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Pfizer/Biontech-ImpfstoffDie drängendsten Fragen zum Impfstart in Grossbritannien

Eine Woche nachdem der Pfizer/Biontech-Impfstoff gegen Corona in Grossbritannien die Zulassung erhalten hat, hat das Land mit flächendeckenden Impfungen begonnen. 20 Minuten beantwortet die dringendsten Fragen.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Grossbritannien hat am 8. Dezember 2020 mit flächendeckenden Impfungen gegen Corona begonnen.

  • Vier Millionen Dosen sollen bis Ende des Jahres verabreicht werden.

  • Noch sind aber Fragen offen.

Am 8. Dezember 2020 um 7.31 Uhr war es so weit: Als erste Person, die nicht Teilnehmerin einer Impfstoffstudie ist, hat die 90-jährige Britin Margaret Keenan den in Grossbritannien bereits zugelassenen Impfstoff von Pfizer/Biontech erhalten (siehe Video oben).

Sie fühle sich «sehr privilegiert». Weiter bezeichnet Keenan, die in der kommenden Woche ihren 91. Geburtstag feiert, die Injektion als «das beste vorzeitige Geburtstagsgeschenk», das sie sich vorstellen könne – «weil es bedeutet, dass ich mich darauf freuen kann, 2021 endlich wieder Zeit mit Familie und Freunden verbringen zu können».

Wie schnell sind die Geimpften immun?

Wie auch die Impfstoffe von Moderna und AstraZeneca/Oxford University müssen auch vom Präparat von Pfizer/Biontech zwei Dosen (zu je 30 Milligramm) verabreicht werden. Der Abstand zwischen den Gaben müsse mindestens 40 Tage betragen, berichtet die Informationsplattform für Impffragen Infovac.ch. Eine Woche nach der zweiten Impfung soll die Schutzwirkung gemäss Biontech bestehen. Ob und wie gut der Impfstoff schon vorher schützt, ist bislang nicht bekannt. Es wird deshalb wichtig sein, dass sich besonders gefährdete Menschen auch nach der ersten Impfdosis schützen.

In britischen Krankenhäusern ist das Impfprogramm für die Bevölkerung angelaufen. Verabreicht wird das Vakzin BNT162b2 von Pfizer/Biontech.

In britischen Krankenhäusern ist das Impfprogramm für die Bevölkerung angelaufen. Verabreicht wird das Vakzin BNT162b2 von Pfizer/Biontech.

NurPhoto via Getty Images

Was verhindert der Impfstoff?

Nach Angaben der Hersteller verhindert er 95 Prozent der Covid-19-Erkrankungen. Das entspricht einer Wirksamkeit von 95 Prozent. Das hätten die Daten von über 43’000 Probanden gezeigt. Unklar ist allerdings noch, «ob nur die Krankheit verhindert wird oder ob auch die Infektion verringert wird», so Biontech-Gründer Ugur Sahin im Interview mit RTL. Ebenso offen ist, ob BNT162b2 verhindert, dass das Virus weitergegeben wird. «Dazu können wir in circa zwei bis sechs Monaten weitere Informationen geben.»

Wie lang hält der Impfschutz an?

Auch das lässt sich derzeit noch nicht konkret sagen. Insgesamt sollen sowohl die Schutzwirkung als auch eventuelle Nebenwirkungen über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet werden, erklärten die Hersteller. Mit schnellen Antworten ist jedoch nicht zu rechnen: «Es wird noch Monate, wenn nicht ein Jahr oder länger dauern, bis wir das wirklich abschliessend beurteilen können», erklärte Virologe Oliver Keppler von der Ludwig-Maximilians-Universität München gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Der Biontech-Chef selbst rechnet damit, dass eine einjährige Immunisierungswirkung erreicht werden kann, wie FR.de schreibt.

Wie funktioniert Biontechs BNT162b2?

BNT162b2 ist ein sogenannter mRNA-Impfstoff. Vakzine dieser Art sind bisher noch nie zum Einsatz gekommen. Sie enthalten eine genetische Bauanleitung für ein oder mehrere Proteine des Coronavirus, die nur von einigen wenigen Zellen im menschlichen Körper aufgenommen werden kann. Einmal injiziert, soll das Immunsystem dann für eine begrenzte Zeit selbst (ungefährliches) Virusprotein bilden, das dann wiederum wie bei einem konventionellen Impfstoff den Aufbau des Immunschutzes bewirkt. Auf diesem Prinzip basieren auch die Kandidaten von unter anderem Moderna und CureVac.

Auf welche Nebenwirkungen müssen sich die Geimpften einstellen?

Nach Abschluss der letzten Analysen teilte Biontech/Pfizer mit, dass der Impfstoff über alle Altersgruppen und demografische Unterschiede hinweg ähnlich gut vertragen würde und funktioniere. Ernste Nebenwirkungen – also lebensbedrohliche Folgen, die eine Spitalbehandlung notwendig machen oder zu dauerhaften Beeinträchtigungen führen – seien zudem keine aufgetreten. «Die einzigen unerwünschten Nebenwirkungen 3. Grades (schwerwiegend) nach der ersten oder zweiten Dosis waren Müdigkeit (bei 3,8 Prozent der Probanden) und Kopfschmerzen (bei 2 Prozent der Teilnehmer)», heisst es in einer Mitteilung.

