Aktualisiert 03.12.2013 15:33

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«Die deutschen Kinder machen es uns einfacher»

Kinder in der Schweiz lesen besser. Die Gründe laut Lehrerpräsident Beat W. Zemp: Mehr Schüler aus Deutschland und weniger Schulkinder mit schlechten Deutschkenntnissen.

von
Simon Hehli
Lehrerpräsident Beat W. Zemp fühlt sich durch die guten Pisa-Resultate darin bestätigt, dass er und seine Berufskollegen gute Arbeit abliefern.

Lehrerpräsident Beat W. Zemp fühlt sich durch die guten Pisa-Resultate darin bestätigt, dass er und seine Berufskollegen gute Arbeit abliefern.

Die Schweizer Schüler schneiden im Pisa-Test sehr gut ab – dürfen sich die Lehrer dafür nun auf die eigenen Schultern klopfen?

Beat W. Zemp: Wir haben sehr motivierte Lehrer, aber vor allem haben wir ein gutes Klima in den Schulen und gute Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Letzteres ist ein entscheidender Faktor für starke Lernleistungen. Es ist auch kein Zufall, dass bei uns die Schüler viel seltener schwänzen als in anderen Ländern. Mich freut besonders, dass wir Finnland in der Mathematik überholen konnten.

Die Leistungen der finnischen Schüler nahmen im Vergleich zu 2009 ab. Wie ist es den Schweizer Schulen im Gegensatz dazu gelungen, das Mathe-Spitzenniveau zu halten?

Wir profitieren davon, dass wir im Bereich Geometrie weltweit deutlich die Besten sind. Im Bereich Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung könnten wir hingegen noch zulegen. Dafür bräuchte es aber wiederum mehr Lektionen. Und das kostet natürlich.

Bürgerliche Politiker denken derzeit eher ans Sparen...

Ja, das ist auch meine grösste Sorge. Damit wir den Spitzenplatz halten können, braucht es Unterrichtsressourcen. Angesichts der Tatsache, dass 16 Kantone im Bildungsbereich Sparmassnahmen aufgegleist haben, wird das schwierig.

War der Pisa-Schock von 2001 letztlich dennoch heilsam?

Dieser «Schock» wurde damals überbewertet, es setzte ein Schwarz-Peter-Spiel ein. Es hiess wahlweise, die Lehrer seien schuld oder die Schüler seien zu dumm. Der «Blick» fragte: Sind wir ein Volk von Deppen? Die Aufregung hat sich mittlerweile gelegt. Beim Lesen werden wir immer Probleme haben, weil wir Deutschschweizer zuerst Hochdeutsch lernen müssen, dann kommen auf Primarstufe noch zwei Fremdsprachen hinzu – und ein Migrantenkind hat noch seine Muttersprache, hat also insgesamt fünf Sprachen zu meistern! Es leuchtet ein, dass es da auch mal eine Überforderung geben kann.

Beim Lesen gibt es aber positive Trends zu verzeichnen – vor allem, weil sich die Leseleistung von nicht hier geborenen Immigrantenkindern massiv verbessert hat. Haben wir das nur den deutschen Zuzügern zu verdanken?

Das ist sicher ein Teil der Erklärung. Die kriegstraumatisierte Generation vom Balkan, die wir in den letzten beiden Jahrzehnten in die Klassen integrieren mussten, ist nun weitgehend aus der Schule raus. Gekommen sind stattdessen tatsächlich viele deutsche oder österreichische Kinder aus Akademikerfamilien, die perfekte Sprachkenntnisse mitbringen. In diesem Sinn ist es einfacher geworden, gute Resultate zu erzielen.

Noch immer lesen aber die Jungs deutlich schlechter als die Mädchen. Kann die Schule dagegen nichts unternehmen?

Nicht so viel, obwohl wir Lesenächte und Lesewochen veranstalten. Dieser Unterschied ist weltweit festzustellen, auch wenn er bei uns ein bisschen grösser ist als im OECD-Durchschnitt. Es ist halt so, dass Buben lieber gamen und Mädchen eher ein Buch in die Hand nehmen. Um das zu ändern, brauchen wir auch die Hilfe der Eltern: Es ist wichtig, dass sie ihren Kindern schon im Vorschulalter vorlesen, sei es aus Märchen- oder aus Abenteuerbüchern. Und die Eltern sollen eine Vorbildfunktion übernehmen, indem sie vor den Kindern lesen.

In den Naturwissenschaften liegen Mädchen und Jungs gleichauf – dennoch finden immer noch deutlich weniger Frauen den Weg in technische Berufe, die Arbeitgeber klagen über Fachkräftemangel. Was läuft da schief?

Die Berufswahl ist ein innerer Prozess, der in jedem heranwachsenden Menschen individuell abläuft. Mit 12, 13 Jahren kommt die Frage: Was soll ich eigentlich machen, wenn ich aus der Schule komme? - Es gibt gute Förderungsprogramme, um die Mädchen stärker für die sogenannten MINT-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – zu begeistern. Etwa eine Plakatkampagne mit Ingenieurinnen, welche die Botschaft verbreiten: Wir gestalten die Umwelt, in der wir alle leben, ohne sie zu verschandeln.

Sie ärgerten sich sehr über die Vorwürfe aus der Wirtschaft, dass Jugendliche, die in die Lehre kommen, kaum rechnen und schreiben könnten. Fühlen Sie sich durch die Pisa-Studie nun bestätigt?

Die Wirtschaft fokussiert mit ihrer Kritik auf die 15 Prozent Risikoschüler, die tatsächlich Mühe haben mit Rechnen, Schreiben und Lesen. Aber wenn man mit den Schulleistungen von vor 30, 40 Jahren vergleicht, dann ist die Bildungsleistung massiv besser geworden. Nur ging damals ein Drittel einer Volksschulklasse direkt in die Fabrik arbeiten. Diese Jobs gibt es nicht mehr, die sind in Bangladesch oder sonst wo. Die Jobs, die hier sind, sind hingegen anspruchsvoller geworden…

… und genau dafür fehlt der gute Nachwuchs, klagen die Lehrmeister.

Logischerweise haben wir bei der Besetzung der noch offenen Lehrstellen ein Kompetenzproblem bei den betroffenen Schülern. Für die müssen wir spezielle Förderungsprogramme haben, sonst geht das nicht. Dennoch wehre ich mich gegen die pauschalen Klagen, die Jugend könne nichts. Das sagte schon der alte Grieche Sokrates – offenbar lag der Höhepunkt der Bildung in der Steinzeit (lacht).

Bildungsdirektoren-Präsident Christoph Eymann hält es für denkbar, dass die guten Resultate vieler asiatischer Staaten im Fach Mathematik mit einer grösseren Autorität der Lehrer zusammenhängen. Ist es denkbar, dass auch die Schweizer Lehrer irgendwann wieder grösseren Respekt geniessen?

Das glaube ich nicht. Die 68er-Revolution hat im Westen alle Autoritätspersonen wie Richter, Polizisten, Pfarrer oder eben Lehrer vom Sockel geholt. Und das war nicht nur schlecht. Ich hatte einen Lehrer, der noch körperlich züchtigte. Zu dieser Art von Drillschule, wie sie in Asien derzeit noch vorhanden ist, wollen wir sicherlich nicht zurück.

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