Sizilien, Türkei - «Flammen loderten nur 100 Meter entfernt» – Betroffene schildern das Drama im Süden
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Sizilien, Türkei«Die Flammen loderten nur 100 Meter entfernt» – Betroffene schildern das Drama im Süden

Sie sind aus der Schweiz an die türkische Riviera und nach Sizilien gereist. Nun schildern zwei Leserinnen die dramatischen Zustände vor Ort.

von
pme/AFP/DPA
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In den Hügeln der türkischen Küstenstadt Marmaris brennt es seit Tagen.

In den Hügeln der türkischen Küstenstadt Marmaris brennt es seit Tagen.

REUTERS
Rund um das benachbarte Icmeler sind bereits ganze Waldabschnitte abgebrannt.

Rund um das benachbarte Icmeler sind bereits ganze Waldabschnitte abgebrannt.

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Die Feuerwehr kommt mit den Löscharbeiten kaum hinterher.

Die Feuerwehr kommt mit den Löscharbeiten kaum hinterher.

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Darum gehts

  • Im Süden Europas wüten seit Tagen heftige Brände.

  • Auch beliebte Feriendestinationen sind betroffen.

  • Zwei 20-Minuten-Leserinnen schildern, wie sie die Situation im türkischen Marmaris sowie auf Sizilien erleben.

Im Süden Europas ist es glühend heiss, seit Tagen wüten heftige Brände. Am vergangenen Montag ging es in Sardinien los, ab Mitte Woche brannte es dann in der Südtürkei und am Freitag zeigten dramatische Bilder aus Catania die Brände auf Sizilien. Auch in Griechenland und Albanien brennt es zurzeit.

Zwei 20-Minuten-Leserinnen schildern, wie sie die Situation im türkischen Marmaris sowie auf Sizilien erleben.

Türkische Behörden empfehlen, drinnen zu bleiben

In mehreren beliebten Touristenorten in der Türkei, wie Bodrum und Antalya, mussten gemäss der Nachrichtenagentur AFP in den vergangenen Tagen Hunderte Menschen vor den heranrückenden Flammen per Boot evakuiert werden. Und die Lage scheint sich nicht zu entspannen: Für Montag sind erneut 40 Grad angekündigt. Auch rund um die Küstenstadt Marmaris ist die Lage dramatisch. Staatspräsident Erdogan hat die Region am Samstag besucht.

Auch ein weiterer News-Scout filmte die Brände. Er berichtet: «Das Feuer hat schon ganze Dörfer im Umfeld zerstört – unter anderem auch das Haus eines Freundes.»

20min/News-Scout

Hülya Capkin aus Zürich weilt zurzeit zusammen mit ihrer Tochter sowie einer Freundin dieser in Marmaris. Capkin, die selbst schweizerisch-türkische Doppelbürgerin ist, besitzt in Marmaris ein Ferienhaus und ist regelmässig vor Ort. Am Telefon schildert sie gegenüber 20 Minuten dramatische Zustände. «Es brennt hier mit voller Wucht. Es sind Tiere bis zu meinem Grundstück vor den Flammen geflüchtet. Ich habe verbrannte Wildschweine und Steinböcke gesehen. Es ist einfach schrecklich.»

Seit Tagen lodern zahlreiche Feuer in Südeuropa. In der Türkei und in Sizilien sind Feuerwehrkräfte Tag und Nacht im Dauereinsatz.

20min/News-Scout, AP

«Alle sitzen auf den Koffern»

Die Innenstadt von Marmaris sei menschenleer, berichtet Capkin. «Alle sitzen auf ihren Koffern». Die Behörden hätten die Menschen dazu aufgefordert, in den Häusern und Gebäuden zu bleiben und nicht nach draussen zu gehen, es sei denn, dies sei dringend nötig. Sie selbst habe die Stadt mit den beiden Kindern vor zwei Tagen verlassen. Etwas ausserhalb hätten sie vorübergehend eine Wohnung gemietet, weil die Hotels alle voll waren. Am Sonntag wollten sie nach Marmaris zurückkehren.

