Schwingfest: Die ersten wahren Spitzensportler
Aktualisiert

SchwingfestDie ersten wahren Spitzensportler

Schwinger sind nicht erst seit kurzem Spitzensportler. Sie waren vielmehr die ersten echten Profis – schon vor den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896.

von
Klaus Zaugg

Ist Schwingen bloss vaterländisches Spiel oder ernstzunehmender Spitzensport? Ist das Eidgenössische 2013 in Burgdorf ein Woodstock des Brauchtums oder ein sportlicher Wettkampf? Seltsamerweise wird diese Frage immer wieder gestellt. Und dann heisst es meistens: Ja, ja, die «Bösen» sind heute auch Athleten. Das Schwingen ist jetzt auch ein Spitzensport. Schwinger trainieren heute auch wie richtige Sportler.

Vor Burgdorf 2013 ist es Zeit, einen der grössten Irrtümer der Sportgeschichte zu klären: Schwinger waren lange vor den Fussball-, Eishockey- und Tennisstars echte Athleten und Kampfmaschinen. Die «Bösen» waren die ersten echten wahren Spitzensportler. Eigentlich müsste es heissen: Heute sind auch die anderen Spitzensportler Athleten wie die Schwinger geworden.

Als runde Bäuche noch sexy waren

Schon 1887 lesen wir im Reiseführer «Das malerische und romantische Emmenthal nebst angrenzenden Landesteilen» von E. A. Türler: «Den Schwingern muss man das bedeutungsvolle Lob spenden, sie seien zu den schönsten Leuten zu zählen, da ihre Körper zur Kraft und zur Gewandtheit in gleicher Weise befähigt sind. Allzeit sind sie im Stande, sich mit all den handwerksmässigen Athleten messen zu können, die sich einseitig spezialisiert haben.» Das war zu einer Zeit, als ein schöner, weicher, runder Bauch sexy war. Weil in den städtischen Gebieten nur einer, der sich einen Bauch leisten konnte, auch dazu in der Lage war, seiner Frau einen gehobenen Lebensstandard zu finanzieren.

Unter den Edelweisshemden versteckten sich Anfang des letzten Jahrhunderts Spitzensportler, die an Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer und Explosivität den damaligen «richtigen» Sportlern nicht nur ebenbürtig, sondern weit voraus waren. Ein spektakuläres Beispiel, das eigentlich jede Diskussion über den sportlichen Wert des Schwingens beendet: Robert «Röbeli» Roth (1898–1959) war 1919 und 1921 Schwingerkönig.

In Antwerpen wurde er 1920 Olympiasieger im Freistilringen, Kategorie Schwergewicht. Er bodigte den Amerikaner Pendleton Nat, der als stärkster Mann der Welt galt. Wenn unsere Bösen auf höchstem Weltniveau auf Ringer losgelassen werden, waren sie weltweit kaum zu bremsen und legen alles flach. Dank den Schwingern gehörte die Schweiz damals zu den grossen Ringer-Nationen der Welt.

Teilnahme an Olympischen Spielen verboten

Die Verbands-Ayatollahs brachten die Schwinger aber um olympischen Ruhm. Schon in den 1930er-Jahren wurde die Teilnahme an Olympischen Spielen und Ringerwettkämpfen nach und nach verboten. Man fürchtete, die vaterländisch gesinnten Bösen würden schändlich beeinflusst. Als das Verbot wieder gelockert wurde, hatten sich die beiden Sportarten in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Wenger Kilian und Sempach Matthias sind wahrscheinlich die besseren Athleten als die meisten unserer Fussball-Nationalspieler. Und der internationale Respekt ist immer noch gross: Christian Stucki war vor einiger Zeit zu Gast bei den japanischen Sumo-Ringern. Diese Titanen (jeder ist mindestens 150 kg schwer) beäugten das Riesen-Viech, das da auch den Alpen zu ihnen gekommen war, mit einiger Belustigung. Bis ihnen der Stucki zeigte, wie er einen Apfel in der Hand zerquetscht. Selbst die stärksten Sumo-Stars schafften das Kunststück nicht und verneigten sich vor ihm.

Wenn wir heute sagen, die Schwinger seien nun auch, anders als noch vor 30 oder 40 Jahren, richtige Athleten, vergessen wir meist, dass damals auch in anderen Sportarten längst nicht jeder wie ein Athlet aussah und lebte. Hugo Leuenberger war der überragende Verteidiger und Publikumsliebling in den SCB-Meisterteams der 1970er-Jahre. Er hatte einen grösseren Bauch als die «Bösen» seiner Zeit. Den Rock'n'Roll-Lebensstil einiger Ski-, Hockey- und Fussballstars hüllen wir lieber gleich in den Mantel des Schweigens.

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