14.09.2016 12:07

Spätzünder

Die erste Nacht in der eigenen Wohnung

Die Autorin ist 25 und gerade das erste Mal ausgezogen. Sie liegt zwischen Kartons und halb aufgebauten Möbeln und kann nicht schlafen.

von
M. Steiger
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Die Autorin, noch guten Mutes, vor der neuen Wohnungstür.

Die Autorin, noch guten Mutes, vor der neuen Wohnungstür.

(mst)
Das Bett. Mit Blut, Schweiss und Tränen selbst aufgebaut. Nicht im Bild ist der Lättlirost, der - ganz Ikea - natürlich ebenfalls Lättli für Lättli selbst zusammengebaut werden muss.

Das Bett. Mit Blut, Schweiss und Tränen selbst aufgebaut. Nicht im Bild ist der Lättlirost, der - ganz Ikea - natürlich ebenfalls Lättli für Lättli selbst zusammengebaut werden muss.

(mst)
Über die pinkfarbene «Tussi on Tour»-Werkzeugkiste haben sich zwar ausnahmslos alle Helfer lustig gemacht, trotzdem wurden damit mittlerweile sieben Möbelstücke zusammengezimmert. Ha!

Über die pinkfarbene «Tussi on Tour»-Werkzeugkiste haben sich zwar ausnahmslos alle Helfer lustig gemacht, trotzdem wurden damit mittlerweile sieben Möbelstücke zusammengezimmert. Ha!

(mst)

Wann ist der richtige Moment, um aus der elterlichen Wohnung auszuziehen? Spätestens dann, wenn man sich dafür rechtfertigen muss, warum man immer noch bei Mami und Papi wohnt. Mit 25 Jahren beispielsweise, wie das bei mir der Fall gewesen ist. Dabei wollte ich ja gar nicht ausziehen. Ist ja schön daheim. Doch zufällig bin ich mit einem Freund über eine schöne, WG-taugliche Wohnung gestolpert, bei der wir gar nicht nein sagen konnten.

Die erste Überschwemmung

Dann kam sie, meine erste Nacht in der neuen Wohnung, meine erste Nacht, abgenabelt von meinen Eltern. Ich gehe ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Das Licht über dem Spiegel ist unbarmherzig hell und ich merke, dass meine Zahnpasta unauffindbar ist. Gopf. Und meine Haarbürste habe ich wohl auch vergessen. Egal. Ich stelle mich unter die Dusche und merke, dass ich den hellblauen Duschvorhang im Übereifer ungefähr zwei Zentimeter zu kurz abgeschnitten habe.

Nachdem ich mich mit dem Duschgel meines Mitbewohners gewaschen habe (Hallo Männerduft!) und mir eine geistige Notiz (Duschgel und neuen Vorhang kaufen) gemacht habe, muss ich jetzt den überschwemmten Badezimmerboden aufnehmen. Lässig so um 23.59 Uhr. Auf der Toilette sitzend starre ich die leere Wand an. Wie öde. Da muss ein Bild hin. Ich könnte ein scheussliches Delfinposter kaufen, um meinen Mitbewohner zu erschrecken.

Zwischen den halb aufgebauten Stühlen

Mein Bett ist bereits aufgebaut, es steht längs neben dem Fenster, damit ich im Bett die Sterne sehen kann. Kartons stapeln sich im ganzen Zimmer gefühlt bis an die Decke. Und da in der Mitte liegt traurig der halb aufgebaute Hocker «Ingolf». Ich habe am Nachmittag die Nerven verloren, nachdem ich das gleiche Bein zweimal falsch angeschraubt habe – Anleitungen liegen mir nicht so. Ansonsten ist mein Zimmer leer. Und es hallt. Die Lampenlöcher in der Decke scheinen mich anzusehen. Hängt da eine Spinne drin? Ich glaube, es bewegt sich was.

Ich werfe mich in mein Schlaf-Tenue. Beim Umziehen fege ich eine Petflasche vom halbfertigen Ingolf. Sie schlägt mit einem lauten Knall am Boden auf und mir wird bewusst, dass ich zum ersten Mal direkte Wand-an-Wand (oder in diesem Fall: Boden-an-Decke) Nachbarn habe. Shit. (Geistige Notiz: Bei Gelegenheit für mein elefantenähnliches Getrampel entschuldigen.)

Daheim ist nicht zu Hause

0.14 Uhr und endlich im Bett. War mein Atem schon immer so laut? Mein Mitbewohner wälzt sich im Nebenzimmer, während ich über meinen Auszugs-Entscheid sinniere. Ich fühle mich unwohl. Ich bin traurig. Jedes Geräusch macht ein Echo. Ich möchte nach Hause. Und mir wird schmerzlich bewusst, dass dieser Raum mein neues Zuhause ist. Dieser Raum, aus dem ich so schnell wie möglich wieder hinaus möchte.

2.14 Uhr: Ich versuche mit einem Stück Karton (Fliegenklatsche haben wir noch nicht) der lautesten und stichfreudigsten Mücke der Welt den Garaus zu machen. Schliesslich – um 3.05 Uhr – gebe ich erschöpft auf, falle ins Bett und in einen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen wirkt mein Zimmer ein kleines bisschen weniger einsam und ich schöpfe Hoffnung. Mir wurde nämlich gesagt, mit einem neuen Daheim sei es wie mit dem Sex: Nach dem ersten Mal wird es eigentlich nur noch besser.

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