Corona-Politik - «Die Demokratie hat nicht mehr richtig funktioniert»
Publiziert

Corona-Politik«Die Demokratie hat nicht mehr richtig funktioniert»

Am Mittwochabend diskutierten im Zürcher Kaufleutensaal Kritiker und Befürworter der Corona-Politik des Bundes.

von
Claudia Blumer
1 / 6
Podiumsdiskussion zum Buch «Der Corona-Elefant» am Mittwochabend, 16. März 2022, im Kaufleutensaal. Von links: Moderatorin Esther Girsberger, Infektiologe Manuel Battegay, Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle, Versicherungsökonom Konstantin Beck, Infektiologe Pietro Vernazza.

Podiumsdiskussion zum Buch «Der Corona-Elefant» am Mittwochabend, 16. März 2022, im Kaufleutensaal. Von links: Moderatorin Esther Girsberger, Infektiologe Manuel Battegay, Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle, Versicherungsökonom Konstantin Beck, Infektiologe Pietro Vernazza.

20min/Claudia Blumer
Manuel Battegay, Chef Infektiologie am Universitätsspital Basel, war die andere Stimme auf dem Podium. Er hat die Covid-Politik des Bundes mehrheitlich verteidigt.

Manuel Battegay, Chef Infektiologie am Universitätsspital Basel, war die andere Stimme auf dem Podium. Er hat die Covid-Politik des Bundes mehrheitlich verteidigt.

20min/Claudia Blumer
Er verteidigte auch die Impfung: «In Basel hatten wir keinen einzigen Patienten, der wegen einer schweren Impfnebenwirkung hospitalisiert wurde.»

Er verteidigte auch die Impfung: «In Basel hatten wir keinen einzigen Patienten, der wegen einer schweren Impfnebenwirkung hospitalisiert wurde.»

20min/Claudia Blumer

Darum gehts

  • 20 Autoren haben das Buch «Der Corona-Elefant» herausgegeben.

  • Es beinhaltet eine kritische Auseinandersetzung mit der Bewältigung der Corona-Pandemie in der Schweiz.

  • Am 16. März, zwei Jahre nach dem Beginn des ersten Lockdowns, fand die Buchvernissage im Kaufleuten in Zürich statt.

  • Auf dem Podium diskutierten Infektiologe Manuel Battegay, Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle, Versicherungsökonom Konstantin Beck und Infektiologe Pietro Vernazza.

Das neu erschienene Buch «Der Corona-Elefant» ist eine Genugtuung für jene, die mit der Corona-Politik nicht einverstanden sind. 20 Autoren setzen sich mit verschiedenen Aspekten der Pandemiebewältigung auseinander: Massnahmen, Impfung, Medien, gesellschaftliche Debatte.

Nicht zufällig fand die Vernissage am 16. März statt - exakt zwei Jahre, nachdem im Frühling 2020 der erste Lockdown verordnet wurde. Podiumsteilnehmer waren Ethik-Expertin Ruth Baumann-Hölzle, Versicherungsökonom und Professor Konstantin Beck, Infektiologe Pietro Vernazza und – als Gegenstimme – Infektiologe Manuel Battegay.

«Es gab einen dominanten Diskurs»

Ruth Baumann-Hölzle sprach von einer moralisch aufgeladenen Debatte anstelle einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. «Es gab einen dominanten Diskurs – man ging von einem Konsens der Wissenschaft aus, den es so nicht gab.» Sobald jemand diesem Konsens nicht folgte, sei er in der Ecke der Verschwörungstheoretiker gelandet, sagt sie. «Bezeichnend dafür war die Rolle der Medien. Die vierte Gewalt im Staat hat ihre Rolle nicht wahrgenommen, sondern war mehr Begleitmusik der Regierungsentscheide.» Oft seien Entscheide von der Politik nicht begründet worden, oder nicht schlüssig genug gewesen. «Zuerst ging es darum, Menschenleben zu retten. Dann wollte man, dass die Spitäler nicht überlastet werden», meinte Baumann-Hölzle.

Pietro Vernazza und Manuel Battegay kennen sich seit Jahrzehnten und verstehen sich gut. Vernazza war Chef-Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, Battegay ist Chefarzt Infektiologie in Basel. Doch in den letzten zwei Jahren nahmen sie komplett unterschiedliche Positionen ein. Battegay war in der Taskforce des Bundes und befürwortete mehrheitlich die Stossrichtung des Bundesrats. Vernazza stand als Kritiker im Abseits. Wegen seiner abweichenden Haltung sei er nicht in die Science-Taskforce des Bundes aufgenommen worden, vermuteten manche.

«8 von 10 waren ungeimpft, das ist ein Fakt»

Vernazza sagte auf dem Podium im Zürcher Kaufleuten: «Ich befürworte Impfungen seit 30 Jahren. Auch die Covid-Impfung, sie war ein Gamechanger.» Doch er habe es gewagt, Fragen zu stellen. Etwa, ob es richtig sei, dass eine Lähmung nicht als schwere Impf-Nebenwirkung gemeldet werde, weil das Spital sie nicht als solche beurteile. «Das Monitoring der Nebenwirkungen war in der Schweiz lausig», sagte Vernazza. Battegay widersprach. In Israel sei es wohl nicht lausig und habe ähnliche Resultate erzielt. «In Basel hatten wir keinen einzigen Patienten, der wegen einer schweren Impf-Nebenwirkung hospitalisiert wurde.» Jedoch seien auf der Intensivstation acht von zehn Covid-Patienten ungeimpft gewesen. «Das ist ein Fakt.»

Moderatorin Esther Girsberger fragte Konstantin Beck von der Universität Luzern, warum die Minderheitsmeinung abgewürgt worden sei, die Schweiz sei doch kein autoritärer Staat. Beck war anderer Meinung: «Zeitweise waren wir nicht sehr weit von einem autoritären Staat entfernt.» Man habe sehr stark gespürt: «Das ist eine Notsituation, jetzt müssen alle am gleichen Strick ziehen, wir dürfen nicht mit Widersprüchen die Führung des Landes durcheinanderbringen.» Er habe das selbst noch während einer kurzen Zeit mitgetragen, sagte Beck.

Kritik am Parlament

Es wurden auch einige Autoren auf die Bühne gerufen, um ein Statement abzugeben. Zum Beispiel der Politologe Daniel Kübler. Er sagte: «Die Demokratie hat nicht mehr richtig funktioniert.» Die Schweiz sei in der ersten Welle sehr undemokratisch unterwegs gewesen, das Parlament als volksgewählte zuständige Behörde habe sich selber ausgeschaltet. Während alle Bildungsinstitutionen sofort auf Fernunterricht umstellten, hätten es die Parlamentarier nicht einmal geschafft, Kommissionssitzungen online abzuhalten, sagte Kübler.

Er habe den Verdacht, dass sich die Parlamentarier in der Krise zu wenig zuständig fühlten, weil es dem schweizerischen Selbstverständnis entspreche, den parlamentarischen Milizbetrieb als eine Art «Hobby» anzuschauen. Das sei falsch. In so einer Situation müsse das Parlament seine Verantwortung beim Krisenmanagement wahrnehmen.  

Deine Meinung

64 Kommentare