Aktualisiert 18.05.2016 10:51

Vierfachmord von Rupperswil

«Die Familie des Täters muss meist wegziehen»

Nahe Angehörige brutaler Straftäter werden meist für die Tat mitverantwortlich gemacht. Ein Forensiker spricht über die schwierige Situation der Familie von Thomas N.

von
ann
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Thomas N. war Trainer einer Juniorenmannschaft in der Region.

Thomas N. war Trainer einer Juniorenmannschaft in der Region.

ZVG
Sie verteidigt den Vierfachmörder von Rupperswil: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn.

Sie verteidigt den Vierfachmörder von Rupperswil: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn.

strafverteidiger.ch
Hier wohnte der Täter: Blick in den Garten des Hauses in Rupperswil AG.

Hier wohnte der Täter: Blick in den Garten des Hauses in Rupperswil AG.

Herr Leherr, Thomas N., der Täter von Rupperswil, hat eine Mutter und einen Bruder. Wie können sie mit dieser monströsen Tat umgehen?

Das ist schwierig. Das eine ist das schwere Verbrechen ihres nächsten Verwandten, den sie vielleicht geliebt und jetzt praktisch verloren haben. Gleichzeitig sind sie mit der Schuldfrage konfrontiert. Dabei zermürben sie sich nicht nur selbst. Auch Aussenstehende fragen sich, wieso etwa die Mutter nichts bemerkt hat.

Ist so etwas nicht unerträglich?

Ja, alle Angehörigen fragen sich immer wieder, was sie falsch gemacht haben. Oft sind sie täglich mit der Tat und deren schrecklichen Folgen konfrontiert. Meistens ist es für sie nicht mehr möglich, im selben Quartier oder Dorf zu wohnen. Auch wenn man dort versucht, den Fall aufzuarbeiten, muss die Familie des Täters in der Regel wegziehen.

Trägt denn so eine Familie auch eine Schuld?

Das lässt sich weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Im Fall Rupperswil scheint der Täter hoch professionell alles vorbereitet und geplant zu haben. Für Aussenstehende war eine Veränderung offenbar nicht erkennbar. Auch für Nahestehende dürfte dies schwierig gewesen sein. Dennoch gibt es meist Anzeichen und auffällige Muster.

Welche auffälligen Muster?

Etwa, dass der Täter ein ewiger Student war, noch zu Hause lebte und offenbar noch nie eine Partnerschaft gehabt hatte. Natürlich gibt es viele Personen mit so einer Geschichte, die nicht straffällig werden. Aber es sind erste Anzeichen.

Sucht der Gutachter nach weiteren Merkmalen?

Für das Gutachten über den Täter ist die Befragung der Angehörigen ein wichtiger Schlüssel. Hier geht es darum festzustellen, wie der Umgangston zu Hause war, welche Werte vermittelt wurden, was ausgesprochen und worüber geschwiegen wurde.

Spielt das eine wesentliche Rolle?

Die meisten Angehörigen versuchen sich selbst von jeder Schuld zu befreien. Sie sagen sich, dass es keinerlei Hinweise für die Tat im Alltag gab, dass diese nicht vorhersehbar war und aus heiterem Himmel kam. Bei der Befragung zeigt sich dann aber häufig, dass es Hinweise gab.

Was denn zum Beispiel?

Ich kann im Fall Rupperswil nur mutmassen. So ist es möglich, dass der Tod des Vaters vier Jahre vor der Tat eine wesentliche Rolle gespielt hat. Vielleicht hatte er für Balance in der Familie gesorgt. Sein Tod hat möglicherweise die Familiendynamik verändert und eine normale Entwicklung des Täters verunmöglicht.

Herbert Leherr ist Leitender Arzt der Forensischen Psychiatrie Thurgau.

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