Booster-Impfung - «Die Empfehlung muss jetzt kommen»
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Booster-Impfung«Die Empfehlung muss jetzt kommen»

Während in anderen Ländern schon dritte Dosen verimpft werden oder zumindest Empfehlungen formuliert wurden, wird in der Schweiz noch darüber nachgedacht. Dabei drängt die Zeit.

von
Fee Anabelle Riebeling
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In der Schweiz bekommen derzeit nur immunsupprimierte Personen, die bislang keine Antikörper gebildet haben, eine dritte Impfung.

In der Schweiz bekommen derzeit nur immunsupprimierte Personen, die bislang keine Antikörper gebildet haben, eine dritte Impfung.

20min/Marco Zangger
Laut Forschenden der Berliner Charité wäre die aber auch für Ältere und Risikopatienten und -patientinnen sinnvoll, da ihre Immunantwort schneller und stärker nachlässt als von Jüngeren. Das zeige ihre aktuelle Vorabstudie.

Laut Forschenden der Berliner Charité wäre die aber auch für Ältere und Risikopatienten und -patientinnen sinnvoll, da ihre Immunantwort schneller und stärker nachlässt als von Jüngeren. Das zeige ihre aktuelle Vorabstudie.

Bernd von Jutrczenka/dpa
Beobachtungen aus Israel deuten in die gleiche Richtung. Dort impft man bereits nach.

Beobachtungen aus Israel deuten in die gleiche Richtung. Dort impft man bereits nach.

REUTERS

Darum gehts

  • Kaum etwas wird derzeit heisser diskutiert als die Booster-Impfung gegen Covid-19.

  • Doch ob und wann sie kommt, ist genauso offen wie die Antwort auf die Frage, für wen sie gedacht ist.

  • Immerhin: Der dafür infrage kommende Impfstoff steht bereits fest.

Noch ist offen, ob es in der Schweiz überhaupt zur baldigen dritten Impfung kommt. Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit BAG zeigte sich dem «Booster» gegenüber nicht abgeneigt, wenn es ihn denn braucht. Offen ist nach wie vor auch, wer die dritte Dosis erhalten soll. «Zum heutigen Zeitpunkt ist aus den verfügbaren wissenschaftlichen Daten nicht klar, wann für wen eine Auffrischimpfung nötig wäre», sagt BAG-Sprecherin Masha Renfer-Foursova zu 20 Minuten. Die dritte Impfung werde hierzulande bislang nur schwer immunsupprimierten Personen verabreicht, «im Sinne einer ‹Grundimmunisierung›.»

Müssen wirklich nur die Immunsupprimierten erneut geimpft werden?

Laut einer Vorabstudie scheint die Auffrischungsimpfung nach sechs Monaten für deutlich mehr Menschen sinnvoll zu sein. Darauf verweist Leif Erik Sander, Impfstoffforscher an der Berliner Charité und Leiter der für die Studie verantwortlichen Forschungsgruppe, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: Diese zeige, dass die Immunantwort auf die Impfung von älteren Menschen und Risikopatienten und -patientinnen deutlich stärker nachlässt als bei jüngeren (siehe Box). Beobachtungen aus Israel deuten in die gleiche Richtung. Neben ihnen könnte eine baldige dritte Dosis allenfalls noch für Personen aus dem engen Umfeld Sinn machen, so Sander.

Erkenntnisse aus der Studie

Die Studie der Berliner zeigt: Bei vier von zehn Menschen in einer Gruppe, deren Durchschnittsalter bei 82 Jahren lag, waren nach einem halben Jahr keine neutralisierenden Antikörper mehr gegen die Delta-Variante feststellbar. Anders sah das bei einer Personengruppe mit Altersdurchschnitt von 35 Jahren aus: Diese hatten immer noch zu über 97 Prozent neutralisierende Antikörper gegen die aktuell dominierende Mutante. Beide Gruppen waren im gleichen Zeitraum mit Biontech/Pfizers Comirnaty geimpft worden. Auch hinsichtlich der T-Zell-Antwort wurde ein deutlicher Unterschied festgestellt. Entsprechend sei es ratsam, ältere Menschen noch einmal zu boostern, so Sander zur DPA.

Hat das BAG den richtigen Zeitpunkt verschlafen?

Nein, aber sei es höchste Zeit für eine Entscheidung und deren Veröffentlichung, so der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni: «Die ersten Personen in der Schweiz sind letzten Dezember geimpft worden, ihr Antikörper-Schutz wird sicher schon abgenommen haben.» Entsprechend bräuchten sie relativ bald einen Booster. Ein zu zögerliches Vorgehen möchte er dem BAG nicht vorwerfen. Das Thema sei komplex: «Obwohl die Abnahme der Antikörper von Person zu Person unterschiedlich ist, muss das BAG in kurzer Zeit generelle Empfehlungen formulieren.» Das sei eine heikle Angelegenheit. Zudem sei noch nicht abschliessend geklärt, welcher Grenzwert bei den Antikörpern relevant ist. «Aber es ist klar, dass die Empfehlung jetzt kommen muss, in den nächsten Tagen oder Wochen.» Garzoni selbst erwartet, dass die dritte Dosis auch Älteren und Risikopatienten und -patientinnen empfohlen wird.

Brauchen Jüngere und Nicht-Risikopatienten und -patientinnen keinen Booster?

