Partynacht in Istanbul: «Die Fans blockierten die Autobahn»

Aktualisiert

Partynacht in Istanbul«Die Fans blockierten die Autobahn»

Reto Ziegler erzielt im Derby gegen Galatasaray seinen ersten Treffer für Fenerbahçe. 20 Minuten Online erreicht den Schweizer nach einer spektakulären, unvorstellbaren Fussballnacht.

von
Eva Tedesco

Die Fans von Fenerbahçe feiern den Sieg gegen Galatasaray ausgiebig und stoppen gar den Mannschaftsbus, um mit den Kickern zu jubeln. (22.4.12/Quelle: YouTube)

Mit dem Sieg entführte Fenerbahçe am Sonntag drei Punkte beim Erzrivalen Galatasaray und liegt im Meisterrennen wieder in Schlagdistanz. Der 5-Punkte-Vorsprung Galas ist nach zwei Runden in den Meister-Playoffs auf zwei geschmolzen. Und in der letzten von sechs Playoff-Runden kommt es am 12. Mai wieder zur Direktbegegnung – einem «Superfinal, wenn alles nach Wunsch verläuft», wie Ziegler sagt.

Reto Ziegler, Sie haben den Interviewtermin auf den frühen Nachmittag verlegt. Haben Sie Ihr erstes Tor so ausgiebig gefeiert?

Reto Ziegler: (lacht) Ausschlafen konnte ich schon, aber zum Feiern sind wir nicht gekommen. Auf der Heimfahrt nach dem Derby war die Hölle los. Sie können sich nicht vorstellen, was hier abgegangen ist. Aber natürlich habe ich mich über das erste Tor für Fenerbahçe gefreut – zumal es mir auch noch in einem so immens wichtigen Spiel gelungen ist. In Istanbul hat schon ein Derby einen hohen Stellenwert, aber ein Derby im Meister-Playoff ist der Wahnsinn.

Sie sagen, dass die Hölle los war. Was kann man sich darunter vorstellen?

Auf der Heimfahrt nach dem Spiel musste der Mannschaftscar plötzlich mitten auf der Autobahn halten, weil hunderte Fans die Strasse blockierten und mit uns feiern wollten. Die waren alle aus dem Häuschen, haben gesungen und getanzt. Dabei war das Fernsehen immer live drauf und hat die Weiterfahrt Richtung Trainingsgelände übertragen, damit die Fans, die vor dem Center warteten, genau wussten, wo wir sind und wie lange wir noch bis zur Ankunft brauchen. Vor dem Trainingszentrum ging dann aber nichts mehr: Der Car blieb mitten in der Menge stecken. Und die Sicherheitsleute konnten das grosse Tor zum Zentrum nicht öffnen, ohne dass tausende Menschen auf das Gelände strömten. Deshalb musste der Chauffeur wieder zurücksetzen und mit uns durch Istanbul kurven, bis sich die Menge aufgelöst hatte. Nach einer Stunde konnten wir es noch einmal versuchen. Da war es aber nach zwei Uhr morgens. Bis ich im Bett war, war es fast drei. Aber ich lade am Dienstag den Medical Staff zum Essen ein, da werden wir sicher auf mein Tor anstossen.

Für die Fans waren Sie ein Held. Auch für die Medien?

Das kann ich Ihnen gar nicht beantworten, denn ich lese keine Zeitungen hier. Wahrscheinlich würde ich es gar nicht verstehen.

Kommen Sie gut durch, ohne Türkisch zu sprechen?

Ich verstehe ein wenig, aber im Klub sprechen wir sowieso Englisch oder Französisch. Wir habe drei Brasilianer im Team, zwei Senegalesen und mein Kumpel und Zimmerkollege Jobo ist der Captain der nigerianischen Nationalmannschaft. Zudem sprechen auch fast alle türkischen Nationalspieler englisch. Der Staff sowieso.

Reto Zieglers Tor im Derby gegen Galatasaray

Und ausserhalb des Klubs?

Ich wohne direkt über einem Einkaufszentrum und muss nur mit dem Lift runterfahren. Da kenne ich mittlerweile jedes Restaurant, jeden Laden und jeden Verkäufer. Ansonsten bin ich wenig unterwegs. Die Meisterschaft ist lang und vor allem jetzt im Finish ist es wichtig, dass man sich zwischen den Spielen gut erholt. Das hat absoluten Vorrang.

