Luzerner Helferin: «Die Ebola-Kranken denken nicht ans Sterben»

Aktualisiert

Luzerner Helferin«Die Ebola-Kranken denken nicht ans Sterben»

Sabine Hediger pflegte in Sierra Leone hochansteckende Ebola-Patienten. Der Kontakt mit den Kranken und lokalen Helfern hat sie bewegt und beeindruckt.

von
Romana Kayser

Er ist einer der ersten Patienten, die ins neue Feldspital eingeliefert werden. Einen Tag später ist er tot. Der 26-Jährige ist an Ebola gestorben. Ausser Alter und Namen wissen die Pflegenden nichts über ihn. Nicht einmal seine Angehörigen können sie über seinen Tod informieren. Still und einsam wird der Mann neben dem Feldspital beerdigt.

Ein anderer Ebola-Patient liegt im Sterben. Verwirrt wirft er Sachen um sich. Dann sinkt er erschöpft aufs Bett. Sabine Hediger kann ihm nicht mehr helfen, das weiss sie. Gerne würde sie noch etwas bei ihm bleiben und ihm die Hand halten. Doch im Schutzanzug geht das nicht. Der Mann stirbt noch in der Nacht.

Anonyme Pflege

«Die vielen verschiedenen Schicksale haben mich sehr beschäftigt», sagt Hediger. Die 45-Jährige Pflegefachfrau aus Luzern war im September während drei Wochen in Sierra Leone für das Schweizerische Rote Kreuz im Einsatz.

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Ein Sicherheitszaun trennt Kranke vom Pflegepersonal. In die High-Risk-Zone darf man nur mit Schutzanzug. Er ist für die Betreuer lebenswichtig. Eine Haut-zu-Haut-Berührung mit einem Kranken kann tödlich sein.

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Wegen den Schutzanzügen ist die Beziehung zwischen Patient und Pflegenden anonym und eingeschränkt. «Es bedrückte mich, dass ich die Kranken im Schutzanzug nicht so intensiv und persönlich betreuen konnte, wie ich das sonst tue.» Auch für die Kranken sei es nicht einfach, von vermummten Gestalten behandelt zu werden. «Wir haben unsere Namen auf die Anzüge geschrieben, damit die Patienten wenigstens wussten, wer wir waren.»

Ebola in New York

Hoffnungsvolle Kranke

Medikamente gegen Ebola gibt es nicht. Alles, was die Helfer tun können, ist Schmerzen lindern, Essen und Trinken verteilen und die Patienten waschen. «Wir versuchten, den Kranken alle erdenklichen Wünsche zu erfüllen», sagt Hediger. So organisieren die Helfer auch Telefonate mit Angehörigen, neue Kleider oder eine kühle Cola.

Trotz all des Elends gab es aber auch lichte Momente. «Mich hat beeindruckt, wie gefasst die meisten Kranken waren.» Die Menschen waren zwar völlig am Ende, aber der Gedanke an den Tod schien nicht im Vordergrund zu stehen. Von Panik keine Spur. «Fast alle hatten Hoffnung, die Krankheit überleben zu können», sagt die Luzerner Krankenpflegerin. Manchmal gelang das auch. Wie etwa bei der 11-jährigen Kadiatu. Sie hat den Kampf gegen das Ebola-Virus gewonnen. Heute ist sie wieder zu Hause.

Beeindruckt war Hediger auch vom Mut und Einsatz der lokalen Helfer. «Die Einheimischen haben sich freiwillig beim Feldspital gemeldet, um im Kampf gegen Ebola zu helfen.» Einige von ihnen dürfen heute deshalb nicht mehr nach Hause, sagt die Luzernerin. «Ihre Familien fürchten sich zu sehr vor einer Ansteckung.»

Angst vor sozialer Ächtung

Angst vor einer Ansteckung hatte Hediger nie. Dennoch hatten sie vor ihrer Abreise nach Sierra Leone grosse Zweifel geplagt. «Als Mutter von vier Kindern fürchtete ich mich davor, was das für meine Familie bedeuten könnte.» Drei ihrer Kinder sind noch im Schulalter. Was, wenn sie nach der Rückkehr plötzlich doch Fieber hätte? Würden die Medien sich dann auf sie stürzen? Würde die Familie gemieden, die Kinder in der Schule geächtet?

Ihr Mann und ihre Kinder hatten sie aber von Anfang an unterstützt. «Sonst hätte ich nicht gehen können.» Im engeren Umfeld stiess ihr Vorhaben jedoch zum Teil auf Unverständnis. Es sei fahrlässig und verantwortungslos, sich als vierfache Mutter auf eine solch gefährliche Mission zu begeben. Hediger liess sich nicht beirren. Sie wusste: Die Kranken in Sierra Leone brauchten ihre Hilfe.

Verängstigtes Umfeld

Bei der Rückkehr in die Schweiz wurde Hediger bewusst, wie verunsichert die Menschen hierzulande wegen Ebola sind. Eine Bekannte habe ihr sogar vorgeworfen, dass sie nun eine Gefahr für ganz Europa sei. Das sei ihr sehr eingefahren, meint die Luzernerin. Auch die Nachbarn hätten ihr anfangs nur noch von Weitem zugewinkt. «Die waren schon froh, dass ich sie nicht zum Kaffee eingeladen habe», sagt sie schmunzelnd.

Die gelernte Pflegefachfrau und Hebamme Sabine Hediger (45) war während knapp vier Wochen in Sierra Leone im Einsatz. Dort half sie beim Aufbau eines Rotkreuz-Feldspitals, schulte lokales Pflegepersonal und pflegte Ebola-Kranke bis in den Tod. Die Luzernerin ist seit 2010 Mitglied des Nothilfe-Pools des Schweizerischen Roten Kreuzes und bekämpfte bereits Cholera-Epidemien in Haiti und im Tschad.

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