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03.11.2020 10:44

Die Dos and Don’ts bei Kindersitzen im Auto

Im Auto ist jedes zweite Kind falsch gesichert. Ohne Kindersitz haben Kinder im Auto ein dreimal höheres Risiko, sich bei einem Unfall schwer oder tödlich zu verletzen. Dabei ist korrektes Fahren mit Kindern kinderleicht.

von
Isabelle Riederer / A&W Verlag
3.11.2020

Sicherheitsgurte in Autos sind für Erwachsene ausgelegt und schützen Kinder bei Unfällen nicht genügend. Deshalb gilt in der Schweiz die Vorschrift, Kinder unter 12 Jahren – oder wenn sie kleiner sind als 150 cm – mit geeigneten Kindersitzen zu sichern. Abhängig von Grösse, Gewicht und Alter eignen sich Babyschalen, Kindersitze oder Sitzerhöher.

Die korrekte Montage, das Lesen der Gebrauchsanleitung und die korrekte Benutzung eines Kindersitzes im Auto sind dabei ein Muss, wie TCS-Experte Jürg Reinhard im Showroom der Babymarken Joie und Nuna in Steinhausen erklärt: «Den grössten Fehler, den man bei Kindersitzen machen kann, ist die falsche Montage. Das passiert vor allem dann, wenn man im Stress ist oder weil man glaubt, auf der kurzen Strecke zum Kindergarten wird schon nichts passieren.» Ein Trugschluss: In der Schweiz starben in den 10 Jahren von 2007 bis 2017 insgesamt 39 Kinder im Auto (Quelle: Bundesamt für Strassen). Im Jahr 2017 verunfallten 1343 Kinder im Strassenverkehr, 336 davon sassen in einem Auto.

Je nach Alter, Grösse und Gewicht gibt es unterschiedliche Kindersitze, wie Babyschalen, Kindersitze und Sitzerhöher. Dabei gibt es zwei Normen: ECE R44 und ECE R129 (auch «i-Size» genannt). Die Norm R44 teilt die Kindersitze nach Körpergewicht ein. Die neue Norm R129 («i-Size») orientiert sich Körpergrösse der Kinder. Beide Normen haben ihre Gültigkeit. Der Experte rät: «Kindersitze in den verschiedensten Grössen und Formen sollten so lange wie möglich genutzt werden. Bei Kindersitzen sollte man erst auf den nächstgrösseren Sitz wechseln, wenn der Kopf des Kindes über den Sitz hinausragt.»

Die falsche Anwendung von Kindersitzen im Auto, sogenannter «Misuse», kann schwere – im schlimmsten Fall gar tödliche Folgen – für die Kleinen haben.

Die falsche Anwendung von Kindersitzen im Auto, sogenannter «Misuse», kann schwere – im schlimmsten Fall gar tödliche Folgen – für die Kleinen haben.

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Dicke Winterjacken haben im Kindersitz nichts verloren. Der Experte rät deshalb dringend: Daunenjacken und dicke Winterjacken ausziehen und das Kind anschliessend im den Kindersitz angurten.

Dicke Winterjacken haben im Kindersitz nichts verloren. Der Experte rät deshalb dringend: Daunenjacken und dicke Winterjacken ausziehen und das Kind anschliessend im den Kindersitz angurten.

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Beim Angurten der Kleinen gilt: Zwischen Gurt und Kind darf noch eine Handfläche Platz haben.

Beim Angurten der Kleinen gilt: Zwischen Gurt und Kind darf noch eine Handfläche Platz haben.

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Die Dos und Don’ts des TCS-Experten:

  • Winterjacken ausziehen

Der Gurt sollte nie über voluminöse Winterjacken angezogen werden, weil sonst zu viel Spielraum zwischen Gurt und Körper besteht. Bei einem Unfall kann der schmale Oberkörper des Kindes zwischen den Gurten durchrutschen und nach vorne geschleudert werden. Deshalb sind Winterjacken entweder auszuziehen oder so zu öffnen, dass der Gurt straff am Körper angelegt werden kann. Jürg Reinhard: «Ich empfehle die Winterjacke ganz auszuziehen, den Kleinen korrekt anzugurten und ihn mit einer Decke zuzudecken.»

