Mauern ohne Ende: Die einzig mögliche Taktik perfektioniert
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Mauern ohne EndeDie einzig mögliche Taktik perfektioniert

Jetzt wird heftig diskutiert: War der Auftritt der «Blues» Verrat am Fussball? Nein. Die Engländer haben dem Erfolg einfach alles untergeordnet. Die Pro-Meinung von Philipp Reich.

Der CL-Halbfinal zwischen Barcelona und Chelsea spaltet die Fussballgeister. Reto Fehr verurteilt die Mauertaktik als Verrat am Fussball, Philipp Reich findet das Vorgehen der «Blues» hingegen legitim:

Es wird gegrätscht, gefightet, um jeden Zentimeter Boden gekämpft: Sogar Stürmer-Star Didier Drogba leistet am eigenen Strafraum wertvolle Abwehrarbeit. Würden Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi dies tun, wenn's darauf ankommt? Fraglich. Ausgerechnet der divenhafte Ivorer, der sonst oft die Hände verwirft und Mitspieler zusammenstaucht, wenn es ihm und der Mannschaft nicht läuft. Doch diesmal zeigte sich Drogba von seiner kämpferischen Seite.

Es war eine epische Schlacht und es war beeindruckend, mit welcher Leidenschaft sich die zunächst 11, dann 10 «Blues»-Kämpfer gegen die angriffswütigen Katalanen zur Wehr setzten. Dass die Spielkultur darunter arg gelitten hat, spielt keine Rolle. Das gibt's auch in anderen Sportarten: Schliesslich gewinnt Roger Federer auch nicht jedes Mal gegen Rafael Nadal. Am Ende zählen nur die erzielten Tore.

Barça ist selber schuld

Und in dieser einzigen wahren Statistik war Chelsea eben besser. Dank einem Endskore von 3:2 haben die Engländer die grosse Überraschung gegen Barcelona geschafft und sind in den Champions-League-Final eingezogen. Barça ist selber schuld, dass es ausgeschieden ist. Die Katalanen hatten es in den eigenen Händen. Schon im Hinspiel in London hätten sie die Weichen stellen müssen, doch Messi und Co. nützten keine ihrer unzähligen Torchancen.

John Terrys Aussetzer gegen Barcelona

Im Camp Nou sah es nach dem 1:0 durch Busquets, der Roten Karte gegen Terry und dem 2:0 durch Iniesta bereits nach einer klaren Angelegenheit aus. Doch Chelsea schaffte mit einem blitzsauberen Konter den wichtigen und sehenswerten Auswärtstreffer. Bei Barça wurde die Abhängigkeit von Lionel Messi immer augenscheinlicher, je länger die Partie dauerte. Immer wieder wurde er gesucht, doch der «Zauberfloh» erwischte - schon wieder - nicht seinen besten Tag. Der Titelverteidiger brachte es unter der Führung des Argentiniers nicht fertig, gegen zehn Engländer einen weiteren Treffer zu erzielen. Messis verschossenener Penalty kurz nach der Pause war der Anfang vom Ende für Barça. Die Chelsea-Mauer hielt stand und als ausgerechnet der so oft kritisierte Spanier Torres das 2:2 machte, gab es kein Halten mehr.

Hier schiesst Torres Barça ab

Mit zwei Abwehrriegeln zum Erfolg

Barça im Pech? Mitnichten. Vielmehr wurde Chelsea für die harte Arbeit belohnt. Trainer Roberto Di Matteo wählte gegen den temporeichen Tiki-Taka-Fussball die einzig richtige Taktik. Mit zwei Abwehrriegeln - einem auf Strafraumhöhe, einem fünf Meter weiter vorne - verhinderte der schweizerisch-italienische Trainerfuchs, dass sich Barça durch die Mitte kombinieren konnte. Messi, Iniesta und Xavi rieben sich an den robusten Chelsea-Verteidigern auf. Dass das Spiel über die Aussenbahnen nicht zu den Stärken der Katalanen gehört, ist längst kein Geheimnis mehr.

Schön anzusehen war Chelseas Abwehrschlacht wahrlich nicht, aber sie brachte den gewünschten Erfolg. Schon viele Mannschaften versuchten mit dieser von José Mourinho ins Leben gerufenen Taktik - im Champions-League-Halbfinal 2010 - Barça zu schlagen. Selten ist es gelungen. Real Madrid ist wie Milan oder Manchester United schon mehrfach gescheitert, weil es sich mit Barça auf Augenhöhe wähnte und dann komplett überfahren wurde. Chelsea tat das nicht und konzentrierte sich aufs Wesentliche. Aufs Mauern und Kämpfen.

Chelsea hat die richtige Mischung

Den Engländern kam zu Gute, dass sie genau über die richtige Spielermischung verfügen, um gegen Barça so bestehen zu können. Physisch robust und trotzdem technisch versiert, hielten die «Blues» mit grosser Laufbereitschaft dagegen und nutzten ihre wenigen Chancen eiskalt aus. Für das gescheiterte Barcelona gibts aber immerhin einen kleinen Trost: Nur wenige Mannschaften können wie Chelsea spielen und nicht jedes Mal geht die Mauertaktik so auf wie in diesem unglaublichen Champions-League-Halbfinal.

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