Unterschiedliche Strategien - «Die Deutschen sind neidisch auf die Schweiz»
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Unterschiedliche Pandemie-Strategien«Die Deutschen sind neidisch auf die Schweiz»

Bier auf der Sonnenterrasse hier, Ausgangssperre dort: Deutschland blickt mit Verwunderung auf die Schweiz. «Sie zeigt, dass es anders geht», sagt Matthias Estermann vom Verein für Deutsche in der Schweiz.

von
Pascal Michel

In Basel sitzen auch internationale Gäste auf den Terrassen.

20M

Darum gehts

  • Deutschland reibt sich die Augen ob der lockeren Pandemie-Politik der Schweiz.

  • Dass Deutschland seinen Bürgern einzig die Lockdown-Methode anbiete, stosse zunehmend auf Unverständnis, sagt Matthias Estermann.

  • Er präsidiert den Verein für Deutsche in der Schweiz.

  • Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte jüngst das Ziel der deutschen Strategie: «Menschenleben schützen».

Offene Terrassen, private Treffen mit bis zu zehn Leuten, schwitzen im Fitness: In der Schweiz hat der Bundesrat Mitte April die Corona-Massnahmen gelockert. Anders im Nachbarland Deutschland: In vielen Landkreisen gilt derzeit eine Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, es gibt eine Kontaktbeschränkung auf eine weitere Person, Läden dürfen nur Kunden mit Termin und negativem Test empfangen.

Die im Vergleich grosszügigen Freiheiten in der Schweiz veranlassten jüngst den stellvertretenden Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die Schweizer Strategie in den höchsten Tönen zu loben: Die Schweizer Corona-Politik sorge für «gute Laune auf Erden, Lebensfreude, Alltagsgenuss». In Zürich fand er «das grosse Glück der kleinen Freiheit» vor. Auch der «Spiegel» und die «Bild» berichteten.

«Die Deutschen sind neidisch auf die Schweiz», sagt Matthias Estermann, Präsident des Vereins für Deutsche in der Schweiz, zu 20 Minuten. Für viele sei nicht nachvollziehbar, warum Deutschland eine Notbremse mit Ausgangssperren für viele Gebiete erlassen habe, während die Schweiz bei im Moment ähnlich hohen Inzidenzen lockere.

Matthias Estermann präsidiert den Verein für Deutsche in der Schweiz.

Matthias Estermann präsidiert den Verein für Deutsche in der Schweiz.

ZVG

«Das Infektionsgeschehen in einem grossen Land wie Deutschland ist sehr unterschiedlich: Warum braucht es in Norddeutschland ebenso eine Ausgangssperre wie in einer Grossstadt wie Berlin?», fragt Estermann. Das deutsche Infektionsschutzgesetz sieht vor, dass die sogenannte Notbremse bei einer Inzidenz von 100 Fällen pro 100’000 Einwohnern innert drei Tagen greift. Fällt der Wert innert sieben Tagen wieder unter 100, wird sie aufgehoben. Zum Vergleich: Der Kanton Genf hatte in der Kalenderwoche 16 eine Inzidenz von 225, Uri gar eine von 594.

Den Unmut über den deutschen «undifferenzierten Lockdown» spürt Estermann auch am Stammtisch seines Vereins, der in Luzern nun erstmals wieder auf einer Terrasse stattfinden konnte. «Ein Kollege aus München, der in die Schweiz zur Arbeit pendelt, empfand die Lockerungen hier als grosse Erleichterung.» Laut Estermann würden sich viele Deutsche wünschen, dass auch Angela Merkel absehbare Perspektiven aufzeige. «Viele fragen sich: Ist Einsperren nach zwei Wellen wirklich die einzige Lösung, die die deutsche Politik zu bieten hat?», sagt Estermann.

«Schweiz zeigt, dass es anders geht»

Er teilt die Einschätzung des FAZ-Autors, Deutschland sei «das wohl gerade am schlechtesten gelaunte Land der Welt». «Die Schweiz zeigt, dass es auch anders geht und dass soziale Aspekte sowie Perspektiven auf eine Normalität auch einen Platz in der Diskussion über Massnahmen haben müssen.»

Dementsprechend gross ist die Sehnsucht der nördlichen Nachbarn nach den Schweizer Freiheiten: In den Grenzregionen kommt es zu Lockerungstourismus. 20 Minuten berichtete über Basler Terrassen, auf denen sich Gäste aus Deutschland oder Frankreich ein Bier genehmigten. Auch Matthias Estermann sagt: «Einige Deutsche kommen für ein Wochenende in die Schweiz, um mal aufatmen zu können. Ein Bekannter, der mit seinen Kindern für zwei Tage in die Schweiz kam, sagte mir: Auf einer Terrasse ohne Maske zu sitzen ist wie Ferien.»

Über Zahlen zu solchen touristischen Reisen verfügt die Eidgenössische Zollverwaltung nicht. Reisende aus Deutschland können ohne Angabe eines Grundes in die Schweiz einreisen (siehe Box).

Der Unterschied der deutschen Strategie

In Deutschland beurteilen die Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Lage indes als angespannt. In ihrem neuesten Lagebericht halten sie fest, dass «die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung aufgrund der anhaltend hohen Fallzahlen sehr hoch» sei. Zudem stiegen die Hospitalisierungen.

Am 29. April machte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn an der Bundespressekonferenz deutlich, was im Zentrum der deutschen Strategie steht: «Menschenleben schützen». Spahn erklärte, weshalb die Massnahmen weiter aufrechterhalten werden: «Es zeigt sich eine Stabilisierung auf hohem Niveau und gar ein rückläufiger Trend. Das reicht aber noch nicht, die Zahlen sind insgesamt zu hoch», so Spahn. Auch die Intensivstationen seien noch vielerorts zu voll. Hoffnung auf «sichere Lockerungen, wenn die Zahlen tief sind», gebe es mit der fortschreitenden Impfkampagne. Ab Juni soll in Deutschland diese für die breite Bevölkerung geöffnet werden.

Deutsche dürfen für Besuch auf der Terrasse einreisen

«Die Eidgenössische Zollverwaltung operiert mit risikobasierten Kontrollen und ist im Rahmen ihres Auftrags an den Grenzübergängen präsent», sagt eine Sprecherin zu 20 Minuten. «Stellen wir im Rahmen dieser Kontrollen Personen aus Staaten oder Gebieten mit erhöhtem Ansteckungsrisiko fest, kontrollieren wir, ob sie die erforderlichen Nachweise (negatives Testergebnis, erfasste Kontaktdaten) vorweisen können.» Derzeit stehen die Bundesländer Sachsen und Thüringen auf der Risikoliste. «Entscheidend für die bei der Einreise erforderlichen Nachweise ist also nicht der Grund für die Reise, sondern vielmehr die Art des Transportmittels und ob die Person aus einem Staat/Gebiet mit erhöhtem Ansteckungsrisiko einreise oder nicht», erklärt die Schweizer Zollbehörde.

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