Vorgekommen seien vor allem leichte bis moderate Begleiterscheinungen, wie sie auch bei bekannten Impfungen vorkommen: Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle, Gelenk- oder Muskelschmerzen und Fieber. Auch Schüttelfrost, Müdigkeit und Erschöpfung werden gelistet. Die Effekte waren aber alle von kurzer Dauer, so die Hersteller.

Die Aussagen basieren auf den Beobachtungen von mindestens zwei Monaten: So lange wurden die Impfstoff-Probanden begleitet. Aufgrund von Statistiken geht man davon aus, dass fast alle Nebenwirkungen von Impfungen in den ersten sechs Wochen auftreten. Wie es um Langzeitnebenwirkungen steht, lässt sich derzeit nicht sagen. Dafür ist der Impfstoff schlichtweg zu neu.

Welche Risiken birgt die mRNA-Methode?

Keine. Zwar findet die Methode tatsächlich erstmals in einem Impfstoff Anwendung. Allerdings stützt sie sich «auf 20 Jahre Grundlagenforschung», erklärt Lukas Jaggi, Sprecher des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic. Zudem werde schon lange an der Methode geforscht – zur Vorbeugung viraler oder bakterieller Infektionskrankheiten und für die Behandlung von Krebserkrankungen. Mit letzterem hat Biontech schon jahrelange Erfahrung. Die Angst, der Impfstoff könnte ins genetische System des Menschen eingreifen, ist laut Experten wie Carlos Guzmán vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig nicht gerechtfertigt.

Gegenüber dem ZDF bekräftigte Immunologie-Professors Carsten Watzl von der Technischen Universität Dortmund: Eine Genmanipulation durch den Impfstoff von Biontech und Pfizer ist «ganz sicherlich nicht der Fall».

Wieso werden die Briten vor uns geimpft?

In Grossbritannien haben die Behörden dem Pfizer/Biontech-Impfstoff am 2. Dezember die Notfallzulassung erteilt. In der Schweiz, wo das Zulassungsgesuch von Pfizer/Biontech am 19.10.2020 bei Swissmedic eingereicht wurde, ist man noch nicht so weit. Der Grund: «Grundsätzlich gelten für Impfstoffe die gleichen hohen Zulassungsanforderungen wie für alle anderen Arzneimittel», bestätigt Lukas Jaggi, Sprecher des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic. «Die Arzneimittelsicherheit und die Sicherheit der Empfängerinnen und Empfänger haben höchste Priorität.» So könne «ein Entscheid über eine Zulassung erst dann getroffen werden, wenn aus Phase-III-Studien genügend aussagekräftige Daten zur Beurteilung von Nutzen und Risiken verfügbar sind».

Der Biontech-Gründer hat sich noch nicht impfen lassen. Was ist davon zu halten?

Während der Schweizer Forscher Peter Burkhard sich nicht scheute, seinen Impfstoffkandidaten bereits im März 2020 an sich selbst zu testen, hat dies Biontech-Gründer Sahin noch nicht getan: «Noch nicht, wir haben ja noch keine Zulassung in Deutschland», wo das Unternehmen seinen Sitz hat. «Daher darf ich noch keinen Impfstoff nehmen. Sobald das aber möglich ist, würde ich das natürlich gerne machen.» Falls die deutschen Impfstoffempfehlungen es zulassen würden, würde man auch gerne die Biontech-Mitarbeiter impfen lassen, «weil sie systemrelevante Arbeit leisten».

Ist die Impfung der Anfang vom Ende der Pandemie?

Es ist zumindest ein erster grosser Schritt in die Richtung. Doch mit einem Ende der Pandemie rechnen Experten wie Martin Terhardt von der deutschen Ständigen Impfkommission nicht vor Ende 2021. Auch Sahin geht von einer Rückkehr zur Normalität frühestens im Winter 2021 aus. Dafür sei es «absolut essenziell», eine vor dem Herbst hohe Impfquote zu erreichen, wie er der BBC sagte.

Für diese braucht es neben der Bereitschaft der Menschen, sich immunisieren zu lassen, auch ausreichend Dosen Impfstoff, die nicht nur produziert, sondern auch verteilt und ausgeliefert werden müssen. Das alles kostet Zeit und birgt auch immer das Risiko von Rückschlägen. Erst kürzlich musste Biontech seine Auslieferungsziele halbieren – wegen Verzögerungen beim Ausbau der Lieferkette und wegen Qualitätsmängeln bei einem Bestandteil des Impfstoffs.

Weiter braucht das Impfen seine Zeit: «Wenn man etwa pro Tag 100’000 Menschen impfen würde, braucht man 150 Tage, um 15 Millionen Menschen zu impfen», so Thomas Mertens, Virologe und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission in Deutschland, gegenüber deutschen Medien.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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