Und da wären wir wieder beim Thema: Dank dem Sieg gegen Galatasaray konnte Fenerbahçe in den Playoffs bis auf zwei Punkte auf den Erzrivalen aufschliessen. Wie stehen Ihre Chancen auf den Meistertitel?

Die Ausgangslage hat sich nach dem 2:1 am Sonntag stark verbessert. Wenn wir die nächsten drei Spiele gewinnen, müssen wir auch nicht auf Gala schauen, denn im sechsten Spiel kommt es erneut zur Direktbegegnung und hoffentlich zum Superfinal.

Galatasaray hat die Meisterschaft mit neun Punkten Vorsprung auf Fenerbahçe abgeschlossen und konnte nach der Punktehalbierung mit fünf Zählern Vorsprung in die Playoffs steigen. Was macht Sie so zuversichtlich?

Wir haben eigentlich die ganze Saison über den besseren Fussball gespielt. Aber Galatasaray hat auswärts mehr gepunktet, als wir. Wir sind aber der einzige Klub aus der Spitzengruppe, der auch noch im Cup dabei ist (Halbfinal gegen Karabükspor am Donnerstag, Anm. d. Red.). Das zeigt unsere Konstanz über die ganze Saison und ich glaube auch, dass wir mental und physisch besser drauf sind.

Sie gehören Juventus Turin und wurden kurz vor dem Start der Serie A in die Türkei ausgeliehen. Aber Sie klingen, als ob Sie den Wechsel nach Istanbul nicht bereut hätten.

Das ist auch so. Mir war klar, dass ich einen schweren Stand bei Juve gehabt hätte, obwohl ich immer das Vertrauen gespürt habe. Ich habe mir bei Fenerbahçe einen Stammplatz erarbeitet und mich dadurch noch einmal in vielen Bereichen verbessert. Denn auch die Süper Lig weist ein hohes Niveau auf. Das wird bei uns unterschätzt. Ich bin sehr dankbar, dass mir Fenerbahçe die Chance geboten hat und ich zeigen kann, was ich draufhabe.

Hatten Sie seit Ihrem Wechsel Kontakt zu Juve?

Natürlich. Sportdirektor Beppe Marotta, der mich von Sampdoria zu Juve geholt hat, ruft immer wieder an und erkundigt sich nach mir. Ich spüre das Vertrauen und den Respekt der Turiner und sie sagen mir das auch.

Ihr Leihvertrag endet im Sommer. Wissen Sie schon wie es mit Ihnen weitergeht?

Ich habe weder mit Fenerbahçe noch mit Juve über die nächste Saison gesprochen. Ich wüsste derzeit auch nicht, was ich sagen soll, denn ich konzentriere mich ausschliesslich auf unsere Spiele. Wir haben noch die Chance, zwei Trophäen zu gewinnen und darauf ist derzeit alles fokussiert. Da haben Nebenschauplätze keinen Platz.

Modus in der Süper Lig

Nach Abschluss der regulären Saison (34 Spiele) finden 2 Playoffs zur Ermittlung des Meisters. Die letzten drei Mannschaften steigen direkt ab. Nach Abschluss des 34. Spieltages qualifizieren sich die ersten vier Mannschaften für die Meister-Playoffs und übernehmen dort die Hälfte ihrer bisher erspielten Punkte, jedoch nicht die Tore. Falls die Hälfte der Punkte eine nicht ganze Zahl ist, wird aufgerundet und am Ende bei Punktgleichheit wieder berücksichtigt. Die Meisterschaftsgruppe wird im Ligasystem mit Hin- und Rückspiel ausgetragen, so dass es 6 Spieltage mit je 2 Spielen gibt. Der Sieger ist Meister der Süper Lig 2011/12. Parallel zur Meisterschaftsgruppe spielen der Fünfte bis Achte der regulären Saison einen weiteren Europacupplatz aus.

Für den Europäischen Wettbewerb qualifiziert man sich wie folgt:

Der Meister nimmt an der Gruppenphase der Champions League 2012/13 teil. Der Vize-Meister muss in die 3. CL-Qualifikationsrunde. Der Dritte der Meister-Playoffs steigt in der 3. Qualifikationsrunde für die Europa League ein. Der Sieger der EL-Playoffs und der Vierte der Meister-Playoffs tragen ein Finalspiel auf neutralem Platz aus. Der Sieger qualifiziert sich für die 2. EL-Qualifikationsrunde.

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