Aktualisiert 14.07.2009 15:57

DrogenkriegDie «Familie», die Mexiko terrorisiert

Nach der Festnahme eines ihrer Bosse hat das Drogenkartell «La Familia» in Mexiko eine beispiellose Offensive gegen die Polizei gestartet. Innerhalb von vier Tagen wurden mindestens 15 Menschen auf brutalste Art getötet. Kein Wunder – schliesslich ist «La Familia» das Kartell, das mit den Enthauptungen seiner Feinde begann.

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Keiner kennt das wahre Gesicht von Kartellboss Nazario Moreno. Nur der mexikanische Geheimdienst soll das einzige Bild, das es von diesem Mann gibt, gesehen haben. Gerüchte sagen, er habe nicht das typische Narko-Aussehen: dunkler Schnurrbart, Goldschmuck und protzige Schlangenlederstiefel. Moreno sehe eher wie «ein Dorflehrer» aus, wissen jene, die ihn kennen.

Offenbar trügt Morenos Äusseres: Nachdem am Samstag Arnoldo Rueda, die mutmassliche Nummer zwei des Kartells «La Familia», festgenommen worden war, lancierte die Bande im westlichen Bundesstaat Michoacán eine der brutalsten und blutrünstigsten Offensiven der letzten Monate. Innerhalb von 72 Stunden wurden drei Polizisten und mehr als ein Dutzend Feinde hingerichtet.

Erstmals Enthauptungen

Das Kartell «La Familia» hatte im Oktober 2006 erstmals von sich reden gemacht, als Unbekannte in seinem Namen fünf abgetrennte Köpfe mit einer Botschaft auf die Tanzfläche einer Bar warfen. Damals behauptete «La Familia», sie wolle gegen den Rauschgifthandel kämpfen. Sie gilt seither als «Erfinderin» dieser brutalen Hinrichtungsform.

Laut den Behörden verbündete sie sich später aber mit dem mächtigen Golf-Kartell. Dieses Bündnis ist mittlerweile zerbrochen, beide Drogenbanden bekriegen einander. Seither gehen mindestens 218 Hinrichtungen auf das Konto des Kartells von Nazario Moreno.

«La Familia» hat eine eigene «Bibel»

Eine Besonderheit ist die Rekrutierung seiner Mitglieder: Moreno heuert nicht wie alle anderen Jugendliche an, die er später zu Killern umschult. Seine Strategie ist, Drogenabhängige und Alkoholiker in einer von ihm finanzierten Klinik von der Sucht zu befreien und Strassenkindern einen Platz in einem Heim zu bieten. Die zweite Chance im Leben macht diese Menschen zu dankbaren Auftragsmördern.

Eine weitere Besonderheit ist eine hauseigene, von Moreno selber geschriebene «Bibel», die den Männern ethische und moralische Werte näher bringt. So befiehlt der Boss zum Beispiel: «Du sollst unserem Gott dankbar sein und wie ein fröhlicher und optimistischer Mensch leben. Ich bitte dich, gib immer dein Bestes, verpflichte dich in deinem Leben mit dem grössten aller Gebote und liebe deine Mitmenschen ohne jegliche Vorzüge. Behandle andere, so wie du behandelt werden möchtest, und verachte keinen.» Das komplette Pamphlet, das bei einer Hausdurchsuchung in die Hände der Polizei gelangte, können die Bandenmitglieder auswendig aufsagen.

Doch die Extravaganzen der «Familia» begannen schon mit der Gründung im Jahre 2006: Sie lancierte eine Grossanzeige in allen Zeitungen. Darin forderte sie die Kontrolle über die Region Tierra Caliente und verbot anderen Gruppen, synthetische Drogen und gepanschten Alkohol zu verkaufen. Die Anzeige versprach eine Art soziale Reinigung, die Schluss mit den Entführungen und Erpressungen machen sollte. «Vielleicht werden wir von den Menschen jetzt noch nicht verstanden. Leider mussten wir zu sehr strengen Massnahmen greifen, da dies die einzige Art ist, etwas Ordnung in den Staat zu bringen. Es grüsst 'La Familia'.»

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