  • So lange wie möglich rückwärtsgerichtet

Babys und Kinder sollten möglichst lange in einem rückwärtsgerichteten Kindersitz befördert werden. «Der Grund dafür liegt am grossen Kopfgewicht von Babys und Kleinkinder. Ein grosses Kopfgewicht ergibt ein hohes Verletzungsrisiko der Halswirbelsäule, zudem sind die Nackenmuskulatur und die Sehnen eines Babys noch zu schwach ausgeprägt», so der TCS-Experte. Bis zum Alter von 18 Monaten bieten rückwärtsgerichtete Kindersitze den Vorteil, dass bei einer Frontalkollision der Kopf, die Halswirbelsäule und der Rückenbereich besser abgestützt sind. Babyschalen für Kinder bis zu einem Gewicht von 13 kg zählen zu den rückwärtsgerichteten Kindersitzen und sind sehr beliebt. Bei «i-Size»-Kindersitzen muss das Kind bis 15 Monate rückwärts fahren. Für die meisten Babyschalen sind zusätzlich Basisstationen erhältlich, die vorgängig im Auto installiert werden können. Damit entfällt das mühselige und fehleranfällige Angurten der Babyschale, da die Schale mit nur einem Handgriff in die Basis geklickt werden kann. Wird die Babyschale ohne Basisstation verwendet, ist unbedingt auf die korrekte Gurtführung zu achten.

  • Gurte richtig anlegen

Jürg Reinhard: «Häufig sind die Gurte zu locker angelegt, weil Eltern Angst haben, ihre Kinder zu verletzen.» Dabei gibt es eine einfache Faustregel: Zwischen Gurt und Kind darf noch eine Handfläche Platz haben. Ist der Gurt zu locker oder stimmt die Gurtführung bei Sitzen nicht, die mit dem Fahrzeuggurt befestigt werden, kann es zu schlimmen Verletzungen kommen. Beim Aufprall sind diese nicht mehr an der vom Hersteller vorgesehenen Position und verrutschen womöglich in den Halsbereich. Auch hier kann es dann zu schmerzhaften Schnittverletzungen kommen.

  • Kindersitz richtig positionieren

«Der beste Platz für den Kindersitz ist auf der Rückbank. Am sichersten ist der Ein- und Ausstieg auf der strassenabgewandten Seite.» Wer den Kindersitz auf dem Beifahrersitz platziert, muss unbedingt den Airbag deaktivieren. Alles Angurten nützt aber nichts, wenn der Kindersitz nicht korrekt mit dem Fahrzeug verbunden ist. Deshalb unbedingt genau die Einbauanleitung des Herstellers befolgen. Bestimmte Automodelle verfügen über das Fixiersystem Isofix. Über spezielle Befestigungspunkte ist der Sitz mit der Karosserie verbunden. Dieses System bietet Komfort und Sicherheit. Obwohl das Isofix-System standardisiert ist, sind nicht alle Isofix-Kindersitze für alle Fahrzeugtypen mit Isofix-Verankerung zugelassen. Zu jedem Kindersitz gibt es eine Fahrzeug Typenliste, die erläutert, in welchen Fahrzeugen der entsprechende Sitz zugelassen ist. Da sich diese Typenliste häufig ändert, empfiehlt es sich, den aktuellen Stand auf der Website des Kindersitz-Herstellers abzurufen.

