Schicksalswahl: Die Euroländer blicken gespannt nach Zypern
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SchicksalswahlDie Euroländer blicken gespannt nach Zypern

Der Mittelmeer-Staat Zypern wählt einen neuen Staatspräsidenten. Was in Rest-Europa sonst kaum beachtet wird, wird nun mit Spannung erwartet. Denn Zypern steht vor dem Bankrott.

Noch nie hat eine Wahl auf Zypern international für derart grosse Aufmerksamkeit gesorgt. Mitten in den Verhandlungen über Finanzhilfen sind in dem Euro-Mitgliedsland eine halbe Million Bürger am kommenden Sonntag aufgerufen, einen Staatspräsidenten zu wählen.

Der neue Mann an der Spitze muss schnell den Gordischen Knoten durchschlagen. Keine einfache Sache, denn der Inselstaat braucht dringend 17,5 Milliarden Euro, was der Wirtschaftsleistung eines Jahres entspricht. Damit liessen sich die Banken und die Staatsfinanzen wenigstens einigermassen stabilisieren.

Die EU ist bereit zu helfen, aber nicht ohne gründliche Prüfung der tatsächlichen Situation. Es soll in erster Linie kontrolliert werden - darauf besteht vor allem Berlin - was mit dem russischen Geld auf der Insel passiert. Gerüchte halten sich hartnäckig, korrupte russische Beamte und Oligarchen hätten knapp 20 Milliarden Euro auf den Bankkonten der Mittelmeerinsel gelagert.

Sicher ist: Viel Zeit wird der neue Präsident nicht haben. Die staatlichen Reserven sollen nach jetzigem Stand nur noch bis Ende März reichen.

Gescheiterter Präsident

Üblicherweise wird ein Wechsel an der Staatsspitze mitten in der Finanzkrise als wenig hilfreich eingeschätzt. Zumal Zypern ein Präsidialsystem hat. Im konkreten Fall allerdings gilt der scheidende Präsident Dimitris Christofias als gescheitert. Er tritt nicht mehr an.

Die Krise in Griechenland hatte auch Zyperns ausgeprägten Finanzsektor schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die zyprischen Banken sind eng mit dem griechischen Bankensystem verbunden und wurden in den Strudel der Griechenland-Krise gerissen. Christofias habe dies nicht rechtzeitig erkannt und nichts dagegen unternommen, werfen ihm viele Zyprer vor.

Pro-europäischer Kandidat ist Favorit

Um die Nachfolge von Christofias bewerben sich elf Politiker. Chancen können sich aber nur drei Kandidaten ausrechnen. Sollte im ersten Wahlgang keiner der Bewerber die absolute Mehrheit erreichen, findet am 24. Februar eine Stichwahl statt. Der Präsident wird direkt vom Volk gewählt und bestimmt die Regierung.

Als grosser Favorit gilt der konservative Politiker Nikos Anastasiadis. Umfragen zufolge soll er bei der ersten Runde mehr als 40 Prozent bekommen. Der 66-jährige pro-europäische Politiker will für Zypern einen «Neustart». Diesen könne es nur mit Hilfe der EU geben, sagt er.

Die Partner dürfen nach seiner Vorstellung gerne kontrollieren. Zypern hat in den vergangenen Jahren seine Gesetzgebung geändert. Vorwürfe über Geldwäsche seien aber übertrieben, betont Anastasiadis.

Enges Rennen um Einzug in Stichwahl

Zwei seiner Gegenkandidaten liefern sich Umfragen nach ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Einzug in eine mögliche Stichwahl. Es sind der linke Politiker Stavros Malas und der Vertreter der politischen Mitte, Giorgos Lillikas. Sie kommen in Umfragen jeweils auf rund 20 Prozent. Demoskopen halten einen Sieg von Anastasiadis allerdings schon in der ersten Runde durchaus für möglich.

Die Wahl wird auch im türkisch-zyprischen Norden der Insel mit grosser Aufmerksamkeit beobachtet. Die Insel ist nach einem griechischen Putsch und einer türkischen Militärintervention seit 1974 geteilt. Zypern ist seit 2004 Mitglied der EU und hat 2008 den Euro eingeführt. Das europäische Regelwerk gilt jedoch nur im griechisch-zyprischen Süden.

Die Abstimmung beginnt um 7 Uhr Ortszeit (6 Uhr MEZ). Die Wahllokale sollen um 18 Uhr Ortszeit (17 Uhr MEZ) schliessen. Unmittelbar danach gibt es eine Prognose auf Grundlage von Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe. Mit ersten Hochrechnungen wird nach fortschreitender Auszählung gegen 18.30 MEZ gerechnet. (sda)

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