Capkins Haus befindet sich in einem kleinen Landstrich, der noch nicht gebrannt habe. Aber sie befürchtet Schlimmes. «Es ist über 40 Grad hier und es herrschen heisse Winde. Die Hitze ist extrem. Die Menschen sind müde. Bei über 40 Grad Feuer zu löschen beansprucht einen.» Gemäss Capkin machen Berichte die Runde, wonach die Brände absichtlich gelegt worden seien. In den Wäldern rund um Marmaris seien Benzinkanister gefunden worden.

Laut dem türkischen Minister für Land- und Forstwirtschaft, Bekir Pakdemirli, sind inzwischen 107 der 112 Waldbrände landesweit unter Kontrolle. In den Touristenregionen Antalya und Mugla, zu der auch Marmaris gehört, wüteten die Brände, angefacht durch Winde und Hitze, allerdings immer noch. Gemäss Hülya Capkin sei auch kein Regen in Sicht.

«Es ist alles schwarz draussen»

Auch in Sizilien herrschten in den vergangenen Tagen Temperaturen um 40 Grad Celsius. Wegen Trockenheit, Hitze und starken Winden verbreiteten sich die Flammen auch dort rasch. Hunderte Feuerwehrleute haben am Sonntag weiter gegen die verheerenden Waldbrände gekämpft. Zuletzt brannte es besonders um die Grossstadt Catania – dort waren auch Ferienanlagen betroffen.

Vor Ort ist auch Frau Carozza aus Zürich. Sie weilte am Freitag zusammen mit ihrer achtköpfigen Familie am Strand von Capannine, zehn Kilometer südlich vom Stadtzentrum von Catania. «Es herrschten 44 Grad. Bereits beim Mittagessen haben wir Feuer gerochen. Gegen 14 Uhr haben wir dann gemerkt, wie plötzlich Aufruhr entstanden ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fingen an, mit Wasserschläuchen rumzuspritzen. Da erkannten wir, was es geschlagen hat.» Die Familie habe den Strand sofort verlassen. Mehrere Gebäude der Badeanstalt brannten anschliessend ab.

Als sie in ihrem rund zwei Kilometer entfernten Mietshaus ankamen, war dieses ebenfalls von Feuer umzingelt. «Wir erkannten, dass wir eingeschlossen waren. Die Flammen loderten nur rund 100 Meter entfernt. Rundherum war alles schwarz. Es war wahnsinnig!» Besitzerinnen und Besitzer benachbarter Häuser hätten mit Gartenschläuchen alles abgespritzt, damit ihre Häuser nicht abbrennen konnten. Rettungskräfte seien keine vor Ort gewesen.

Die Familie flüchtete abermals. «Zum Glück war die Zufahrtsstrasse nicht blockiert. Wir haben unser Auto vollgepackt und sind so schnell wie möglich aus der Zone weggefahren», erzählt die Schweizerin 20 Minuten am Telefon. Die Familie habe sich anschliessend in Richtung Ätna aufgemacht. Erst gegen drei Uhr morgens hätten sie die Meldung von der Hausvermieterin bekommen, dass es wieder sicher sei zurückzukehren. Als sie dort ankamen, waren dann auch Feuerwehr, Carabinieri und sogar Soldaten der Armee vor Ort.

Italien schickt weitere Unterstützung in die Region

Carozza reist regelmässig in die Region. Waldbrände seien zu dieser Jahreszeit grundsätzlich nichts Aussergewöhnliches, aber so etwas wie dieses Mal hat sie noch nie erlebt. «Das Schlimmste war, dass niemand da war. Der Zivilschutz, der später zu unserem Haus kam, hatte keine Ahnung. Das Krisenmanagement hat total versagt.» Es gleiche einem Wunder, dass keine Menschen den Flammen zum Opfer gefallen seien. Nur dank dem unermüdlichen Einsatz der Einheimischen hätte im Quartier das Schlimmste verhindert werden können.

Italiens Ministerpräsident Mario Draghi unterschrieb am Sonntagvormittag ein Dekret, mit dem Sizilien weitere Unterstützung aus anderen italienischen Regionen bekommen soll. Der sizilianische Regionalpräsident Nello Musumeci hatte die Hilfe gefordert. Der Zivilschutzbehörde zufolge sollen Teams, etwa aus Südtirol, der Lombardei, dem Piemont und Venetien, entsendet werden.

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