Brisante Enthüllung: Die CIA und Pakistans fatale Drohnen-Lüge
Aktualisiert

Brisante EnthüllungDie CIA und Pakistans fatale Drohnen-Lüge

«The Way of the Knife»: Ein neues Buch enthüllt, warum Pakistan die Drohnenangriffe der USA erlaubt und wie die CIA vom Geheimdienst zur Tötungsmaschine wurde.

von
Peter Blunschi
Pakistanische Frauen protestieren in der Stadt Peshawar gegen die US-Drohnenangriffe.

Pakistanische Frauen protestieren in der Stadt Peshawar gegen die US-Drohnenangriffe.

Nek Muhammad sass beim Abendessen, als das Unheil vom Himmel kam. Am 18. Juni 2004 traf ein Geschoss das Haus des pakistanischen Dschihadisten in den Bergen von Süd-Wasiristan. Muhammad, vier weitere Kämpfer und zwei Kinder kamen ums Leben. Die pakistanische Armee übernahm sofort die Verantwortung und behauptete, sie habe auf das Anwesen gefeuert. «Das war eine Lüge», schreibt der «New York Times»-Journalist Mark Mazzetti. Nek Muhammad war das Opfer einer amerikanischen Predator-Drohne geworden.

Es war die erste von vielen «gezielten Tötungen» durch US-Drohnen in Pakistan, und sie traf nicht einen Al-Kaida- oder Taliban-Kommandeur. Nek Muhammad kämpfte gegen die Regierung von Militärherrscher Pervez Musharraf, die er als USA-hörig betrachtete. Dabei hatte Musharraf jahrelang die Einsätze von US-Drohnen in Pakistan abgelehnt. Nun machte der Geheimdienst CIA seinem pakistanischen Pendant, dem ISI, ein Angebot: Man werde Muhammad töten, wenn Pakistan im Gegenzug Angriffe mit Kampfdrohnen gegen Amerikas Feinde auf seinem Gebiet zulasse. In geheimen Verhandlungen wurde der Deal besiegelt.

Pakistan dementiert

So schildert es Mark Mazzetti in seinem Buch «The Way of the Knife», das diese Woche erschienen ist. Sinngemäss übersetzt bedeutet der Titel «Mit dem Skalpell». Gemeint ist die «Obama-Doktrin», kostspielige und chaotische Kriege durch «chirurgische» Angriffe mit Drohnen und Spezialeinheiten wie die Navy Seals zu ersetzen. Für Mazzetti eine zweischneidige Sache: Die neue Strategie schaffe «im gleichen Mass Feinde, wie sie diese auslöscht». Und sie habe die Schwelle zur Kriegsführung gesenkt, denn die USA könnten so einfach wie nie in ihrer Geschichte «tödliche Operationen am Ende der Welt» durchführen.

Das Buch sorgt für Aufsehen, besonders in Pakistan. Denn bis heute verurteilt die Regierung offiziell die US-Drohneneinsätze. Das Aussenministerium in Islamabad erklärte, die Beschreibungen des Geheimdeals würden «jeder Grundlage entbehren». Die Drohnenangriffe sind in der Bevölkerung extrem unpopulär, regelmässig kommt es zu Protesten. Im Grenzgebiet zu Afghanistan, wo die Angriffe stattfinden, leiden die Menschen unter Panikattacken und anderen psychischen Problemen. Musharraf räumte am Freitag in einem CNN-Interview immerhin ein, die Einsätze seien «in Einzelfällen» genehmigt worden.

Paramilitärische Organisation

Doch auch in den USA trifft das Buch einen Nerv. Zwar zeigen Umfragen, dass die Bevölkerung die Tötungen mehrheitlich unterstützt. Doch das Thema wird zunehmend kontrovers diskutiert, auch in der Politik. Das Unternehmen Pitch Interactive veröffentlichte kürzlich eine Grafik, die alle bisherigen 366 Drohnenangriffe in Pakistan anschaulich darstellt. Recherchen der McClatchy-Mediengruppe zeigen zudem, dass sich die Einsätze nicht wie von der Regierung Obama behauptet gegen hochrangige Al-Kaida- und Taliban-Mitglieder richteten, sondern überwiegend gegen «andere Militante» und «ausländische Kämpfer».

Im Zentrum von «The Way of the Knife» steht die Rolle der CIA. Ihre Aufgabe wäre eigentlich das Sammeln von geheimen Informationen, doch im Zug des «Kriegs gegen den Terror» verwandelte sich «ein Spionagedienst aus dem Kalten Krieg in eine paramilitärische Organisation», schreibt Mazzetti. Er schildert, wie es dazu kam: Während die Verhandlungen in Pakistan noch liefen, verfasste CIA-Generalinspekteur John Helgerson einen internen Bericht zu den Geheimgefängnissen und dem Verhörprogramm von Terrorverdächtigen.

Töten durch Fernbedienung

Dieser kam zu einem verheerenden Fazit: Methoden wie Waterboarding und Schlafentzug würden gegen die UNO-Antifolterkonvention verstossen, an den Verhören beteiligte CIA-Agenten könnten strafrechtlich verfolgt werden. Ein Funktionär habe eingeräumt, seine Leute könnten wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden. Die «Agency» suchte einen Ausweg und fand ihn in den bewaffneten Drohnen: Terrorverdächtige sollten nicht mehr gefasst und auf unbestimmte Zeit eingesperrt, sondern mit «gezielten Tötungen» eliminiert werden. «Das Töten mit Fernbedienung war die Antithese zur schmutzigen, intimen Verhörarbeit», hält der Autor fest.

Damit wurde die bislang gültige Doktrin über Bord geworfen: 1975 hatte ein Kongressbericht zahlreiche Attentatsversuche der CIA auf ausländische Oberhäupter wie Kubas Revolutionsführer Fidel Castro enthüllt. Präsident Gerald Ford verbot darauf dem Geheimdienst solche Tötungsmissionen. Mit dem 11. September 2001 wurde dies gegenstandslos - trotz interner Bedenken. CIA-Chef George Tenet meinte, er sei nicht sicher, ob ein Spionagedienst wirklich bewaffnete Drohen fliegen solle. Vizedirektor John McLaughlin warnte vor dem «Kulturwandel», der mit der «Lizenz zum Töten» einher ging.

Den Arabischen Frühling verschlafen

Mehr als zehn Jahre danach scheinen sie recht zu bekommen, denn während die Agenten per Joystick die Flugkörper steuerten, wurden sie von Entwicklungen wie dem Arabischen Frühling überrumpelt. «Die CIA hat Tunesien verschlafen. Sie hat Ägypten verschlafen. Sie hat Libyen verschlafen», zitiert das Buch ein hohes Mitglied der Regierung Obama. Und Syrien, fügt der Terrorismus-Experte Peter Bergen in seiner Besprechung von «The Way of the Knife» für die «Washington Post» an. Dabei brauche die Regierung genau darüber Informationen, um sich auf eine Zukunft ohne Baschar Assad vorzubereiten.

Der neue CIA-Direktor John Brennan hat angekündigt, er wolle den Geheimdienst zurückführen zu seiner traditionellen Rolle der Informationsbeschaffung und Analyse. Es wäre eine seltsame Ironie, denn zuvor war Brennan der Antiterror-Berater von Präsident Barack Obama. In dieser Funktion galt er als Architekt des Drohnenkriegs, der den USA nicht nur in Pakistan Bauchweh bereitet, sondern zunehmend auch im eigenen Land.

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