Hongkong und Opium: Die Dealer Ihrer Majestät
Aktualisiert

Hongkong und OpiumDie Dealer Ihrer Majestät

Die Herrschaft über Hongkong hatten die Briten dem Opium zu verdanken: Sie zersetzten China mit der Droge. Als der Kaiser sich wehrte, erledigten Kanonenboote den Rest.

von
Simon Hehli
Hongkong

Neulich war in Hongkongs Ausgehmeile im Stadtzentrum der Teufel los: Anlässlich des jährlichen Rugby-Fests zogen sich zahlreiche Angelsachsen merkwürdige Kostüme oder Trikots über und kippten ein Bier nach dem anderen. Der britische Einfluss ist in Hongkong noch gut zu spüren – kein Wunder, gehörte das Territorium doch bis vor 16 Jahren zum Vereinigten Königreich. So weit, so bekannt. Doch kaum ein Brite wird im Alkoholrausch daran gedacht haben, dass die Herrschaft ihrer Heimat über Hongkong einst ebenfalls mit einer Droge begann: Opium.

China ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein abgeschottetes Land. Der Staat, zuvor Jahrhunderte lang die führende Wirtschaftsmacht der Welt, ist im Niedergang begriffen. Doch die Kaiser der herrschenden Qing-Dynastie wollen das nicht wahrhaben. Für sie ist China immer noch das Zentrum der Welt – das «Reich der Mitte» eben. Ein sich selbst genügendes Reich: Handel mit den europäischen Grossmächten hält Peking für überflüssig. Als «Geste der Grosszügigkeit» ist nur ein Hafen für den Handel geöffnet: Kanton, das heutige Guangzhou.

Nur Opium kann Handelsbilanz korrigieren

England ist verrückt nach chinesischen Waren wie Tee, Seide oder Porzellan. China wäre der perfekte Handelspartner, ein riesiger Absatzmarkt für die Produkte der aufstrebenden britischen Industrie. Doch die Chinesen zeigen kaum Interesse an Stoff oder Maschinen. So müssen die Briten mit Silber bezahlen. Die Folge: Die Handelsbilanz rutscht immer mehr ins Minus, in Europa wird das Wertmetall knapp.

Die Briten haben aber noch einen Trumpf. 1757 hat sich das Empire Bengalen einverleibt, ein Gebiet, das im heutigen Indien und Bangladesch liegt. Dort wächst Schlafmohn, aus dem sich Opium gewinnen lässt. Opium wird in China schon lange für medizinische Zwecke gebraucht – zunehmend aber auch als Rauschmittel. Nur zu gerne decken die Briten die Nachfrage: Die ins Land geschmuggelte Menge verzehnfacht sich beinahe von 1800 bis 1838. Korrupte Beamte in den Provinzen stehen Spalier. Nun sind es die Chinesen, die sich über einen Abfluss ihres Silbers beklagen. Und über bis zu zehn Millionen Opiumsüchtige.

Grösste Drogenvernichtungsaktion der Geschichte

1839 schickt Kaiser Daoguang seinen integersten Mann nach Kanton: Lin Zexu. Der Beamte lässt die ausländischen Händler in ihren Kontoren internieren und zwingt sie, einen Vertrag zu unterschreiben, der dem verheerenden Drogenhandel ein Ende bereiten soll – unter Androhung der Todesstrafe. Widerwillig rückt der englische Superintendent für den China-Handel, Charles Elliott, mehr als 20'000 Kisten Opium heraus, über 1000 Tonnen!

Es folgt die wohl grösste Drogenvernichtungsaktion der Weltgeschichte. Mehrere hundert Arbeiter mischen drei Wochen lang das Opium mit Salz und Kalk, um es unbrauchbar zu machen, und kippen die stinkende Masse dann in den Perlfluss. Lin bittet den Meeresgeist um Verzeihung für die Verschmutzung. Am 26. Juni ist die Tat vollbracht. 1987 wird die Uno diesen Tag der Erinnerung an Lins Kampf gegen den Drogenmissbrauch widmen.

Chinesen hoffnungslos rückständig

Doch das britische Empire schlägt zurück: London pocht auf den internationalen Freihandel – und entsendet trotz Protesten der britischen Öffentlichkeit eine Flotte, um vom Kaiser eine Wiedergutmachung für die Drogen zu fordern. Als betrunkene britische Matrosen am 7. Juli 1839 in Tsim Sha Tsui im heutigen Hongkonger Stadtteil Kowloon einen Chinesen ermorden, markiert das den Ausbruch des bewaffneten Konflikts – des Ersten Opiumkriegs.

Nun rächt sich die technische Rückständigkeit der Chinesen. Zahlenmässig sind sie den Briten zwar weit überlegen, doch ihre Holzdschunken haben keine Chance gegen die hochgerüsteten Kanonenboote der Eindringlinge, kommandiert von strategisch geschulten Offizieren. Im Januar 1841 besetzen die Briten die Insel von Hongkong, im Mai Kanton. Als sie im Sommer 1842 Nanking (heute Nanjing) belagern, sieht Kaiser Daoguang die Hauptstadt Peking gefährdet. Er fügt sich im Friedensvertrag von Nanking dem Diktat der Sieger.

Ein neuer Umschlagplatz für die Dealer

China muss eine hohe Entschädigung zahlen, fünf Häfen, darunter Kanton und Shanghai, für den Handel öffnen – und Hongkong «auf ewige Zeiten» an Grossbritannien abtreten. Auf der rund 80 Quadratkilometer kleinen Insel liegen zwar nur ein paar verschlafene Fischerdörfer. Doch das Eiland verfügt über einen geschützten, strategisch günstig positionierten Hafen. Die neue Kronkolonie wird innert kürzester Zeit zum Umschlagplatz für Opium, das die Briten nun relativ ungestört ins Reich der Mitte schmuggeln können.

1854 verlangen sie eine Revision des Vertrags von Nanking: Öffnung weiterer Häfen und Legalisierung des Drogenhandels. Das Nein des Kaisers führt zum Zweiten Opiumkrieg. Gemeinsam mit den Franzosen erobern die Briten 1860 Peking und legen den prächtigen Sommerpalast in Schutt und Asche. Von der Niederlage gegen die verachteten «Barbaren» wird sich das über 2000 Jahre alte Kaiserreich nie mehr erholen. 1912 geht es endgültig unter. Dank der Pekinger Konvention schlagen die Briten die Halbinsel Kowloon Hongkong zu.

Heute sind Drogen streng verboten

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Kronkolonie, mittlerweile um die New Territories stark vergrössert, eine Drehscheibe des Drogengeschäfts. Die Regierung stellt sogar offizielle Bewilligungen für den Handel aus, um einen Teil der hohen Gewinne abzuschöpfen. Auch wenn die berühmten Opiumhöhlen ab 1910 geschlossen werden, bleibt der private Opiumkonsum bis zum Zweiten Weltkrieg erlaubt.

An diese wilden Zeiten erinnern heute nur noch die nachgebauten Opiumpfeifen in den Souvenirläden. 1997 tritt Grossbritannien trotz seines «ewigen Besitzrechtes» Hongkong wieder an China ab – damit endet ein koloniales Kapitel, das einst mit zynischer Machtpolitik begonnen hatte. Verkauf und Konsum harter Drogen sind mittlerweile nicht mehr zu empfehlen: Es setzt harte Strafen bis lebenslänglich Gefängnis ab. Das scheint aber die Briten im Expat-Quartier wenig zu stören. Bier und Rugby machen sie happy genug.

Deine Meinung