21.11.2017 18:11

Foto ist outDie Credit Suisse will die anonymisierte Bewerbung

Viele Firmen verlangen kein Bewerbungsfoto, so etwa die Nummer zwei auf dem Finanzplatz. Auch der Name oder das Geschlecht könnten wegfallen.

von
Dominic Benz
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Viele Firmen sind sich einig: Bewerbungsfotos führen zu sogenannten «unbewussten Denkmustern». Das beeinflusst den Bewerbungsprozess.

Viele Firmen sind sich einig: Bewerbungsfotos führen zu sogenannten «unbewussten Denkmustern». Das beeinflusst den Bewerbungsprozess.

Daher ist ein Foto bei einigen grossen Schweizer Unternehmen kein Muss.

Daher ist ein Foto bei einigen grossen Schweizer Unternehmen kein Muss.

Gradyreese
Etwa bei der Credit Suisse. Die Bank prüft sogar Möglichkeiten, nebst Fotos auch gewisse persönliche Informationen wie zum Beispiel Geschlecht, Name oder Alter im Rekrutierungsprozess zu anonymisieren.

Etwa bei der Credit Suisse. Die Bank prüft sogar Möglichkeiten, nebst Fotos auch gewisse persönliche Informationen wie zum Beispiel Geschlecht, Name oder Alter im Rekrutierungsprozess zu anonymisieren.

Keystone/Walter Bieri

Wer sich für einen Job bewirbt, braucht einen lückenlosen Lebenslauf und ein überzeugendes Motivationsschreiben. Die meisten Bewerber fügen zudem ein Foto von sich hinzu. Für ein solches gehen sie nicht selten zu einem professionellen Fotografen. Das kostet schnell mal ein paar hundert Franken.

Der Aufwand ist aber nicht überall nötig, denn bei vielen grossen Schweizer Unternehmen ist die Bewerbung auch ohne Foto möglich, wie eine Umfrage der «Berner Zeitung» zeigt. Grund: Ein Foto bediene «unbewusste Denkmuster» und verzerre die Beurteilung eines Bewerbers, heisst es bei den Firmen.

Chancengleichheit im Bewerbungsprozess

So spielt etwa bei der Credit Suisse das Foto keine wichtige Rolle mehr. Zwar kann man sich bei der Bank noch immer mit Bild bewerben. Doch das könnte sich bald ändern. Aktuell prüft die Bank Möglichkeiten, Lebensläufe im Bewerbungsprozess zu anonymisieren. «Die Credit Suisse beschäftigt sich intensiv mit der Thematik der Chancengleichheit im Bewerbungsprozess und will diesen für alle Bewerberinnen und Bewerber so fair wie möglich gestalten», teilt die Bank auf Anfrage mit.

Nicht nur das Foto soll wegfallen. Die Credit Suisse will laut eigenen Angaben noch einen Schritt weiter gehen und denkt darüber nach, Geschlecht, Name oder Alter im Rekrutierungsprozess zu anonymisieren.

«Originelles Foto kann ein Türöffner sein»

Auch die UBS, die Post sowie die Swisscom verlangen für die Bewerbung kein Foto. Allerdings vermittelt laut Swisscom ein Bild immer einen ersten Eindruck der Person. «Passt die Art und Weise des Fotos überhaupt nicht zum ausgeschriebenen Job, so kann dies auch einen Einfluss auf die Wahrnehmung haben», sagt das Unternehmen zu 20 Minuten. Mit einem Foto habe man aber auch die Möglichkeit, sich bewusst zu inszenieren. «Ein gutes und originelles Foto kann ein Türöffner sein», so die Swisscom.

Damit folgen erste hiesige Unternehmen den Beispielen im Ausland. In den USA oder Grossbritannien etwa ist das Bewerbungsfoto wegen allfälliger Probleme mit dem Anti-Diskriminierungsgesetz ein No-go. In Kanada ist es sogar gesetzlich verboten.

«Fairness und Gleichheit symbolisieren»

Für Markus Grutsch, Arbeitspsychologe an der Fachhochschule St. Gallen, ist es grundsätzlich ein guter Gedanke, auf das Foto zu verzichten. Dieses könne tatsächlich zu einer verzerrten Wahrnehmung führen. «Professionelle Personalverantwortliche können aber damit richtig umgehen.» Dennoch bleibe das Foto eine wichtige Zusatzinformation, vor allem für Jobs mit Kundenkontakt auf der Bank oder im Service.

So hat der Verzicht auf ein Foto für Grutsch etwas Scheinheiliges. «Damit wollen die Unternehmen Fairness und Gleichheit symbolisieren», sagt er zu 20 Minuten. Letztlich zähle aber spätestens beim ersten persönlichen Gespräch auch das äussere Erscheinungsbild des Kandidaten.

«Das ist in unserer Kultur verankert»

Laut Grutsch reichen die meisten Bewerber ein Foto ein, auch wenn es Firmen nicht explizit einfordern. «Das ist in unserer Kultur verankert», so der Experte. Er glaubt daher nicht, dass in der Schweiz das Bewerbungsfoto in den nächsten Jahren verschwinden wird – im Gegenteil. «Ich kann mir vorstellen, dass Unternehmen vermehrt ein Video der Bewerber verlangen», so Grutsch.

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Herr Bayer*, wie sieht das perfekte Bewerbungsfoto aus?

Die starren Fotos, möglichst noch aus einem Automaten, sind eine Katastrophe. Entscheidend für eine gute Bewerbung ist, die innere Kraft und das Feuer des Kandidat im Bild einzufangen. Er oder sie sollte direkt in die Kamera blicken, den Kopf höchstens leicht zur Seite neigen und keine Grimassen machen. Auch sollte es ein Farb-Foto sein.

Welches Outfit soll ich tragen?

Je höher die angestrebte Funktion ist, desto seriöser und zurückhaltender muss die Kleidung sein. Auf keinen Fall eine Modenschau veranstalten. Wer sich in der IT-, Marketing- oder Modebranche bewirbt, soll sich kreativer vorstellen, darf aber nicht übertreiben. Oft genügt ein Ring im Ohr, aber bitte nicht in der Nase.

Welche Haltung soll ich einnehmen?

Die Haltung soll locker und entspannt sein, wobei Ganzkörperfotos bei Männern eher selten sind. Frauen zeigen sich gerne in ganzer Schönheit, aber zwingend ist nur das Portrait oder Halbportrait. Wer die Arme vor der Brust verschränkt, hat meistens schon verloren, denn dies bedeutet Abwehr. Höchstens in der Baubranche oder bei Metzgern macht dies Eindruck.

Die Haare offen oder zusammengebunden tragen?

Offene Haare werden heute auch in der Finanz- und Versicherungsbranche geduldet, aber der Kandidat muss dann erst recht als leistungsstark erkannt werden. Im Zweifel ist der kurze Bahnhofstrasse Zürich-Schnitt, wo die Ohren frei liegen, zu empfehlen.

Ist ein seriöses Foto nicht einfach langweilig und geht in der Masse unter?

Darin liegt die ganze Kunst: Das Foto muss gleichzeitig seriös und kreativ sein. Gute Fotografen fordern deshalb die Kandidaten heraus, bis das ideale Foto gefunden ist. Im Übrigen gilt eine einfache Regel: Wer zur UBS will, soll wie Sergio Ermotti aussehen, wer zu Hayek jr. nach Biel will, darf als Pirat auftreten.

*Thomas Bayer ist Gründer und CEO der Bayerplus Executive Search Consulting in Küsnacht ZH.

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