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Unruhen in XinjiangDie Chinesen schlagen zurück - Ausgangssperre

Während uigurische Frauen für die Freilassung ihrer festgenommenen Männer demonstrieren, marschieren inzwischen auch Han-Chinesen durch die Strassen Urumqis und nehmen Rache an der muslimischen Minderheit.

Hunderte Han-Chinesen zogen mit Knüppeln bewaffnet wütend durch die Hauptstadt der westchinesischen Region Xinjiang. Die staatliche Agentur Xinhua sprach von Tausenden chinesischen Demonstranten. Sie hätten skandiert: «Schützt unsere Häuser, schützt unsere Familien!» Verkaufsstände von Muslimen wurden umgestürzt. Aufforderungen der Bereitschaftspolizei, anzuhalten, wurden von den Demonstranten missachtet. Sie zogen in Richtung einer Moschee.

Ein Grossaufgebot von Polizei und paramilitärischen Truppen versuche nach Angaben von Augenzeugen, wieder Ordnung herzustellen. Die Provinregierung ordnete in Urumqi eine nächtliche Ausgangssperre an, die um 1300 Uhr MESZ beginnen sollte.

Ein chinesischer Restaurantbesitzer berichtete, er habe Dutzende demonstrierende Uiguren gesehen. «Auch wenn die Uiguren auf ihrem Marsch durch die Strasse nichts zerstörten, so waren wir doch sehr besorgt.» Er habe deshalb sein Restaurant geschlossen; auch alle anderen Geschäfte entlang der Strasse seien geschlossen. Xinhua berichtete, es herrsche «Chaos» in mehreren Vierteln Urumqis. Viele Menschen liefen in Panik durch die Stadt.

Frauen kämpfen für ihre Männer

Zuvor hatte sich eine Gruppe von 200 zumeist weiblichen uigurischen Demonstranten in Urumqi ein Handgemenge mit Sicherheitskräften geliefert. Die Frauen blockierten eine Hauptstrasse und forderten die Freilassung ihrer Männer und Kinder. Ausländische Journalisten, die von den Behörden durch die Provinzhauptstadt Urumqi geführt wurden, konnten die Demonstration beobachten.

Chinesische Medien berichteten, die Demonstranten hätten die 60 ausländischen Journalisten umringt und Slogans gerufen. Einige hätten versucht, von den Journalisten Informationen über ihre Verwandten zu erhalten.

Eine Frau und ihr Kind hätten sich den Reportern als Erste genähert und weinend die Freilassung ihres inhaftieren Mannes verlangt, berichtete die staatliche Agentur Xinhua am Dienstag.

Etwa 1000 weitere Menschen hätten die Kundgebung beobachtet. Als die Demonstranten von der Bereitschaftspolizei aufgehalten wurden, hätten sie sich auf die Strasse gesetzt. Nach etwa eineinhalb Stunden löste sich die Demonstration auf.

Proteste weiten sich aus

Wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, beendet die Polizei am Dienstag zudem neue Proteste in der Stadt Kashgar. Sie trieb mehr als 200 Uiguren auseinander, die sich in einer Moschee versammelt hatten. Nach unbestätigten Berichten sollen in Kashgar mehr als 100 Menschen getötet worden sein, berichtete die in den USA im Exil lebende Präsidentin des Uigurischen Weltkongresses (WUC), Rebiya Kadeer.

Sie verurteilte aufs Schärfste den Einsatz exzessiver Gewalt der Sicherheitskräfte und forderte eine internationale Untersuchung. Die chinesischen Behörden machten dagegen Exil-Uiguren für die Unruhen verantwortlich.

Am Sonntag waren laut offiziellen Angaben 156 Menschen bei Ausschreitungen in der Provinzhauptstadt Urumqi ums Leben gekommen, mehr als Tausend weitere wurden verletzt. Nach Angaben der Behörden wurden 190 Busse und mehr als 200 Geschäfte in Brand gesetzt. 1400 Menschen wurden verhaftet.

In Urumqi liefen am Dienstag Hunderte Sicherheitskräfte Streife. Sie waren mit Schutzschilden, Schlagstöcken und Gewehren ausgestattet. In Urumqui wurde zudem das Mobilfunknetz lahmgelegt und die Nachrichten-Website Twitter blockiert. Internetverbindungen funktionierten nicht oder nur langsam.

Wie die staatliche Agentur weiter meldete, vermutet die Polizei, dass in anderen Orten Xinjiangs neue Aufstände geplant werden. Die Behörden kündigten «schärfste Massnahmen» an, um die Stabilität zu gewährleisten.

USA tief besorgt

Die US-Regierung zeigte sich «tief besorgt» über die Ausschreitungen. Da die Umstände jedoch noch unklar seien, «wäre es verfrüht, weitere Kommentare oder Spekulationen abzugeben», teilte ein Sprecher des Weissen Hauses mit. Die USA riefen alle Seiten in der Provinz zur Zurückhaltung auf. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte Peking auf, Proteste zuzulassen.

Benachteiligte Minderheit

Nach ersten Erkenntnissen hatten die Proteste am Sonntagabend begonnen, als Uiguren auf die Strasse gingen, um von der Regierung die Aufklärung des Todes zweier uigurischer Fabrikarbeiter im Juni zu verlangen.

Am 25. Juni waren Uiguren in einer grossen Spielzeugfabrik in Shaoguan in Südchina angegriffen worden. Ausgelöst wurden die Übergriffe durch Gerüchte, dass Angehörige der muslimischen Minderheit zwei Chinesinnen vergewaltigt haben sollen. «Dieser Zwischenfall hätte verhindert werden können, wenn die chinesischen Behörden die Shaoguan-Morde richtig untersucht hätten», sagte Kadeer.

Nach mehreren Jahren relativer Ruhe war die Gewalt im Nordwesten Chinas 2008 vor den Olympischen Sommerspielen in Peking wieder aufgeflammt. Bei Bombenanschlägen und anderen Gewaltakten in Xinjiang kamen nach amtlichen Angaben mehrere Dutzend Menschen ums Leben.

Mit mehr als acht Millionen Menschen machen die Uiguren in der chinesischen Unruheprovinz Xinjiang etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Seit sich Peking das Gebiet 1955 als «Autonome Region» einverleibte und Han-Chinesen ansiedelte, kämpft das muslimische Turk-Volk für die Unabhängigkeit. Das Gebiet ist reich an Bodenschätzen und für Peking von strategischer Bedeutung.

$$VIDEO$$(Quelle: APTN Video) (sda/dapd)

Ethnien Chinas

Da der Begriff Chinesen im Deutschen nicht eindeutig unterscheidet zwischen Staatsangehörigen Chinas und Angehörigen der Han-Nationalität, also «ethnischen Chinesen», hat sich die Bezeichnung «Han-Chinesen» zunehmend eingebürgert. Die Han stellen heute etwa 91,59 Prozent der Gesamtbevölkerung der Volksrepublik China. Daneben gibt es in der Volksrepublik noch 55 weitere offiziell anerkannte Völker, darunter die Uiguren. (Quelle: Wikipedia)

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