Vorerst nicht. Da sind sich die Fachleute, wie der deutsche Virologe Christian Drosten oder Christian Münz, Leiter der Immunologie-Expertengruppe der Schweizer Covid-19-Taskforce, sicher. Ihnen böte die Impfung vorerst weiterhin einen sehr guten Schutz vor einer schweren Erkrankung. Sollte es doch zur Infektion kommen, hätten sie meist milde Symptome und seien danach für die nächsten sechs bis zwölf Monate geschützt, so Münz im Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Dass sich der Immunschutz durch eine Infektion verlängern könnte, darauf deutet eine Studie aus Belgien hin. Demnach weisen diejenigen, die sich schon einmal mit Sars-CoV-2 infiziert haben, nach der Impfung deutlich mehr Antikörper auf, als Personen, die erst durch die Impfung die Immunabwehr aufbauen mussten. Insgesamt stellten die Autoren der Studie aber fest, dass bei allen Teilnehmenden eine robuste Immunantwort vorhanden war. Ob das auch bei umgekehrter Reihenfolge so ist, ist offen. «Es ist durchaus möglich, dass das mit den natürlichen Boostern funktioniert», zitiert Blick.ch Christoph Berger, Präsident der Schweizer Impfkommission Ekif. Doch was in der Theorie gut klinge, «muss erst noch mit entsprechenden Daten bewiesen werden.»

Droht bei milden Durchbruchsinfektionen kein Long Covid?

Eindeutig geklärt ist das noch nicht. Die Datenlage ist noch zu dünn. Erste Studien aus Israel und Spanien deuten aber darauf hin, dass Long Covid bei einer Durchbruchsinfektion deutlich unwahrscheinlicher ist als bei infizierten Ungeimpften, aber vorkommen kann. Eine Rolle spielt dabei offenbar die Schwere der Erkrankung. Ob die Long-Covid-Symptome wie nach einer natürlichen Erkrankung Monate später noch anhalten, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Welche Impfstoffe kommen als «Booster» in Frage?

Grundsätzlich alle in der Schweiz zugelassenen COVID-19-Impfstoffe: die mRNA-Vakzine von Moderna und von Biontech/Pfizer, aber auch der Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson. Von Letzterem hat das BAG bislang jedoch keine Dosen bestellt, aber angekündigt, solche über die Covax-Initiative zu beziehen, sobald er dort verfügbar ist, zitiert Tagesanzeiger.ch BAG-Sprecherin Foursova. Aber auch so sei für die Booster-Impfung vorgesorgt: «Die Schweiz hat genügend Impfstoff-Dosen bei Biontech/Pfizer und Moderna bestellt, um allfällige Auffrischimpfungen zu ermöglichen.»

Moderna und Biontech/Pfizer arbeiten an verbesserten Neuauflagen ihrer Impfstoffe – wieso sind die kein Thema?

Laut BAG sind die in der Schweiz verfügbaren Covid-19-Impfstoffen «gemäss aktuellen Studien und Daten» die wirksamsten. Und noch etwas dürfte eine Rolle spielen: «Die Zulassung der bekannten Impfstoffe für eine dritte Dosis kann schneller erfolgen als die von einer dritten Dosis mit einem angepassten Impfstoff», erklärt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi. «Wir sprechen da von Wochen.» Die Neuauflagen seien dagegen wie ein neues Präparat zu behandeln. Trotz rollierendem Verfahren könnte das noch einmal Monate dauern. Damit reicht es möglicherweise nicht mehr für etwaige Auffrischungsimpfungen im Herbst. Denn keines der Unternehmen hat bislang ein Gesuch eingereicht.

Wie steht es um Mix-and-Match-Impfungen, die es in anderen Ländern gibt?

«Eine Kombination von Impfstoffen wird nicht empfohlen, solange keine Daten vorliegen, welche die Sicherheit und die Wirksamkeit eines solchen Schemas bestätigen», so Ekif-Präsident Berger beim Point de Presse am 24. August. Lediglich Personen, die sich im Ausland einmal mit dem Impfstoff von AstraZeneca haben impfen lassen, wird geraten, für die zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff zu nehmen. «Nach aktuellen Studien ist die Immunantwort bei diesem Vorgehen besser als nach zwei Dosen AstraZeneca-Impfstoff.» Die Wirksamkeit dieses Impfschemas sei aber noch unklar.

Der Protein-Impfstoff von Novavax wird als «idealer Booster» diskutiert. Warum? Und wann gibt es ihn bei uns?

Laut dem Unternehmen soll der Impfstoff in einer US-Studie als Booster sechs Monate nach dem anfänglichen Zwei-Dosen-Schema zu einem vierfachen Anstieg der neutralisierenden Antikörperspiegel gegen das Urpsrungsvirus geführt haben und auch gut gegen die Delta-Variante wirken.

Das BAG hat sechs Millionen Impfdosen von Novavax bestellt. Doch noch ist dieser nicht verfügbar. Für die Schweiz will man das Gesuch noch im dritten Quartal einreichen, erklärte Novavax-Sprecherin Alison Chartan gegenüber dem «Tages-Anzeiger», es sollte also spätestens bis Ende September erfolgen. Priorität bei der Auslieferung haben jedoch Länder, in denen das Mittel hergestellt wird: unter anderem die USA, Grossbritannien, Schweden, Tschechien und Indien.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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