  • Kopfstütze einstellen

Das Einstellen der Kopfstützen im Auto ist nicht nur für Erwachsene wichtig, sondern auch für Kinder. Wichtig: Das Kind wächst und das Anpassen und richtige Positionieren der Kopfstütze wird oftmals vergessen. Oft ist diese dann viel zu tief platziert, sodass sie das Kind sogar ein Stück nach vorne drückt Auch das Gegenteil ist oft der Fall. Die Kopfstütze ist viel zu hoch und der Kopf des Kindes hat gar keinen Halt. Korrekt ist es, wenn sich der untere Teil der Kopfstütze leicht über den Schultern befindet und der obere Teil bündig mit dem Kopf des Kindes ist. Auch hier können sich Eltern jederzeit an den Hersteller oder Fachhandel wenden, um die korrekte Position der Kopfstütze bestätigen zu lassen. Falls die Kopfstütze des Fahrzeugs den Einbau des Kindersitzes und die Einstellung der Kopfstütze des Kindersitzes behindert, kann man diese auch herausziehen. Um lose Teile im Auto zu vermeiden, sollte die Kopfstütze nach Möglichkeit umgedreht wieder montiert werden.

  • Augen auf bei Occasionssitzen

Ein Kindersitz aus zweiter Hand mag ein gutes Schnäppchen sein, doch hier ist Vorsicht geboten. «Man sollte unbedingt auf die aktuellen Normen achten. Zugelassen sind nur Kindersitze mit den Normen ECE R44.03/04 und ECE R129», so Jürg Reinhard. Zudem unbedingt sicher gehen, dass Zubehör und Gurte in einem einwandfreien Zustand sind und keine Schadstellen aufweisen.

  • Vorsicht bei Rückhaltevorrichtungen

Von sogenannten Rückhaltevorrichtungen rät der TCS-Experte grundsätzlich ab: «Vor allem Finger weg von nicht zugelassenen Rückhaltevorrichtungen.» Auch bei sogenannten Gurtadapter ist Vorsicht geboten. Ein Gurtadapter (z. B. in Form einer dreieckigen Manschette) hält zwar den Schultergurt vom Hals des Kindes fern, gleichzeitig verändert er aber die Beckengurtführung über dem Bauchbereich. Dies kann zur Folge haben, dass der Beckengurt bei einem Unfall in den Bauch gedrückt wird und schwere innere Verletzungen verursacht.

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11 Kommentare
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nasa

04.11.2020, 07:55

Unser Sohn 6 Jährig hat eine Geistige Behinderung. Er Gurtet sich Regelmässig während der Autofahrt ab. Ich suche schon seit 2 Jahren nach einer Lösung. Mit einer Savelook-Vorrichtung (die in der CH nicht zugelassenen ist) funktioniert es auch nicht. Er zieht den Gurt einfach lang und schlüpft dann unter dem Gurt raus. Für Ideen wäre ich dankbar. Ich habe schon in diversen Autogaragen angefragt. Diese haben sich auch bei Firmen erkundigt die Auto‘s für Menschen mit Behinderung umbauen. Leider ohne Erfolg. Das Gesetz schreibt vor, dass sich jede Person im Notfall selber abgurten können muss. Da liegt wahrscheinlich das Problem.

Ich

03.11.2020, 13:04

Wie ist das den genau mit Kindern und Oldtimerautos?

Mara

03.11.2020, 12:49

Ich finde die Hersteller sollten sich auch einmal nach der heutigen Zeit richten und die Wachstumskurven der Kinder anschauen. Unser Sohn hat bereits mit 8 Monaten nicht mehr in die Babyschale gepasst. Den nächsten Kindersitz (Drehbar mit Isofix) mussten wir soeben ausrangieren obwohl der gemäss Hersteller bis 4 Jährig (!) gehen sollte. Unser Sohn ist jetzt 26 Monate und kommt mit dem Kopf über die Kopfstütze. Er war schon immer grösser und demzufolge auch schwerer als die seit Jahrzenten genormten Sitze. Wir kennen 3 Familien denen geht es ähnlich. Es wäre also toll wenn die Hersteller auch einmal bedenken würden dass die Menschen immer grösser werden (geschrumpft ist die Menschheit Körpergrösse technisch nämlich nicht). Dann könnte auch die Sicherheit in den Autos besser gewährleistet werden.