auf politischer Ebene bereits miteinander im Gespräch sind, damit ab Mai wieder ein interasiatischer Tourismus stattfinden kann.

2. Es wird einen Aufholeffekt geben

Möchte in dieser Situation denn überhaupt jemand reisen?

Innerhalb Chinas ist Reisen seit einer Woche wieder möglich und dies fast gänzlich unbeschränkt. Die Chinesen nutzen das. Aus Huangshan erreichten uns Bilder mit gigantischen Massen an Touristen. Da besteht offensichtlich ein Nachholbedarf. Gleichzeitig gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass dadurch die Ansteckungszahlen wieder steigen.

Mit einem solchen Aufholeffekt rechnen Sie auch bei den Schweizer Touristen?

Ich erinnere mich als 2003 die SARS-Krise vorüber war. Es löste bei uns einen noch nie gesehenen Reiseboom aus. Wir verkauften während Monaten keine einzige Reise, alle Mitarbeiter waren in der Kurzarbeit. Dann kam das vierte Quartal und wir kamen kaum nach mit den Buchungsanfragen. Dieser Aufholeffekt hat unsere Verluste wieder wettgemacht. Diese Erfahrung und was man nun in China sieht, stimmen mich positiv. Auch die Schweizer freuen sich, wenn sie die eigenen vier Wände wieder verlassen können.

3. Reisen wird kurzfristig günstiger, danach teurer.

Werden asiatische Leistungserbringer versuchen, den Tourismus durch günstige Angebote anzukurbeln?

Das sehen wir bereits jetzt. Es sind Hotelangebote vorhanden, die ich in meiner ganzen Karriere so noch nie gesehen habe. Als Reisender müsste man sich jetzt im übertragenden Sinne an Warren Buffet halten, der dann investiert, wenn die Wirtschaft am Boden liegt. Wer aktuell Ferien in Asien bucht - und zwar bis in den Dezember hinein - wird von noch nie dagewesenen Preisen profitieren. Beispielsweise erhält man in Phuket in einem 5-Sterne-Hotel aktuell eine Poolvilla, die sonst 800 Franken pro Nacht kostet, für nur 240 Franken.

Das heisst durch die Corona-Krise wird Reisen noch günstiger?

Kurzfristig wird das so sein. Mittel- und langfristig denke ich, dass Reisen teurer wird. Ich erwarte bei den Fluggesellschaften eine Verdünnung des Angebots. Die Airlines verkleinern bereits jetzt ihre Flotten, es wird bestimmt solche geben, die Konkurs gehen.

4. Asiaten gehen mit der Krise anders um als Schweizer.

Sie pendeln beruflich regelmässig zwischen Bangkok und der Schweiz - gehen Asiaten mit der Corona-Krise anders um als die Schweizer?

Die Berichterstattung in Asien ist weniger panisch. Asiaten sind auch geduldiger als wir. Ein Asiate kann auch mal warten. Und ein Grossteil der Asiaten kennen das bescheidene Leben noch besser als wir. Einfach ausgedrückt: Ein Asiate kann mit einer Schüssel Reis am Tag überleben und bleibt dennoch zufrieden. Das macht Asiaten anpassungsfähiger. Wir haben hier längst höhere Ansprüche. Verzicht und Unsicherheit setzen uns dadurch stärker zu.

Der Experte

Stephan Roemer, Inhaber des Schweizer Reiseveranstalters Tourasia kennt sich mit Krisen aus. Er durchlebte beruflich bereits die SARS-Krise 2003, den Tsunami 2004, Vulkanausbrüche und Flughafenschliessungen.

Stephan Roemer, Inhaber des Schweizer Reiseveranstalters Tourasia kennt sich mit Krisen aus. Er durchlebte beruflich bereits die SARS-Krise 2003, den Tsunami 2004, Vulkanausbrüche und Flughafenschliessungen.

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