Experten zur fünften Welle – «Die Corona-Zahlen könnten in drei Wochen alle Rekorde brechen»
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Experten zur fünften Welle«Die Corona-Zahlen könnten in drei Wochen alle Rekorde brechen»

Die Fallzahlen steigen stark an, die Impfquote dagegen nur noch langsam. Noch ist laut Experten unsicher, ob eine Überlastung der Spitäler im Winter ohne neue Massnahmen verhindert werden kann.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Derzeit sind rund zehn Prozent der zwischen 20’000 und 30’000 täglich durchgeführten Tests positiv. 

Derzeit sind rund zehn Prozent der zwischen 20’000 und 30’000 täglich durchgeführten Tests positiv.

20min/Simon Glauser
Das ist laut Experten ein Hinweis darauf, dass sich das Virus wieder stark in der Bevölkerung ausbreitet. 

Das ist laut Experten ein Hinweis darauf, dass sich das Virus wieder stark in der Bevölkerung ausbreitet.

20min/Taddeo Cerletti
Bund und Kantone unternehmen grosse Anstrengungen, um noch mehr Personen zur Impfung zu motivieren. 

Bund und Kantone unternehmen grosse Anstrengungen, um noch mehr Personen zur Impfung zu motivieren.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • In vielen Ländern Europas und auch in der Schweiz rollt die fünfte Corona-Welle an.

  • Die grosse Frage ist: Reichen die derzeitigen Massnahmen und der Anteil Immunisierter in der Bevölkerung, um die Spitäler vor Überlastung zu schützen?

  • Experten sind skeptisch: Aufgrund der hohen Positivitätsrate, der tiefen Impfquote, aber auch, weil etwa in Österreich die Spitäler sich wieder füllen.

Die Corona-Fallzahlen verdoppeln sich in der Schweiz im Moment alle zwei Wochen. Am Dienstag vermeldete das BAG 2986 neue Fälle. Geht es in dem Tempo weiter, stehen wir in einem Monat bei fast 12’000 neuen Infektionen täglich.

Die steigenden Zahlen beunruhigen Gesundheitsexperten wie Jan Fehr von der Uni Zürich: «Wir befinden uns in einem Anstieg zur fünften Welle.» Die Frage sei nun, wie hoch dies ausfallen und wie stark sie sich auf die Hospitalisationen und die Belegung der Intensivstationen auswirken werde. «Die Lage spitzt sich zu», sagt Fehr. «Dass wir den Winter ohne zusätzliche Massnahmen überstehen werden, ist unwahrscheinlich.»

Hospitalisationen werden zunehmen

«Ich bin ernsthaft besorgt, denn höhere Fallzahlen schlagen sich weiterhin in vermehrten Hospitalisationen nieder, solange wir noch keine höhere Impfquote haben – wenn auch etwas gedrosselt im Vergleich zum letzten Winter», sagt Fehr. Diesen Herbst habe zwar zumindest ein Teil der Bevölkerung einen Immunschutz. Andererseits kämpfe man aber mit der ansteckenderen Delta-Variante, die nicht zu unterschätzen sei. Derzeit sind 66,3 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens einmal geimpft.

Auch das ehemalige Taskforce-Mitglied Manfred Kopf ist überzeugt, dass das Virus sich diesen Winter erneut stark ausbreiten wird: «Die Durchseuchung wird so breitflächig sein, dass die allermeisten Ungeimpften sich anstecken werden und wir auf diesem Wege die Herdenimmunität erlangen.» Die Schlüsselfrage werde sein, wie stark sich das in den Spitälern niederschlagen wird.

Kopf geht davon aus, dass die Epidemie in der Schweiz ähnlich verlaufen wird wie in Deutschland: «Dort gehen die Zahlen durch die Decke und brechen alle Rekorde. Das ist in zwei bis drei Wochen auch hier zu erwarten. Und damit kämen die Spitäler tatsächlich erneut an die Belastungsgrenze.»

«Erneute starke Belastung nicht auszuschliessen»

Laut Antoine Flahault, Epidemiologe an der Universität Genf, kann die Schweiz sich nicht nur auf die Impfstrategie verlassen: «Österreich hat eine ähnliche Durchimpfungsrate und erlebt wieder einen besorgniserregenden Anstieg der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle.» Wenn weniger als 95 Prozent der Bevölkerung über 50 Jahren und der gefährdeten Personen geimpft werden, bleibe das Risiko von schweren Verläufen und Todesfällen in dieser Gruppe sehr hoch.

Dazu kommt laut Flahault, dass auch Geimpfte nicht zu 100 Prozent vor schweren Verläufen geschützt sind. «Wenn die jetzige Welle, die sich seit einem Monat abzeichnet, also sehr gross ausfällt, ist nicht auszuschliessen, dass die Belastung für das Gesundheitswesen noch einmal ähnlich gross wird, wie in früheren Wellen.»

«Können mit den derzeit geltenden Massnahmen durch den Winter kommen»

Etwas zuversichtlicher ist Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts: «Aufgrund der Erfahrung vom letzten Winter überrascht es wenig, dass mit der kälteren Jahreszeit und dem vermehrten Aufenthalt der Leute in geschlossenen Räume die Fallzahlen noch einmal ansteigen. Mit einer Verdoppelung der Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen befinden wir uns erneut in einer heiklen Phase und müssen achtsam sein, dass es nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommt.» Es gelte nun mehr denn je, noch Unentschlossene für die Impfung zu gewinnen und die bestehenden Hygienemassnahmen strikt einzuhalten.

Trotzdem glaubt Utzinger nicht, dass die fünfte Welle sich in den Spitälern noch einmal so stark niederschlagen wird wie vorherige: «Die vulnerablen Gruppen sind grösstenteils geschützt und die Booster-Impfkampagne ist angerollt. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir, wenn alle sich daran halten, mit den derzeit geltenden Massnahmen durch den Winter kommen.» Sollte es trotzdem noch einmal nötig sein, zu intervenieren, würde Utzinger bei den Grossveranstaltungen in Innenräumen ansetzen: «Dort kann mit vergleichsweise kleinen Einschränkungen für die Gesamtbevölkerung grosser Nutzen erzielt werden.»

Klar ist: Zu harten Einschränkungen wie etwa der 2G-Regel, wie sie in Österreich seit Montag gilt, wird es in der Schweiz derzeit nicht kommen. Das stellte Virginie Masserey vom BAG am Dienstag im Rahmen eines Point de Presse klar.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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