Aktualisiert 07.10.2019 08:50

ETH verweigert Zulassung«Die ETH verletzt die Rechte von Behinderten»

Die ETH wollte einen behinderten Studenten nicht zulassen. Ein Experte sagt: Damit verstösst die Hochschule gegen das Gesetz.

von
J. Furer / S. Ehrbar
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Jürg Brechbühl ist invalide. Bei einem fremdverschuldeten Autounfall erlitt er 1995 eine Hirnverletzung. Nach jahrelanger Rehabilitation schaffte der 55-Jährige einen Diplomabschluss als Biologe an der Universität Bern.

Jürg Brechbühl ist invalide. Bei einem fremdverschuldeten Autounfall erlitt er 1995 eine Hirnverletzung. Nach jahrelanger Rehabilitation schaffte der 55-Jährige einen Diplomabschluss als Biologe an der Universität Bern.

privat
Doch als er sich 2018 für ein Masterstudium an der ETH anmeldete, verweigerte diese die Zulassung. «Ich fiel aus allen Wolken. Das ist diskriminierend. Die ETH verstösst bewusst und geplant gegen das Behindertengleichstellungsgesetz.»

Doch als er sich 2018 für ein Masterstudium an der ETH anmeldete, verweigerte diese die Zulassung. «Ich fiel aus allen Wolken. Das ist diskriminierend. Die ETH verstösst bewusst und geplant gegen das Behindertengleichstellungsgesetz.»

Keystone/Christian Beutler
Nun hat Brechbühl einen Sieg errungen: Die ETH-Beschwerdekommission entschied, dass die ETH ihn zum Studium zulassen und ihm 10000 Franken Entschädigung bezahlen muss.

Nun hat Brechbühl einen Sieg errungen: Die ETH-Beschwerdekommission entschied, dass die ETH ihn zum Studium zulassen und ihm 10000 Franken Entschädigung bezahlen muss.

Keystone/Gaetan Bally

Die ETH Zürich muss einem Studenten, dem sie die Zulassung verweigern wollte, 10'000 Franken Entschädigung bezahlen und ihn zum Studium zulassen. Das hat die Beschwerdekommission entschieden. Die Hochschule hatte argumentiert, wegen seiner verminderten Studierfähigkeit dauere sein Studium zu lange (20 Minuten berichtete). Experte Islam Alijaj sagt, was er davon hält.

Herr Alijaj, wie beurteilen Sie das Verhalten der ETH?

Mit ihrem Verhalten verletzt die ETH nicht nur das Behindertengleichstellungsgesetz, sondern handelt krass gegen die UN-Behindertenrechtskonvention, die die Begegnung von Menschen mit Behinderungen auf Augenhöhe verlangt.

Wie meinen Sie das?

Es obliegt nicht der Schulleitung, zu entscheiden, was Studierende mit Behinderungen können und was nicht. Es ist die Pflicht der ETH und anderer Hochschulen, die Rahmenbedingungen für den Nachteilsausgleich zu schaffen und nicht die Pflicht von Menschen mit Behinderungen, schon nur für eine Chance so kämpfen zu müssen.

Was müsste sich ändern?

Hochschulen wie etwa die ETH müssen diese Flexibilität schaffen, welche sie schlussendlich nichts kosten würde ausser ein Eingeständnis. Dies zeigt deutlich die Notwendigkeit einer Erneuerung des Bildes der Behinderung in der Gesellschaft: Menschen mit Behinderungen haben ein Potential, zu welchem sie genau so das Recht haben, es ausschöpfen zu können wie alle anderen. Grundsätzlich einem Menschen dieses Potential abzusprechen, ist nicht richtig.

Was braucht es für diesen Wandel?

Für dieses neue Verständnis braucht es mehr Berührungspunkte im Alltag zwischen Menschen mit und ohne Einschränkungen. In der Schweiz leben 1,8 Millionen Menschen mit Behinderung, und sie sind im Alltag kaum sichtbar.

Sind Ihnen weitere ähnliche Fälle bekannt?

Ein Beispiel: Nach meiner KV-Lehre wollte ich ein Studium beginnen: Wirtschaft oder Wirtschaftsinformatik. Mit einem Hochschulabschluss und entsprechenden Hilfestellungen hätte ich eine Chance im ersten Arbeitsmarkt gehabt, war ich überzeugt. Doch Vertreter meiner Lehrfirma und der Invalidenversicherung überredeten mich, dass eine IV-Rente und eine geschützte Arbeitsstelle besser für mich seien.

Wieso?

Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass Betriebe für jeden besetzten Arbeitsplatz Beiträge von der IV bekommen. Zudem hängt die Höhe der IV-Rente vom Ausbildungsgrad ab. Ich fühlte mich hintergangen. Weder mein Arbeitgeber noch die IV hätten Interesse an meinen Ausbildungsplänen gehabt. Finanzielle Fehlanreize aufseiten der Institutionen haben mich um mein Studium gebracht. Dieses Ereignis hat mich schlagartig politisiert.

Was raten Sie Betroffenen?

Das ist ein wichtiger Grund warum ich für den Nationalrat kandidiere (für die SP, Anm. der Redaktion): Wir Menschen mit Behinderungen müssen immer noch für grundlegende Dinge kämpfen und es müssen in der Politik Grundlagen erschaffen werden, um auch das Potential und die Mitarbeit von Menschen mit Behinderung zu fördern. Diesen Kampf für das eigene Recht aufzunehmen, rate ich allen Betroffenen. Wir müssen uns zusammenschliessen.

Macht die ETH genug? Muss sich an den Hochschulen generell etwas ändern?

Es braucht mehr Flexibilität in der Bildung und Arbeitswelt. Gerade Hochschulen wie die ETH haben eine geballte Ladung an Brainpower und Intelligenz, welche sie nutzen könnten, um Lösungen zu schaffen für Menschen mit körperlichen Behinderungen, damit sie ebenso im Leben teilhaben können. Wichtig: Mit der Innovations-Förderung ist es noch nicht getan. Sie müssen ebenfalls die Vorreiter-Rolle einnehmen, indem sie ihre Lösungen auch anwenden.

Islam Alijaj

Islam Alijaj ist Präsident des Vereins «Tatkraft - Die Personenbotschafter», arbeitete am NGO-Bericht zur UN-Behindertenkonvention mit und ist SP-Nationalratskandidat.

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