Aktualisiert 07.10.2011 08:20

Fieser Führungsstil

Die dunkle Seite des Genies

Steve Jobs war die Sonne im Apple-Universum. Doch so hell er gegen aussen leuchtete, so dunkel war es in seinem Schatten. Anekdoten von der «Helden-Arschloch-Achterbahn».

von
amc

Nun ist er also tot, der «Pionier», «Visionär», «Messias» – «iGod». Steve Jobs hatte bereits zu Lebzeiten Kultstatus erreicht. Nun trauert die ganze Welt um das Genie von Cupertino und sein Stern strahlt noch heller am Firmament. Doch so genial der 56-Jährige gegen aussen wirkte, so diabolisch konnte er gegen innen sein. Geschichten über sein Herrschaftsprinzip gibt es zuhauf.

Zum Beispiel diese: Die Mitarbeiter in Cupertino mieden es angeblich, Lift zu fahren, wenn Jobs im Hause war. Wer es dennoch tat, musste um seinen Job fürchten. So soll Steve Jobs einmal einen Mann im Lift gefragt haben, woran er gerade arbeite. Der überforderte Mitarbeiter scheiterte bei Versuch, dem obersten Boss während der kurzen Liftfahrt seine Arbeit schmackhaft zu machen. Die Reaktion des Chefs fiel hart aus: Steve Jobs kündigte dem Mann noch im Lift.

Es gab nur «grossartig» oder «Scheisse»

Wer es in die Umlaufbahn von Jobs schaffte, berichtet von einem kreativen, cholerischen und extrem fordernden Fanatiker. In seinem Weltbild gab es nur «wahnsinnig grossartige» Ideen oder «Scheisse». Mitarbeiter konnten heute Genies sein und morgen Vollidioten. Eine ewige Fahrt auf der «Helden-Arschloch-Achterbahn», wie die Angestellten Jobs' Herrschaftsprinzip nennen.

Schmückte er seine Vorträge früher gerne noch mit Piratenflaggen, um die Unabhängigkeit vom Business-Establishment zu zeigen, ging er zuletzt rigoros gegen Blogger vor, die negativ über Apple schrieben.

Steve Jobs war ein Getriebener. So kursiert die Geschichte, dass er an einem frühen Sonntagmorgen einen Google-Manager anrief und ihm erklärte, dass das zweite O von Google auf der iPhone-App nicht korrekt dargestellt werde. Das könne Google doch nicht wirklich so wollen, soll er gesagt und darum gebeten haben, dass Google am Montag einen Programmierer vorbeischicke. Man werde ihm bei Apple helfen.

Messen mit zweierlei Ellen

Sein Perfektionismus ging so weit, dass er in Restaurants regelmässig das Essen zurückschickte – weil es nicht so aussah, wie er es sich aufgrund der Beschreibung des Kellners und auf der Karte vorgestellt hatte.

Jobs mass gerne mit zweierlei Ellen. In einem offenen Brief an Adobe erklärte er, dass er keine Flash-Software auf Apple-Computern wolle, weil das Programm «ein geschlossenes System» sei und ausschliesslich von Adobe kontrolliert werde. Wer je ein Apple-Produkt gekauft hat, kann ob dieser Begründungen nur schmunzeln.

Legendär ist auch der Narzissmus der Nummer 0 im Apple-Betrieb. Diese Nummer liess sich Steve Jobs unter Tränen geben, weil er auf keinen Fall die Nummer 2 sein wollte. Die 1 hatte sich Steve Wozniak, Mitgründer und technisches Genie des Konzerns, geschnappt. Einen Verlag, der eine unautorisierte Biografie über Jobs herausbrachte, schmiss er kurzerhand aus dem Apple-Store.

Gerne werden auch Anekdoten herumgereicht über Jobs' Umgang mit neuen Ideen: Wenn jemand mit neuen Vorschlägen zum Chef komme, verreisse er die erstmal und tue sie als Blödsinn ab, um sie einige Wochen später als seine Ideen zu präsentieren.

Selbst Geiz konnte seinem Image nicht schaden

Obwohl er wahnsinnig reich war, hat Jobs sein Geld – zumindest offiziell – nie für wohltätige Zwecke eingesetzt. Es war sogar ein Gerichtsurteil nötig, damit Jobs für seine Tochter und deren Mutter - die Journalistin Chrisann Brennan - aufkam, die zu Sozialfällen geworden waren. Auch die Geschichten über Lohndumping in den Apple-Shops in den USA und die moderne Sklaverei, welche der Betrieb in den Foxconn-Fabriken in China betreibt, dürfen in einem Bericht über die Schwächen des Genies aus Cupertino nicht vergessen werden.

Die Fabrik, in der iPads und iPhones in China hergestellt werden, beschreiben NGOs als Baustelle: Die Fabrikangestellten gelangen durch ein Loch in der Wand zum Arbeitsplatz, wo sie unter schlimmen Verhältnissen zwölf Stunden am Fliessband stehen. Es gibt ein Redeverbot, kurze oder gar keine Esspausen und es herrscht militärischer Drill. Um die riesige Nachfrage zu befriedigen, lockt die Firma Studenten mit Praktika in den Betrieb. Apple versprach Besserung, passiert ist aber bisher nichts, berichtet aktuell die «Zeit».

«Vergeudet eure Zeit nicht damit, das Leben eines anderen zu leben!

In den USA arbeiten Apple-Shop-Angestellte für ein Butterbrot. Sie erhalten 8 bis 14 Franken pro Stunde, müssen aber einen strengen Code of Conduct befolgen. Jede Zuwiderhandlung wird geahndet. Wer inoffiziell über Produkte oder Gerüchte spricht, fliegt raus. Wer sich erdreistet, irgendwelche Informationen über neue Geräte zu verraten, wandert auch mal ins Gefängnis, wie das Beispiel von zwei Chinesen zeigte. Sie hatten die Masse des iPad 2 verraten.

Steve Jobs ist menschlich nie die Ikone gewesen, die er für seine Marke Apple darstellte. Gestört hat ihn das nie. In einer Rede vor Stundenten in Stanford sagte Jobs einmal: «Eure Zeit ist begrenzt. Vergeudet sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lasst euch nicht von Dogmen einengen – dem Resultat des Denkens anderer.»

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