Aktualisiert 28.07.2016 12:16

Embryonen-Verwechslung«Die Eltern zu finden, ist kaum mehr möglich»

Der Mutter von Kristina V. wurde ein falscher Embryo eingesetzt. Arzt Peter Fehr erklärt, warum es für sie schwierig wird, ihre leiblichen Eltern zu finden.

von
P. Michel
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Die Schweizer Studentin Kristina V. wurde im Reagenzglas gezeugt. Ihrer Mutter wurde dann jedoch in einer Bregenzer Klinik der befruchtete Embryo eines anderen Paares eingesetzt. Mit den Eltern, die sie aufgezogen haben, hat sie also nichts gemein.

Die Schweizer Studentin Kristina V. wurde im Reagenzglas gezeugt. Ihrer Mutter wurde dann jedoch in einer Bregenzer Klinik der befruchtete Embryo eines anderen Paares eingesetzt. Mit den Eltern, die sie aufgezogen haben, hat sie also nichts gemein.

Keystone/Gaetan Bally
«Wenn die Terminpläne der damaligen Behandlungen nicht mehr auffindbar sind, ist es wohl unmöglich, die leiblichen Eltern zu finden», sagt Reproduktionsmediziner Peter Fehr.

«Wenn die Terminpläne der damaligen Behandlungen nicht mehr auffindbar sind, ist es wohl unmöglich, die leiblichen Eltern zu finden», sagt Reproduktionsmediziner Peter Fehr.

zVg
Die letzte Möglichkeit ist laut Fehr, dass die Betroffene selbst einen Aufruf startet und jene Frauen und Männer ausfindig macht, die an jenem Tag in der Klinik behandelt wurden. «Dann könnte mit diesen Personen ein Genabgleich gemacht werden.»

Die letzte Möglichkeit ist laut Fehr, dass die Betroffene selbst einen Aufruf startet und jene Frauen und Männer ausfindig macht, die an jenem Tag in der Klinik behandelt wurden. «Dann könnte mit diesen Personen ein Genabgleich gemacht werden.»

Keystone/Gaetan Bally

Die 25-jährige Schweizer Studentin Kristina V. weiss nicht, wer ihre leiblichen Eltern sind. In einer Bregenzer Klinik wurde ihrer Mutter 1990 die falsche befruchtete Eizelle eingepflanzt: Weder mit ihrer Mutter noch mit ihrem Vater ist Kristina V. also verwandt. Reproduktionsmediziner Peter Fehr erklärt, wie das trotz Vorsichtsmassnahmen möglich ist.

Herr Fehr*, wie oft passiert es, dass bei einer künstlichen Befruchtung die Eizelle verwechselt wird?

In der Schweiz ist mir kein solcher Fall bekannt. Aber ich muss natürlich ehrlich sagen, dass eine solche Verwechslung in keiner Klinik ausgeschlossen werden kann. Auch mit den grössten Vorsichtsmassnahmen ist man vor menschlichem Versagen nie ganz gefeit. Man kann aber davon ausgehen, dass in der Schweiz alle Labors sehr sorgfältig arbeiten und alle Massnahmen ergreifen, um solche Fehler auszuschliessen.

Wie können solche Verwechslungen passieren?

Das grösste Risiko besteht vor der Befruchtung. Die Samen des Mannes müssen mit den Eizellen der Frau zusammengeführt werden. Dieser Prozess geschieht im Labor, ohne die betreffenden Menschen vor sich zu haben. Höchste Konzentration der Embryologen und eine gute Arbeitsorganisation sind zwingend.

Was kann in der Praxis getan werden, um solche Fälle zu verhindern?

Es gibt heute schon elektronische Überwachungsmethoden, die Verwechslungen verhindern sollen. Dabei trägt etwa die Frau, der Eizellen entnommen werden, ein Armband. Dieses schlägt sofort Alarm, wenn die befruchtete Eizelle, die ihr wieder eingesetzt wird, nicht mit ihrer Identifikation übereinstimmt. Solche Technologien sind jedoch noch mit sehr grossen Investitionen verbunden und in der Schweiz gibt es meines Wissens noch keine Klinik, die über ein solches System verfügt.

Wie sehen die Massnahmen ohne ein solches System aus?

Einerseits gilt das Vier-Augen-Prinzip. Alle Laborvorgänge werden von einer zweiten Person mitbeobachtet und bestätigt. So würde eine allfällige Verwechslung entdeckt. Zudem ist bei uns auf jeder Petrischale mit der befruchteten Eizelle der Name des Paars eingraviert. Natürlich ist dies bei komplizierten ausländischen oder Doppelnamen teilweise ein Problem – aber so können wir in jedem Arbeitsschritt garantieren, dass Verwechslungen möglichst ausgeschlossen werden.

Ist es im Falle einer Verwechslung der befruchteten Eizelle noch möglich, die leiblichen Eltern ausfindig zu machen?

Sobald die Eizelle befruchtet wurde, gibt es kein Zurück. Dann geht man in der Klinik davon aus, dass es sich um das Genmaterial des Paares handelt, dessen Namen auf der Petrischale steht.

Gibt es in der Schweiz ein Recht darauf, die leiblichen Eltern zu eruieren?

In der Schweiz müssen alle Daten bei künstlicher Befruchtung, wie bei medizinischen Behandlungen üblich, zehn Jahre lang aufbewahrt werden. Die leiblichen Eltern können so wohl relativ einfach aufgespürt werden. Wird der Fall jedoch erst viel später bekannt und sind die Daten nicht mehr vorhanden, ist das natürlich bitter und fast unmöglich, noch Klarheit zu erhalten. Darum bräuchte es wohl eine Aufbewahrungspflicht von 25 Jahren.

Für Kristina V. ist es also kaum mehr möglich, ihre leiblichen Eltern zu treffen?

Wenn die Terminpläne des damaligen Behandlungstages nicht mehr auffindbar sind, ist es wohl unmöglich. Die letzte Möglichkeit wäre, dass die Betroffene selbst einen Aufruf startet und jene Frauen und Männer ausfindig macht, die an jenem Tag in der Klinik behandelt wurden. Dann könnte mit diesen Personen ein Genabgleich gemacht werden.

Der Markt in der Reproduktionsmedizin ist umkämpft. Würde eine solche Verwechslung in der Schweiz bekannt, könnte das den Ruin bedeuten.

Die Reproduktionsmedizin hat in den letzten Jahren einen grossen Boom erlebt, und die verschiedenen Behandlungszentren stehen in einem harten Wettbewerb. Es ist klar: Der Druck, fehlerlos zu arbeiten, ist gross, und darum ist es nicht auszuschliessen, dass eine solche Verwechslung zurückgehalten würde. Wir können aber davon ausgehen, dass in der Schweiz alle Reproduktionsmediziner sich ihrer grossen Verantwortung bewusst sind und seriös arbeiten.

Was raten Sie Personen, die an eine Verwechslung bei einer Behandlung glauben?

Möglichst schnell reagieren, weil die Frist läuft. In der Schweiz gibt es bei Zweifeln an der korrekten Durchführung einer medizinischen Behandlung externe Gutachter. Das sind Ärzte, die sich den Fall genau anschauen und einen Bericht erstellen. Dieser gilt dann vor Gericht als Grundlage für eine Schadenersatzklage.

*Peter Fehr ist Reproduktionsmediziner und Ärztlicher Leiter der Klinik OVA-IVF in Zürich.

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