«Time-Out»: Die Entlassung des Unentlassbaren
Aktualisiert

«Time-Out»Die Entlassung des Unentlassbaren

Jetzt hat es Kevin Constantine doch erwischt. Der neue Trainer in Ambri heisst Serge Pelletier. Auch der eingebürgerte Kanadier hat längerfristig keine Chance.

von
Klaus Zaugg

Ambris Präsident Filippo Lombardi ist ein Politiker. Er vertritt den Kanton Tessin im Ständerat. Er ist also ein Meister des schnellen Meinungswechsels.

Am 7. Oktober hatte Filippo Lombardi seinem Trainer nicht nur das Vertrauen ausgesprochen. Vielmehr gab er ihm sozusagen eine öffentliche schriftliche Jobgarantie. Am späten Sonntagabend um 21.19 Uhr, am Tag nach der 0:1-Niederlage gegen die SCL Tigers, hatte Ambris Präsident eine bemerkenswerte Medienmitteilung verschickt.

Vor zwei Wochen war noch alles anders

Ein Dokument der Hockey-Zeitgeschichte, das es wert ist, nun noch einmal wörtlich wiedergegeben zu werden. Titel: «Der Impuls muss von der Mannschaft kommen.»

«Anlässlich seiner Sitzung vom 7. Oktober hat der Verwaltungsrat eine gründliche Analyse der sportlichen Situation vorgenommen.

Ebenso wie das Publikum erwartet der VR einen starken positiven Impuls aus dem Mannschaftsinneren, der es der Mannschaft ermöglicht, endlich ihr Potenzial auszudrücken. Schlichte Änderungen der externen Umstände, wie der zu häufige und überstürzte Wechsel der technischen Leitung, eignen sich nicht, um eine Antwort zu geben, die die Spieler selber imstande sein müssen zu finden.

Der VR versteht und teilt die berechtigten Erwartungen der Fans und bedankt sich für den starken Rückhalt und die Geduld, die sie bisher gezeigt und bewiesen haben.

Für diese Fans lohnt es sich, weiter zu kämpfen: Der VR und der technische Stab werden dies tun und die Mannschaft ihrerseits muss ebenfalls kämpfen. Es wird keinerlei Erklärung abgegeben.»

Das Management hatte sich sogar die Mühe gemacht, die Medienmitteilung auf Deutsch zu übersetzen – sozusagen im Stil «habe fertig». Das mag die Dramatik der Situation zeigen.

Und dann doch die Kehrtwende

Nun hat es Kevin Constantine doch erwischt. Der per präsidialem Dekret als «unentlassbar» erklärte Trainer ist gefeuert worden. Für einmal haben wir in diesen windigen Zeiten die schriftliche Dokumentation eines präsidialen Meinungswechsels. Als Trost bleibt Kevin Constantine nun eine schöne Abfindung: Sein Vertrag läuft bis Ende der nächsten Saison. Seine Entlassung dürfte brutto fast eine Million kosten.

Es ist letztlich zum Fenster hinausgeworfenes Geld. Der Amerikaner hat seit seiner Amtsübernahme am 18. Oktober 2010 (für den gefeuerten Benoit Laporte) zwar die Playoffs nie erreicht und Ambri zuletzt zweimal hintereinander erst in der Ligaqualifikation gegen Visp bzw. Langenthal gerettet. Viel mehr ist mit dieser Mannschaft fast nicht möglich. Die vielen untalentierten «Grobmotoriker» werden auch unter einem neuen Dirigenten nicht dazu in der Lage sein, Hockeysinfonien zu spielen.

In einer Negativspirale verfangen

Der Trainer ist also nicht die Ursache für Ambris Krise. Aber bei Teams wie Ambri braucht es einen Trainer, dem es gelingt, die Leidenschaft zu wecken, die es manchmal ermöglicht, besser zu spielen als es das Talent erlaubt. Das ist Kevin Constantine nicht mehr gelungen. Er hat sich in einer Negativspirale des immer fanatischeren Arbeitens und Disziplinierens verfangen. Die 2:5-Pleite gegen Zug am Samstag war die Niederlage zu viel. Deshalb muss er gehen.

Ein Zwischenhoch darf erwartet werden: Denn nun kommt der sanfte Gentleman Serge Pelletier. Nach dem rauen Leistungsklima unter dem zuletzt bisweilen verbissenen «Workoholic» Kevin Constantine folgt eine kurze Phase der Erholung.

Die Rückkehr Pelletiers

Serge Pelletier kennt den Klub. Am 6. November 2005 ist er in Ambri in seiner damals dritten Saison bereits einmal gefeuert worden. Der eingebürgerte Kanadier ist einer der intelligentesten und fachlich kompetentesten Hockeytrainer im Land. Mit abgeschlossenem Studium der Sportwissenschaften an der Universität in Trois Rivières in Quebec (Kanada). 1989 hat er seine Karriere in der Schweiz in Lugano als Juniorentrainer begonnen. Von 2000 bis 2002 war er in Fribourg erstmals Cheftrainer in der NLA und kehrte 2006 noch einmal für fünf Jahre zu Fribourg zurück und war zeitweise sowohl Cheftrainer als auch Sportchef. Er dürfte bald auch in Ambri zusätzlich von Jean-Jacques Aeschlimann die Funktion des Sportchefs übernehmen.

Aber Serge Pelletier hat unter diesem Präsidenten und diesem Management in Ambri langfristig keine Chance. Es liegt in der Kultur dieses Hockeyunternehmens, dass sich das Management und das Umfeld in der Krise immer mit den Spielern gegen den Trainer solidarisieren. Die Spieler haben das Ohr des Präsidenten, der Verwaltungsräte, der Sponsoren und der Chronisten. Serge Pelletier ist ein glänzender Kommunikator und wird deshalb eine Weile lang Ruhe haben – aber sobald bei fehlenden Resultaten die Spieler in die Kritik kommen, wird auch er gehen müssen.

Ambris grosser Trainerverschleiss

Seit Serge Pelletier am 6. November 2005 in Ambri gefeuert worden ist, haben nicht weniger als sechs verschiedene Trainer ihr Glück versucht: Pekka Rautakallio, Larry Huras, Jan Tlacil, Rostislav Chada, Benoit Laporte und Kevin Constantine.

Es ist nicht die Frage, ob Serge Pelletier auch bei seinem zweiten Ambri-Gastspiel gefeuert wird. Sondern nur wann.

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