Aktualisiert 12.02.2015 10:57

Frankenstärke

«Die Firmen gehen – und sie gehen jetzt»

Schweizer Firmen verlagern Produktion und Arbeitsplätze vermehrt ins Ausland. Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses brachte das Fass zum Überlaufen.

von
Valeska Blank
Ein Produktionsmitarbeiter im chinesischen Chongqing.

Ein Produktionsmitarbeiter im chinesischen Chongqing.

Das Ostschweizer Industrieunternehmen SFS ist eines von vielen Beispielen: Der starke Schweizer Franken lastet schwer auf Erträgen und Umsätzen. Die Firmengruppe hat darum entschieden, «arbeitsintensive Aktivitäten mit beschränktem Know-how und Technologiegehalt rascher als bisher geplant in eigene Werke ausserhalb der Schweiz» zu verlagern. Das schrieb SFS genau eine Woche nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Euro-Mindestkurs aufzugeben. Noch mehr SFS-Produkte werden nun nicht mehr im Rheintal, sondern etwa in Asien gefertigt.

Es dürfte nicht das einzige Schweizer Unternehmen sein, das sich wegen der Frankenstärke Gedanken über ein Ausweichen ins Ausland macht. «Es wird wohl damit zu rechnen sein, dass es zu Verlagerungen von Arbeitsplätzen kommt», bestätigt Annelise Alig, Leiterin Standortförderung-Services Aargau.

Mehr Anfragen für Verlagerung

Der Trend macht sich auch beim Beratungsunternehmen KPMG bemerkbar. Dort häufen sich die Anfragen von Firmen für Verlagerungen ins Ausland, berichtet die NZZ. Stefan Kuhn, Leiter der Abteilung Internationale Unternehmenssteuern, ist beunruhigt: «Die Firmen gehen – und sie gehen jetzt», sagt er zu 20 Minuten. Neu sei, dass sich darunter sogar traditionsreiche Klein- und Mittelunternehmen befänden.

Die Abwanderung beobachtet Kuhn aber nicht erst seit dem 15. Januar, dem Tag, an dem die SNB den Franken freigab. Das sei nur noch der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. «Die Dringlichkeit ist mit dem SNB-Entscheid höher geworden», sagt SFS-Sprecher Claude Stadler.

Abschreckend für Firmen

Die Gründe liegen neben dem SNB-Entscheid, der Schweizer Exportprodukte im Ausland auf einen Schlag um 15 Prozent teurer machte, auch im politischen Umfeld. Steuerexperte Kuhn sieht vor allem die Masseneinwanderungs- und Abzocker-Initiative sowie die Unsicherheiten in Zusammenhang mit der Unternehmenssteuerreform III als abschreckend für internationale Konzerne an: «Diese Nachteile können immer weniger durch Vorteile, die der Standort Schweiz durchaus bietet, aufgewogen werden.» Es gebe leider immer weniger, was aus ausländischer Sicht für den teuren Standort Schweiz spreche.

Die Kantone haben im vergangenen Jahr immer weniger ausländische Unternehmen in die Schweiz locken können: Insgesamt siedelten sich 2013 als Folge der Standortförderung 298 ausländische Firmen an, 5 Prozent weniger als im Vorjahr. Bereits von 2011 auf 2012 hatten sich die Zahl der ausländischen Unternehmen und der damit geschaffenen Stellen reduziert, wie Zahlen der Konferenz der Volkswirtschaftsdirektoren zeigen. «Die Schweiz ist schon länger nicht mehr automatisch auf der Shortlist von jedem ausländischen Unternehmen, die auf der Suche nach einem Standort sind», so Kuhn.

Nicht alle pessimistisch

Diese Tendenz habe Auswirkungen «auf jeden einzelnen Schweizer Bürger»: «Je weniger Firmen sich ansiedeln und je mehr abwandern, desto tiefer wird das Lohnniveau und desto mehr Jobs gehen verloren.» Gefährlich sei vor allem, dass dies schleichend geschehe. «Darum merken viele Wirtschaftsvertreter und Politiker gar nicht, welche Stunde geschlagen hat.»

Nicht ganz so pessimistisch für den Standort Schweiz ist man bei der Exportförderorganisation Switzerland Global Enterprise. «Wer mit Hochtechnologie arbeitet und weltweit die besten Talente gewinnen will, der kommt um den Standort Schweiz nicht herum», sagt Geschäftsleitungsmitglied Remo Daguati.

Stefan Kuhn, Leiter Abteilung Internationale Unternehmenssteuern, KPMG

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